Piz Buch & Berg

Bücherberge. Bergbücher

Michael Guggenheimer

Piz. Rätoromanisch für Gipfel, Spitze. Piz Bernina. Piz Kesch. Piz Linard. Piz Palü. Piz Sardona. Auf keinem dieser Gipfel war ich jemals. Und die Chance, dass ich je auf einem dieser Berggipfel sein werde, ist kleiner als klein. Lieni Rofler, eidgenössisch diplomierter Bergführer, war gewiss auf einem dieser Gipfel. Gewiss schon auf mehreren. Ich müsste ihn bei unserer nächsten Begegnung danach fragen. Der Mann kennt sich in den Bergen aus. Nicht nur mit Hand und Fuss. Denn er ist nicht nur regelmässig auf Berggipfeln anzutreffen. Er ist Besitzer der Buchhandlung Piz, der einzigen spezialisierten Buchhandlung der Schweiz, deren Thema die Bergwelt ist. „Piz. Buch & Berg“ steht auf seiner Visitenkarte, auf der ein Buch abgebildet ist, dessen Cover so spitz platziert ist, dass der Buchdeckel so aussieht, als handle es sich hier um einen Berggipfel, der noch zu erklimmen ist.

Ein BLick in die Buchhandlung

Berge, Berge, Berge. Das ist das Thema der Buchhandlung, bei der nicht nur das Alpine Museum der Schweiz Bücher besorgt, sondern bei der sich jedes Jahr eine Kommission des Schweizerischen Alpenclubs umschaut, um hier neue Bücher einzukaufen, auf die Lieni Rofler gestossen ist. Bergbücher sind viel mehr sind als Wander- und Kletterführer. Bergbücher sind Krimis, die in den Bergen spielen, sind Romane, deren Schauplatz die Alpen oder die Anden sind. Bergbücher sind Architekturbücher, in denen das Bauen im Hochgebirge geschildert wird. Bergsagen und –mythen, Hüttenverzeichnisse, Berglyrik und DVD’s zum Thema Eisklettern füllen die Büchergestelle der Buchhandlung Piz. Piz an der Müllerstrasse ist nach 16 Jahren so bücherbevölkert, dass – ähnlich wie in den Alphütten des SAC – dringend Bedarf nach einer Erweiterung ist. Bergbücher sind bei Piz viel mehr als bloss Bücher, in denen die Alpen vorkommen. Die höchsten Gipfel Afrikas, die Bergwelt Tibets und Ladakhs, die Berge Neuseelands, der El Capitan Kaliforniens, Klettern in Galicien und in der Sächsischen Schweiz: Berge weltweit gibt es an der Müllerstrasse in Bild und Wort zu erobern.

Es muss eine grosse Gemeinde von lesenden Bergfreunden geben, denn die Zahl der Bergmonografien in der Buchhandlung Piz ist endlos lang. Ob Glärnisch, Vrenelis Gärtli, die Jungfrau, das Finsteraahorn, der Tödi oder die Churfirsten: Es gibt Autoren wie den Schweizer Emil Zopfi, die einen Berg nach dem anderen besteigen, beschreiben, fotografisch festhalten. Es gibt Verlage wie den deutschen Malik Verlag, den amerikanischen National Geographic, oder die AS Verlag und Buchkonzept AG, die sich auf Bergbücher spezialisiert haben. Ich bin kein Kletterer, eher ein beschaulich langsamer Wanderer. Wanderkarten habe ich. Denn ohne Wanderkarte bin ich nur ungerne in den Bergen unterwegs. Ich kenne und liebe die Bücher des Schweizers Arno Camenisch, die in der Bündner Bergwelt spielen. Bergmonografien sind nicht meine Sache. Trotzdem könnte ich bei jedem Besuch in der Buchhandlung Piz mit mehr als bloss einem Buch die Bücherbergwelt von Lieni Rofler verlassen. Gekauft habe ich beim ersten Besuch das Buch „Chäswandern“ mit 17 ausgesuchten Käsen und 17 Wanderungen an ihren Ursprung. Geschrieben, illustriert und gestaltet hat das schöne Buch Tina Balmer aus Zürich. Beim zweiten Besuch habe ich „Das grosse Wanderbuch Glarnerland“ gekauft. Nicht für mich. Und weil die Geschenkpackungen von Piz aus Fehldrucken von Wanderkarten der Landestopographie bestehen, was das schönste Buchgeschenkpapier weit und breit ist, werde ich gewiss wieder den Bücher-Piz besteigen.

Piz Buch & Berg
Müllerstrasse 25
8004 Züich
Tel. 044 240 49 49
www.pizbube.ch

 

 

Gipfelstürmer

Heinz Egger

„Sie machen Werbung für gefährliche Sachen. Denken Sie an all die Toten!“, ruft ein Mann in etwas zerschlissenen Kleidern durch die Tür. Lieni Roffler, der Inhaber der Buchhandlung „Piz, Buch und Berg“, kennt den Mann aus dem Quartier und weiss, ihm Paroli zu bieten.

Bücher für Kletterer, Trecker, Skitourenfahrer und Wanderer

Nun, ganz von der Hand zu weisen sind die Gefahren nicht, die beim Besteigen von Bergen, Erklettern von Felsköpfen oder von Fussmärschen mit Sack und Pack in abgelegenen Gebieten ausgehen.

Die genaue Kenntnis der Route, der Geologie und der klimatischen Verhältnisse erleichtern die Bewegung in Fels und Eis. Und auf diese Information ist die Buchhandlung spezialisiert. Im kleinen, hellen Raum finden sich: Karten, Reise-, Wander- und Kletterführer, Geologiebücher, Bildbände über Alpinismus, Hütten- und Skitourenverzeichnisse, DVDs mit Lehr- und Dokumentarfilmen und eine sorgfältig zusammengestellte Auswahl an Belletristik und Geschichten ums Klettern und Wandern.

Ich finde ein Gedichtbändchen von Reclam, das von sich selbst behauptet, dafür sei noch in jedem Rucksack Platz: die schönsten Gedichte aus Ost und West, von der Antike bis heute. Für alle Gipfelstürmer – der Poesie.

Während ich den Umschlag betrachte, klingt das Wort Gipfelstürmer in mir nach und weckt eine Erinnerung an eine Schulreise in der Mittelschule:

Wir waren zwei Tage unterwegs in den Bergen. Wir überstiegen den Ela-Pass und übernachteten in der Ela-Hütte. Da wir die Hütte schon mitten am Nachmittag erreichten, gab es viel Zeit, sich entweder auszuruhen oder die nähere Umgebung zu erkunden. Nachdem die Klasse den ganzen Tag zusammen war, suchten einige auch einfach einen ruhigen Platz, um für sich zu sein. So tat es Anita. Sie packte ihren Militärbrotsack, auf dem ein grosser Glückskäfer prangte und ohne den sie eigentlich nie unterwegs war, und stieg ein wenig den Hang gegenüber der Hütte hoch. Irgendwo in den Steinen setzte sie sich nieder und begann zu lesen. Auch mir war nach etwas freier Luft. So stieg ich ebenfalls in die Steinblöcke hinauf. Immer wieder schaute ich an den felsigen Hang hinauf, der sich über mir erhob. Ich verspürte grosse Lust, den Gipfel zu erklimmen. Ich ging zu Anita und fragte, ob sie auch mitkomme. Sie schaute kurz den Berg hinauf und nickte. So brachen wir auf, jeder suchte seinen eigenen Weg. Bald gab es kein Gras mehr, es wurde steiler und steiler. Es war leicht, von Stufe zu Stufe hochzuklettern. Überall gab es Griffe wie Briefkästen, an denen man sicheren Halt fand. So stiegen wir höher und höher. Die Ela-Hütte wurde kleiner und kleiner, die Leute darum herum kleine Punkte. Bei einer Rast schauten wir länger hinunter. Man hatte uns entdeckt, man winkte. Und einer fuchtelte wild mit den Armen. Es war unser Englischlehrer … Was seine Zeichen sagen wollten, war uns schon klar, aber so kurz vor dem Gipfel umkehren, das wollten wir nicht.

Wie es sich gehört, gaben wir uns auf dem Gipfel die Hand. Ein kräftiger Wind blies und liess die braunen Locken von Anita wild wallen. Die Ela-Hütte lag bereits im Schatten und das Dunkel stieg langsam höher. Wir mussten uns beeilen, um zur Nachtessenszeit wieder unten zu sein.

Der Abstieg war einiges schwieriger als der Aufstieg! Aber wir kamen heil bei der Grasnarbe an und sprangen das letzte Stück im Laufschritt hinab. Die ganze Klasse empfing uns. Und der Lehrer. Er war ausser sich, dass wir es gewagt hatten, uns in die Felsen zu begeben. Er habe Angst um uns gehabt und er sei doch für uns verantwortlich … Das werde ein Nachspiel haben, prophezeite er uns.

Das hatte es: Wir wurden vom Rektor verwarnt und mussten einen Nachmittag nachsitzen. Aber das nahmen wir hin. Der Adrenalinsturm, die Aussicht und das Gefühl der Freiheit waren viel stärker als die Strafe.

Der Mann in der Tür steht immer noch da. Lieni Roffler gibt souverän und gelassen Antworten und wünscht wiederholt einen schönen Nachmittag, um den unbequemen Stänkerer wieder loszuwerden. Er wird wohl als Bergführer auf seinen Touren immer wieder mit etwas queren Leuten zu tun gehabt haben. Er kennt die Mittel, sich durch-, aber auch abzusetzen.

 

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