Press & Books im Hauptbahnhof Zürich

Bahnhofs-Zeitungsdruckerei

Michael Guggenheimer

Andere machen am Bahnhof beim Treffpunkt unter der grossen Uhr ab. Ich aber verabrede mich mit Freunden oder Bekannten in der Zeitungs- und Zeitschriftenhalle des Zürcher Hauptbahnhofs. Ein schöner und hoher Raum aus der Jahrhundertwende ist diese Halle. Zwar gibt es hier auch Bücher, aber für Bücher ziehe ich die Buchhandlung Barth im Shopville unter dem Bahnhof vor. Die Zeitschriftenhalle ist ein wahres Zeitungs- und Zeitschriften-Eldorado. Obschon, das muss doch noch gesagt sein, Zeitschriftenläden an deutschen Bahnhöfen wesentlich reicher bestückt sind.

Bin ich zu früh da, kann ich mich beim Warten in der Zeitschriftenhalle in Ruhe umschauen, entdecke jedesmal Zeitschriften, die ich selten in der Hand habe. Wie lautet das Thema der neuen Ausgabe von „Psychologie heute“? Welche Autoren sind in der neuen Nummer der Zeitschrift „Reportagen“ vertreten und welche Gebiete haben sie dieses Mal besucht? Lohnt sich der Kauf der neuen Ausgabe des „Kunstbulletins“? Und welche neuen Bücher bespricht die „New York Times Review of Books“ diesmal? Ich blättre die neue Wochenausgabe von Pariscope durch und schau’ nach, welche Ausstellungen zur Zeit im Grand Palais und in der Fondation Cartier zu sehen sind, auch wenn ich gar nicht vorhabe, nach Paris zu fahren. Auch wenn ich nicht gerade am Bahnhof verabredet bin, schaue ich mich vor Bahnreisen immer wieder in der Zeitschriften- und Zeitungshalle um. Und immer findet sich etwas, das mich interessiert.

Riesiges Angebot an Zeitschriften

Lange ist’s her, da habe ich jede Woche am Sonntag am Bahnhofskiosk in Zürich die Samstagsausgabe von „NRC Handelsblad“ aus Amsterdam geholt. Lange ist’s her, da konnte man die liberale israelische Tageszeitung „Ha’aretz“ am Hauptbahnhof in Zürich mit einer Verspätung von bloss einem Tag holen. Irgendwann hörte dieser Service auf. Wohl weil der Transport dieser und anderer Tageszeitungen aus dem Ausland zu teuer, vielleicht auch weil die Nachfrage zu gering war. Da war man auf Freunde angewiesen, die aus Holland oder aus Israel in die Schweiz kamen und die man darum gebeten hat, die neue Ausgabe von Trouw aus Holland oder Yediot Achronot aus Israel mitzubringen.

Seit kurzem der Lichtblick, auf einmal die Wende: Obschon man „NRC Handelsblad“ oder die Lokalausgabe der „Sächsischen Zeitung“ aus Görlitz im Netz abonnieren kann, sind sie jetzt tagesaktuell im Hauptbahnhof von Zürich gleich in zwei Zeitungsläden in Papier erhältlich. Und nicht nur sie. Es ist kaum zu glauben, aber die Elektronik macht es möglich: Seite für Seite lassen sich hunderte von Zeitungen, die im Ausland erscheinen, in Zürich in der Zeitschriftenhalle an einem Automaten ausdrucken. Die Firma „Press&Books“, die im Auftrag von „NewspaperDirect“ diesen Dienst anbietet, wirbt sogar damit, dass 1000 Titel in ihren Zeitungsdruckern zu haben seien. Auch exotische Titel. Und das zu einem bescheidenen Preis! Ob es wirklich 1000 sind, kann ich nicht sagen, ich habe die Titel nicht zählen können. Aber ich habe die Probe aufs Exempel gemacht und staune: Ich habe brasilianische Freunde überraschen können, als ich ihnen die Zeitung ‚Agora’ vom Tage in die Hand drückte! Wie einfach die Handhabe ist: Man wählt auf dem grossen Bildschirm den Kontinent, entscheidet sich dann für ein Land, wählt anschliessend die Zeitung, die man gerne lesen möchte, tippt den eigenen Namen ein und druckt die Zeitung vom Tag aus, um anschliessend Fr. 5.- für die Zeitung zu zahlen. Die Blätter im A3 Format sind vorder- und rückseitig bedruckt, die Frontseite sogar noch farbig. Nach dem Druckvorgang heftet man die Blätter und schon hat man eine Zeitung in der Hand und kommt das Gefühl auf, in Amsterdam im Café de Jaren oder in Görlitz im Café Kränzel zu sitzen und das NRC Handelsblad oder die Sächsische Zeitung zu lesen. Noch sei der Zeitungsdrucker etwas versteckt, bedauert die Verkäuferin. Expats seien die häufigsten Kunden am Automaten. Und am Sonntag kämen hier zahlreiche Zeitungsleser vorbei, die die englischen und amerikanischen Sonntagszeitungen ausdrucken. Die beiden grossen Zeitungskioske am Hauptbahnhof in Zürich als kleine Druckereien, die auf Zeitungen aus der ganzen Welt zugreifen können.

Den Newspaper on Demand Dienst gibt es in der Schweiz an zwanzig Orten, in Zürich an fünf.

Press & Books Zürich
Hauptbahnhof
8001 Zürich
T: 044 212 29 84
www.pressbooks.ch/Produkte/Newspapers

Ohalätz!

Heinz Egger

Wir kündigen uns oft an, wenn wir einen Buchort besuchen – oder wir melden uns während des Besuchs. So wollte ich mich auch in Press & Books in der Haupthalle des Hauptbahnhofs zuerst vorstellen, unser Buchzeichen abgeben und dabei die Mission erklären. Oha, da hörte ich nur wieder holt, nicht nur aus einem Mund: „Nein, machen Sie das zuerst mit Valora aus.“ So wurde ich quasi aus dem Haus geschickt.
Unten in der Halle zum Museumsbahnhof gibt es einen zweiten solchen Laden. So tauche ich denn mit der Rolltreppe in den Untergrund ab. Nicht nur äusserlich, sondern auch innerlich: Diesmal trete ich ganz einfach als Kunde auf.

Blick auf die Zeitungsdruckerei: 1000 Zeitungen abrufbar!
Ich passiere die weit offene Rundtüre. Eine dicke, trockene, nach Papier riechende Luft schlägt mir entgegen. Das ist sicher die Ausdünstung der vielen Zeitungen, die in Ständern auf Käufer warten. Sogleich sehe ich das Angebot, das ich erkunden möchte: Eine Station, an der über 1000 Zeitungen aus aller Welt zum lokalen Druck abgerufen werden können. Es sind bloss fünf Schritte bis zum gedruckten Exemplar. Der grosse Fernsehschirm zeigt sie. Als Erstes fordert er auf, den Bildschirm zu berühren. Welchen, frage ich mich: den Fernsehschirm sicher nicht. Darunter entdecke ich einen PC-Monitor und eine Computermaus. Ah, so geht das hier. In der Mitte des Monitors steht eine Website ohne Bezug zu den Zeitungen. Links steht senkrecht ganz winzig eine Navigation, über die das Zeitungsangebot erreichbar ist. Zeitungen können über den Titel, Gebiete auf einer Weltkarte oder über die Sprache gesucht werden. Ich entscheide mich für die Weltkarte und suche eine Zeitung aus Israel. – Ehrlich, das Interface erinnert mich an Bildschirmdesigns aus den Anfängen der Mausbedienung! Ich finde Israel. Zwei Zeitungen sind im Angebot: Israel Faxx und Jerusalem Post. Ich wähle letztere, gebe meinen Namen ein und schliesse den Bestellvorgang ab. Ich möchte noch wissen, was für Zeitungen beispielsweise aus Deutschland erhältlich sind. Als ich durch die Liste blättere, erkenne ich schnell, dass es sich um Lokalblätter handelt: Burghauser Anzeiger, Chemnitzer Morgenpost, Plattinger Zeitung. „Suchen Sie etwas?“, werde ich unterbrochen. „Ja und Nein“, erwidere ich. „Ich habe bereits eine Jerusalem Post gekauft und schaue mir nun an, was es sonst noch gibt.“ – „Das ist nicht zum Spielen! Zeigen Sie!“ Die Frau drängt mich zur Seite, greift nach der Maus, klickt einige Male, bis sich der gesuchte Bildschirm öffnet. „Da ist meine Zeitung“, sage ich schnell, als die Liste erscheint. Dann sagt sie: „Die ist gar noch nicht aktiviert!“ – „Was bedeutet denn aktiviert?“ – „Gehen Sie zur Kasse!“, sagt sie barsch. Ich gehe hin, bezahle und kehre an den Auswahlort zurück, erwartend, dass nun meine Zeitung gedruckt werde. Ein Fortschrittszeiger auf dem Bildschirm meldet, dass meine Zeitung verarbeitet wird. Bald kriecht die erste Seite aus dem Drucker, farbig. Schön sieht sie aus, meine Jerusalem Post, aber der saubere Druck ist klein. Das Original muss einiges grösser als A3 sein. Die Verkäuferin nimmt den Stapel Papier, schlägt links und rechts einen Teil ein, so dass das Paket nur noch ein Drittel so gross ist, und drückt es mir in die Hand.

Ein stetiges Kommen und Gehen bei Zeitschriften und Büchern
Natürlich gibt es mehr als bloss Zeitungen und Zeitschriften im Angebot. Books heisst es ja auch im Namen: Es sind vorwiegend Bestseller von Liebe, Sex and Crime, Reiseführer oder Bücher für die Unterhaltung von Kindern auf Reisen. Auch Landkarten und Karten für Glückwünsche gehören zum Angebot.

Während ich die Auslage betrachte merke ich, wie hektisch es im Laden zu- und hergeht. Ein stetes Kommen und Gehen. Es ist wohl schwierig, das Geschehen im Laden im Auge zu behalten. Das könnte die Haltung der Verkäuferinnen erklären: Sie sagen klar, was sie wollen und ablehnen.

 

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Ein Gedanke zu „Press & Books im Hauptbahnhof Zürich

  1. Andre Madler

    Ich bin immer wieder von dieser Flut an Magazinen überwältigt. Wenn ich einmal im Kiosk stehe und anfange in den einzelnen Magazinen zu smökern, kenne ich keinen Halt mehr. Da kann ich Stunden verbringen, ohne das ich bemerken würde wie die Zeit verrinnt. So viel neue Information, da bin ich einfach in meinem Element. Die wichtigsten Zeitschriften abonniere ich dann jeweils, so bleibe ich immer auf dem laufenden in meinen Fachgebieten.

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