Peter Bichsel Finebooks

Das zweite Leben

Michael Guggenheimer

„Der Antiquar am Hirschengraben“ heisst ein neuer Schweizer Dokumentarfilm von Leila Kühni, in dem es um jenen Berner Antiquar geht, der in Pascal Merciers Roman „Nachtzug nach Lissabon“ vorkommt. Antiquar Jaime Romagosa hat vor einiger Zeit sein Bücherreich in Bern aufgegeben. «Kein Buch ist so schlecht, dass nichts drin ist, was noch von Wert ist“, sagt Romagosa im Film.

Moderne weisse Regale mit alten Büchern bei Fine Books

Der Berner Dr. Peter Bichsel zeigt in seinem Antiquariat „Finebooks“ in Zürich, dass gelesene Bücher immer wieder ein gutes zweites Leben haben können. Mit seinem Buchantiquariat führt er vor, wie man alle Vorurteile gegenüber Antiquariate zur Seite legen kann. Müffelige Atmosphäre? Nicht bei Finebooks. Weltabgewandter Antiquar? Nicht so Peter Bichsel. Neuantiquariat mit verramschten Büchern? Nicht an der Gerechtigkeitsgasse beim Bahnhof Selnau.

Was beim Betreten des Antiquariats sofort auffällt: Die Klarheit und Ordnung in den Buchtablaren, das neue Mobiliar im Dialog mit schönen alten Sitzmöbeln, das Büro des Antiquars mit den vielen Enzyklopädien, Wörterbüchern und fachspezifischen Nachschlagewerken. Der promovierte Germanist Bichsel wollte nach der Zeit als Assistent an der Universität keine akademische Laufbahn und kein Schulamt antreten. Da es keine reglementierte Diplomausbildung zum Antiquar in der Schweiz gibt, hat er das Rüstzeug zum Umgang mit antiquarischen Büchern nach dem Studium während seiner mehrjährigen Mitarbeit im Antiquariat Hellmut Schumann in Zürich erworben. Kurz bevor diese Schweizer Filiale des New Yorker Antiquars H.P. Kraus in neue Hände überging, gründete er im Jahr 2003 sein eigenes Geschäft. Seit 2009 befindet sich das Antiquariat am jetzigen Ort im Hochparterre eines sorgfältig renovierten Wohnhauses an der Ecke Selnaustrasse / Gerechtigkeitsgasse. Den Anfangsbestand bildeten der Nachlass einer privaten Bibliothek aus Bern sowie Teile der aufgelösten Bibliothek von Theaterregisseur und Schauspielhaus Direktor Kurt Hirschfeld. „Quereinsteiger sind in unserem Beruf zahlreich“, meint Bichsel. „Jeder betreibt sein Geschäft in der ihm beliebigen Form, als Ladengeschäft, als Messeantiquar, als Galerie, auf Anmeldung oder als Internet-Versandantiquariat, am häufigsten wohl in einer Mischform.“

Befragt, ob das Internetzeitalter und die Homesite ZVAB, das „Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher“, nicht etwa die Existenzgrundlage und Zukunft der Antiquariate gefährde, erzählt Bichsel von buchbegeisterten Menschen, die manchmal von weither kommen und sich in den Gestellen seines Antiquariats umschauen und erst beim genaueren Anschauen eines Buchs wissen, dass sie gerade dieses Buch schon lange gesucht haben könnten. „Man findet im Antiquariat, das was man nicht sucht“, weiss Bichsel lachend zu berichten. Man hält ein Buch in Händen, schaut es an und weiss, dass man gerade dieses Buch besitzen möchte, ein Erlebnis, das es im Netz so nicht geben könne. Buchfreunde, die regelmässig antiquarische Bücher suchen, wissen, dass gute Antiquariate nicht alle ihre Schätze über die ZVAB-Site im Internet anpreisen, weshalb Besuche beim Antiquar für sie wichtig sind. Nach der Definition des Begriffs „antiquarisches Buch“ befragt, meint Peter Bichsel: „Wenn ein Buch nicht mehr im Buchhandel greifbar ist, kann es zum zweiten Mal auf den Markt kommen. Dann eben als antiquarisches Buch“. Peter Bichsel kommt zu seinen Büchern in der Regel über Angebote von Familien, in deren Besitz sich ein besonderer Buchnachlass findet. Manche Bücher muss er im Rahmen der Erwerbung eines Nachlasses mit übernehmen, obschon er weiss, dass er sie nicht wird weiterverkaufen können. Diese Bücher leitet er einem Brockenhaus weiter.

Bichsels Welt antiquarischer Bücher ist weitgespannt. Naturwissenschaft und Technik sind seine Spezialität nicht. Dafür Autographen, Belletristik-Erstausgaben, Bücher mit Widmungen bekannter Autoren, Bücher aus den Bereichen Theologie und Philosophie, illustrierte Werke und Kunstbücher, Kinderbücher sowie geistesgeschichtliche Werke. Bichsel ist Präsident des Verbands Buchantiquare und Kupferstichhändler in der Schweiz“ (VEBUKU). Im Jahr 2015 wird der VEBUKU erstmals die Organisation der Antiquariatsmesse im Zürcher Kunsthaus übernehmen, an der Finebooks seit mehreren Jahren jeweils mit einem eigenen Stand vertreten ist. 59 Mitglieder aus der ganzen Schweiz zählt die Organisation. Und der Austausch unter den einzelnen Antiquaren funktioniere bestens, meint Bichsel, der gemeinsam mit zwei anderen Zürcher Antiquaren Vortragsabende zu Themen aus dem Bereich des Buchwesens veranstaltet, die Antiquaren und Freunden antiquarischer Bücher offenstehen.

Peter Bichsel Fine Books
Gerechtigkeitsgasse 2
8001 Zürich
T: 043 222 48 88
www.finebooks.ch

 

Ppbde.

Heinz Egger

Einen Laden gibt es nicht. Einzig ein Schaufenster, das im ehemaligen Treppeneingang des Hauses an der Ecke Selnaustrasse-Gerechtigkeitsgasse eingebaut worden ist, zeigt ein paar antiquarische Bücher. So gibt es auch keine Öffnungszeiten. Wer spontan hingehen möchte, kann dies ruhig tun. Allenfalls ist Dr. Peter Bichsel nicht da, aber meistens schon.
Der Eingang zum Haus befindet sich ganz unscheinbar an der Seite, an der Gerechtigkeitsgasse 2. Ein grosses, weisses Entrée. Ein roter, alter Kanister – ob er einst für Benzin war? – empfängt einen.

Mit alten Möbeln sparsam gestatltetes Buchantiquariat Fine Books

Durch eine Schmale Türe, die der Hausherr jeweils aufschliesst, gelangt man ins Antiquariat. Zwei Räume, sehr hell, mit alten Möbeln sparsam geschmückt. Im hinteren Raum steht die permanente Ausstellung. Buchrücken an Buchrücken drängt sich in den weissen Gestellen. Bücher vom 15. bis ins 21. Jahrhundert stehen da. Oben sind die mehrbändigen Werke und zieren den Raum mit ihren geschmückten Rücken wie ein Fries.

Im vorderen Raum stehen wechselnde Stücke, teils offen, alle mit einem Beschrieb.
Ein solcher Beschrieb besteht aus zwei Teilen. Einem ersten bibliografischen, also mit Fakten über das Buch von Autor, Verlag, Druckerei bis Masse und Seitenzahl, und einem zweiten, in dem der Antiquar das Buch in einem freien Text würdigt, das Spezielle hervorhebt. Das kann die Geschichte des Exemplars sein, ein Hinweis auf Illustrationen oder den Einband.

Das tönt so und ist auf Anhieb nur für Insider verständlich: „Allgemeines deutsches encyklopädisches Handwörterbuch oder wohlfeiles Taschen-Conversations-Lexikon für alle Stände. ln alphabetischer Ordnung. Bde. I-XVIII, XXI-XXVIII, XXXI-XXXVI zus. 32 Bde. (von 36) in 16. 5729, (3) SS. 12mo. Ppbde. d. Zt. (berieben). Augsburg, J. A. Schlosser, 1828-1831. Bestellnr.: 7098, CHF 580.00.
Erste Ausgabe dieses seltenen Konversationslexikons. Im Anschluss dazu gab der Verlag separat 50 Kupfertafeln mit 1000 Bildnissen heraus, die im Anhang zu Bd. XXXVI beschrieben werden. Vgl. Sammlung Seemann, 6 (Ausgabe Ulm 1840 in 24 Bden.). Ohne die Bde. XIX, XX, XXIX, XXX. Innen tadellos.“

Genau diese Texte waren es, die Peter Bichsel nach seinem Studium und Doktorat ins Buchantiquariat zogen. Antiquar kann man nicht lernen, man muss sich in die Materie einarbeiten. Vier Jahre arbeitete er für Hellmut Schumannm an der Rämistrasse. Dann machte er sich selbständig. Für seinen Start mit Fine Books konnte Peter Bichsel einen grösseren Bestand übernehmen. Ein Lastwagen voller Bücher sei nach Zürich gekarrt worden, sagt er. Er blieb immer mehr Händler als Sammler. So schaut er genau durch, was er beispielsweise aus Nachlässen übernimmt. Aussortieren ist die Hauptaufgabe. Herauspicken, was ins eigene Angebot passt, was speziell ist. Dafür habe er in den vergangenen 10 Jahren sein Auge und seine Hände schulen müssen.

Er zeigt zur Illustration dazu einen Einband eines broschierten Buches, dessen Umschlag innen wie ein eingebundenes Buch aussieht. Die so entstandene trapezförmige Klappe der Längsseite ist bedruckt: Die Buchstaben des Hochdrucks haben sich stark in das weiche Papier eingeprägt.
Und wie entstehen die oben zitierten Texte zu den Büchern? – Es bedeutet viel Recherchearbeit in Enzyklopädien und Bibliographien. Der erste Teil soll praktisch und wissenschaftlich sein. Seine zweiten Teile seien in den Jahren immer kürzer geworden. Man müsse ja nicht immer die Welt erklären. Und der Kunde wisse sehr oft mehr über das gesuchte Objekt als der Antiquar.

Auflösung der Abkürzungen (nach: www.zvab.com/pages/helpSearch.jsp#5):
Bde. = Bände
SS. = Seiten
12mo = Duodez, Duodecimo, Grösse 10 bis 15 cm
Ppbde. = Pappbände
d. Zt. = der Zeit, zeitgenössisch

 

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