Publishers in Residence / Museum Strauhof, Zürich

Verlagsarbeit

Michael Guggenheimer

Als Leser kennt man die Namen. Diogenes, Dörlemann, Unionsverlag, Rotpunkt, Lenos, Es sind Schweizer Verlage. Und man kennt ihre Bücher. Aber wer sind die Gesichter hinter den Verlagsnamen, wer sind die Menschen, die diese Bücher machen? Bis Dienstag, 28. April bestand in Zürich die Möglichkeit, die Menschen kennenzulernen, die in der Schweiz Bücher herstellen. Wer wissen wollte, was eine Lektorin macht, wie ein Buchhersteller arbeitet, mit welchen Fragen Verlegerinnen und Verleger konfrontiert werden, der konnte sich mehrmals in der Woche im Museum Strauhof in der Zürcher Altstadt informieren, Lektoren und Verlegern bei der Arbeit zuschauen und ihnen Fragen stellen. Eine Chance für alle Buchinteressierte! Begonnen hat die Veranstaltungsreihe mit Sabine Dörlemann, der Zürcher Verlegerin, die Bücher amerikanischer und russischer Autoren herausgebracht hat, die als Entdeckungen gepriesen wurden und deren Bücher von Schweizer Autoren als besonders sorgfältig lektoriert gelten. Alice Munro, Nobelpreisträgerin, Jens Steiner, Schweizer Buchpreisträger, Hanna Johansen, Trägerin des Eidgenössischen Buchpreises. Henriette Vásárhelyi , Trägerin des Studer/ Ganz Preises: Sie alle sind im Dörlemann Verlag herausgegeben worden. Oder der Unionsverlag: Im Ausland als der Verlag schlechthin bekannt, der ein sorgfältig ediertes Programm mit afrikanischen und arabischen Autoren pflegt. Verleger Lucien Leitess hat im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Publishers in Residence“ Einblick in das Programn seines vor vierzig Jahren gegründeten Verlags gegeben.

Dreissig Deutschschweizer Verleger nahmen eine Zeit des Übergangs im Zürcher Literaturmuseum Strauhof als Chance wahr, um dem breiten Publikum Einblick in ihre Arbeit zu geben. Mehrmals in der Woche von Anfang Februar bis Ende April 2015 konnte man Verlagsleuten zuschauen, wenn sie ein Buch lektorierten, wenn sie mit Autoren im Gespräch waren. Und man durfte sie bei der Arbeit unterbrechen, ihnen Fragen stellen. Dirk Vaihinger, Verleger bei Nagel & Kimche, betrieb vor Publikum einen „Faktencheck“ zu Eveline Haslers neuem Roman. Nationalrätin Rosmarie Quadranti, Mitglied der parlamentarischen Kulturkommission, und Danielle Nanchen vom Bundesamt für Kultur, haben im Gespräch aufgezeigt, wie eine neue Verlagsförderung in der Schweiz aussehen könnte. Der österreichische Verleger Alexander Potyka führte vor, wie die Verlagsförderung in Wien beschaffen ist, von der die Schweiz noch einiges lernen könnte. Und die weiteren Highlights? Mathias Burki vom Luzerner Verlag „Der gesunde Menschenversand“  und Ursi Anna Aeschbacher vom Bieler Verlag „die brotsuppe“, die beide Kleinverlage mit einem profilierten Programm leiten, berichteten über ihre Arbeit.

Jürg Frischknecht und Ursula Bauer, Herausgeber der einzigartigen Lesewanderbücher beim Rotpunkt Verlag, erläuterten, wie in zwanzig Jahren ihre Idee zur Marke wurde. Eine Woche später berichtete Roger Perret von seiner Arbeit am wegweisenden Lyrikband „Moderne Poesie in der Schweiz“. Literatur von jenseits des Röstigrabens und des Gotthards gab es mit den Autoren Isabelle Flükiger, Alberto Nessi und Jean-Pierre Rochat. Ein Blick über die Landesgrenzen fand statt, als Bernard Comment, Programmleiter bei den renommierten Pariser Editions du Seuil, über seinen Beruf sprach und über die Bedeutung des Buchs in der zukünftigen Gesellschaft. In einer weiteren Veranstaltung ging es um die vier Frauen, die am Anfang von James Joyces’ Erfolg standen: es berichteten Fritz Senn, Leiter der James Joyce Stiftung, sowie Ruth Frehner und Ursula Zeller, die beiden Kuratorinnen der Stiftung.

Wie ein Buchumschlag entsteht und wie Klappentexte geschrieben werden bildeten weitere Themen in einem reichen Programmangebot.

Sandra Schiess (von SRF1) und Gabriella Karger (Karger Publishers)

Dass man auch als engagierter Leser Neues an den Veranstaltungen im Strauhof erfahren kann, zeigte eine Veranstaltung mit Gabriella Karger aus Basel (rechts im Bild). Der im Jahr 1890 in Berlin von Samuel Karger gegründete Verlag brachte als erste Publikation ein „Geburtliches Vademecum für Studirende und Aerzte“ heraus. Heute beschäftigt der im Jahr 1937 mit Hilfe der damaligen „chemischen Industrie“ rechtzeitig nach Basel umgezogene Verlag 250 Mitarbeiter und gibt 100 wissenschaftliche Zeitschriften heraus, 30 Prozent dieser Zeitschriften erscheinen allerdings nicht mehr in Papierform sondern werden digital verbreitet. Für Schweizer Verhältnisse ist der Verlag Karger Publishers ein grosser Verlag, auf der internationalen Rangliste der naturwissenschaftlichen Verlage rangiert er aber erst auf Platz 20. Elsevier, der ganz grosse Player, ist Herausgeber von nicht weniger als 2000 Zeitschriften! Die Hauptsprache der Karger-Publikationen hat sich von der deutschen Sprache ins Englische verlagert. Und auch wenn das digitale Zeitalter in Basel lange vor dem Einzug der readertauglichen Publikationen bei der Belletristik schon begonnen hat, hat der Verlag mit der Herausgabe von Andreas Vesalius’ „De humani corporis fabrica“ eine editorische Grosstat vollbracht: Der Flame Andreas Vesal (1514 – 1564), Professor für Medizin in Padua, hat 1543 in Basel ein Buch drucken lassen, in dem das gesamte Wissen über den menschlichen Körper der damaligen Zeit in Bild und Text zu sehen und zu lesen war. Aus Anlass seines 500. Geburtstags hat Karger Publishers mit finanzieller Hilfe aus Kuwait Vesals Buch in einer prächtigen zweibändigen Edition für die heutige Zeit adaptiert. Zu sehen sind alle die Zeichnungen von damals, begleitet von englischen Übersetzungen und Begleittexten. Ein Werk für Medizinhistoriker, für Ärzte und Physiologen, die an der Geschichte der Medizin interessiert sind.

Publishers in Residence
Museum Strauhof
Augustinergasse 9
8001 Zürich
www.publishersinresidence.ch

 

Überraschung!

Heinz Egger

Ich setze mich an einen der kleinen Tische im heimelig warmen Lesekaffee, dessen Raum ganz mit Holz ausgekleidet ist. Unter dem Intarsiendeckenstern richte ich mich ein.

Blick in die Ausstellung der Verlage

Zeit bis zur abendlichen Veranstaltung über Hermann Burgers Gesamtausgabe seiner Werke bei Nagel & Kimche habe ich genug. Ein feiner Kaffee dampft neben mir. Ich beginne meine Beobachtungen zu tippen: Wer sich für die Rädchen, die bei der Entstehung eines Buches ineinander greifen, interessiert, der wird in der kleinen Ausstellung im grossen Raum im ersten Stock des Strauhofs fündig. Gut geschriebene Texte, ja gar witzige warten auf weissen Stellern auf die Besucher. Da warten Hurenkinder und Schusterjungen, Jungfern und Leichen*. Dies sind alles Ausdrücke aus der Welt der Verleger und Drucker. Auch Beispiele zum Lektorat, der Einbandgestaltung und zum Marketing liegen auf den Tischchen, die in die Steller aus weiss kaschiertem Wabenkarton integriert sind. Die Konstruktion ist leicht, aber auch etwas wacklig. So können die Ausstellungsteile für Veranstaltungen schnell und einfach zur Seite geschoben werden.

Ich höre mir die Audiodateien an, die an zwei Stationen angeboten werden. Ein emeritierter Literaturprofessor, eine Lektorin, eine Verlegerin und ein Vertriebspezialist sprechen über den Reiz ihrer Aufgaben. Hörenswert. Die Fragen stellt eine Interviewerin. Klang- und Lautstärkeschwankungen der Aufnahmen machen technisch eher einen amateurhaften Eindruck. Ich höre die Gespräche auf einem Sessel, der sonst in einem Verlag steht. Mehrere alte Stühle, teilweise von sehr bekanntem Design stehen da. Miniaturgestelle aus dem gleichen Wabenkarton wie die Steller mit einigen Büchern laden zum Verweilen und Blättern ein.

Die Ausstellung wirkt insgesamt etwas handgestrickt. Ob die Verlage wirklich so unter Lasten leiden wie es der quer durch den Raum führende Deckenbalken anzeigt? Er ist stark durchgebogen, ein Pfeiler in der Raummitte stützt ihn. Ist diese Stütze weggebrochen, weil der Mindestkurs des Euro weggefallen ist? Sicher gut ist, dass die neue Kulturbotschaft des Bundes eine strukturelle Verlagsförderung vorsieht.

Während ich schreibe, setzt sich ein Herr und eine Dame an den Tisch nebenan. Sie trinkt Tee, er Kaffee. Sehr schön angezogen ist die Frau. Ich muss immer wieder hinsehen. Ein Meisterstück ist ihre Jacke aus grobem Cord in Grün, dessen Rippen quer um den schlanken Körper laufen, ein Stehkragen, im Ausschnitt ein voluminöser, schwarzer Drahtschmuck mit silbernen Perlen daran. Ein breites, silbern glänzendes Armband mit Bernsteinplatten darauf. An der linken Hand ein schwarzer Ring. Er trägt den gleichen. Sie fassen sofort nach den aufliegenden Schriften: Kurt Guggenheims „Alles in Allem“ und das Programm von SJW. Als ihr Gespräch pausiert, frage ich, aus welchem Grund sie zum Burger-Abend gekommen seien. Sie sagt: „Ich bin seine Schwester“. Er ergänzt: „und ich war Nachbar“. Darauf war ich natürlich nicht gefasst. Zuerst habe ich wohl etwas verdutzt dreingeschaut. Dann entwickelte sich ein schönes Gespräch.

Der Verleger Dirk Vahinger von Nagel & Kimche leitet den Abend. Er ist im Gespräch mit zwei ausgewiesenen Kennern des Werks von Hermann Burger: Herausgeber Simon Zumsteg und der Professor für Literatur Thomas Strässle. Das Buch „Schilten“ steht lange im Zentrum. Es ist auch das zentrale Werk von Hermann Burger. Jeder Beteiligte liest im Laufe der Veranstaltung ein Stück eines Werks vor. Hermann Burger war ja auch Zauberer. Herr Vaihinger. meint, er sei es nicht. Doch wage er ein Experiment. Nachdem er die ausgestellten Bände der Gesamtausgabe alle in die Kassette zurückgesteckt hat, sagt er, aus einem guten Buch könne man irgend eine Seite aufschlagen und die Qualität erleben. So fordert er jemanden auf, eine Zahl zwischen eins und acht zu nennen. Es wird die Vier. Dann nennt jemand eine Zahl zwischen 1 und 300. Es wird die 153. Band vier der Ausgabe ist „Schilten“, bei der Seite 153 liegt das Ende des eingefalten Lesebändchens. Etwas viele Zufälle. Oder doch Zauberei? Oder nannten Verlagsangestellte die Zahlen? Wie auch immer. Die Frage, warum die Gesamtausgabe eine verlegerische Grosstat war, tritt gegenüber der Begegnung mit Hermann Burger in den Hintergrund.

Aus http://de.wikipedia.org/wiki/Hurenkind_und_Schusterjunge:
*Hurenkinder: Als Hurenkind wird die letzte Zeile eines Absatzes bezeichnet, wenn sie zugleich die erste einer neuen Spalte oder Seite ist. Hurenkinder gelten in der Typografie als schwere handwerkliche Fehler, da sie die Ästhetik des Satzspiegels besonders stark beeinträchtigen.

Schusterjungen: Wenn eine Seite oder Spalte nach der ersten Zeile eines neuen Absatzes umbrochen wird, so wird diese allein am Ende der Seite oder Spalte stehende Zeile als Schusterjunge bezeichnet. Der Schusterjunge gilt gegenüber dem Hurenkind als weniger gravierender Fehler und fällt besonders dann auf, wenn Absätze mit Einzug gesetzt werden.

Aus: Unterlagen Publishers in Residence:
Jungfer: Scherzhafte Bezeichnung für eine fehlerfrei gesetzte Seite.

Leichen: Alte Bezeichnung für versehentlich vom Setzer ausgelassene Textpassagen oder Wörter

 

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