Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft (SIK), Zürich

SIK, ich komme wieder

Michael Guggenheimer

Hat man die Villa Bleuler im Zürcher Stadtteil Riesbach verlassen, in dem sich die Bibliothek des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft (SIK) befindet, dann hat man den Eindruck, es könne kein besseres Domizil für diese Bibliothek geben. Eine Villa aus den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts in einer gepflegten Parkanlage, ein assymetrisch angelegtes Gebäude in orangefarbenem Backstein, das draussen die Formensprache der italienischen Renaissance imitiert und im Innern eine Vielfalt von Baustilen manifestiert. Man verlässt das Haus und nimmt im Garten wieder eine linsenförmige Glaskonstruktion wahr. Jetzt weiss man, es ist ein Oblicht im Rasenrondell, genau über mehreren Arbeitsplätzen gelegen, die sich in einem zwei Stockwerke umfassenden Gebäudeannex unter dem Boden der Parkanlage befinden.

Die öffentlich zugängliche Bibliothek des SIK mit ihren 121’300 Bänden ist eine wissenschaftliche Spezialbibliothek mit Schwerpunkt Schweizer Kunst und Kunstgeschichte. Wer sich in Zürich über die Kunst des Goldenen Zeitalters in den Niederlanden, über die Kunst der Renaissance in Italien oder über zeitgenössische bildende Kunst Europas und Nordamerikas informieren will, der ist in der 250’000 Bände aufweisenden Bibliothek des Zürcher Kunsthauses hervorragend beraten. Während man bei einem Besuch der Kunsthausbibliothek stets anderen Besuchern begegnet, ist die SIK-Bibliothek ein weitaus weniger häufig besuchter Ort, in dem zumeist die im Haus arbeitenden Kunstspezialisten an der Arbeit sind. Wenn einen die Tatsache nicht stört, dass man hier in Räumen arbeitet, die unter der Erde liegen, dann konstatiert man, dass man hier eine wunderbare Arbeitsumgebung antrifft. Und wenn man sich für Publikationen zur zeitgenössischen Kunst aus der Schweiz interessiert, dann ist das DER Ort, den man aufsuchen sollte.

Arbeitsbereich unter dem linsenförmigen Oberlicht

Das erste Untergeschoss mit seinem langgezogenen tropfenartigen Glasdach über den leicht vertieften podestartigen zentralen Arbeitsbereich und den vielen Bücherwänden aus warmem Holz bietet ideale Arbeitsbedingungen ohne Ablenkung. Ein hervorragender digitaler Katalog hilft einem bei der Suche nach Monografien, Bildbänden, Ausstellungskatalogen sowie Zeitungsartikeln zur Kunst aus der Schweiz.

Ich teste als kunstinteressierter Besucher die Bibliothek und suche mir den Namen einer Künstlerin oder eines Künstlers, zu dem ich hier Informationen finden könnte. Pipilotti Rist? Nein, da läuft gerade die grosse Schau im Kunsthaus Zürich. Roman Signer? Erst vor drei Wochen habe ich einer Präsentation des VEXER Verlags beigewohnt und habe gleich mehrere Bücher, Kataloge und DVD zu ihm gesehen. Ich entscheide mich für Uwe Wittwer. Ich kann mich an eine Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn erinnern und eine weitere in Winterthur. Was bietet mir die SIK-Bibliothek? Ich mache die Probe aufs Exempel.

Ich tippe Uwe Wittwers Namen im Recherchenportal des SIK ein und lande bei 23 Buch- und Broschürenpublikationen über den Künstler oder bei solchen, in denen seine Werke besprochen werden und die sich entweder auf demselben Bibliotheksstockwerk befinden oder einen Stockwerk unter mir. Alle Signaturen beginnen mit einem der zwei Buchstaben A oder B, gefolgt von der Ziffer 1, 2 oder 3, hinter der eine fünfstellige Zahl folgt. Die beiden Grossbuchstaben und die ersten drei Zahlen geben Auskunft darüber, wo genau sich die Bücher und Broschüren befinden. Jetzt beginnt das Wandern zu den Bücherregalen, das Wechseln von der schönen Arbeitsbibliothek unter dem Glasauge zu den Rollregalen im zweiten Untergeschoss, das Bücken und Strecken. Ich fange an, Entdeckungen zu machen. Die Publikation B2 14104 weist zwei Teile auf, es ist ein Geschäftsbericht der National Versicherung, dessen zweiter Band von Uwe Wittwer gestaltet wurde, der Text stammt von Markus Stegmann. Aquarelle und Inkjets in schwarzweiss basierend auf Fotografien , die Wittwer in Zürich-Seebach aufgenommen hat. Und dazu ein lückenloses Verzeichnis seiner Platten- bzw CD-Sammlung von den Anfängen bis zur jüngsten Zeit, Klassik und Pop. Wittwer muss ein unglaublicher Musikkenner sein! Gewissermassen zwei Gedächtnisarchive eines visuellen und eines auditiven Lebenslaufs öffnen sich mir.

Ich schau mich weiter um: B3 16483. „Uwe Wittwer Paintings“, erschienen bei Hatje Cantz. Beim Blättern stelle ich fest, dass hier ein Künstler unser fotografisch konditioniertes Bildersehen künstlerisch hinterfragt und neu interpretiert. Fotografie und Malerei kommen sich hier nahe. Und obschon Malerei eine wichtige Technik im Werk Wittwers ist, kommen eindeutig auch moderne Bildbearbeitungsprogramme zur Anwendung. Bilder lösen Erinnerungen aus, bei ihm und bei mir. Ich bin fasziniert von den Farben und Motiven, kann nicht loslassen, merke, dass mir die Sprache der Kunsthistoriker fehlt, aber die Begeisterung eines visuellen Menschen mich zum weiteren Suchen und Sehen anspornt. Es beginnen sich die Bücher, Kataloge und Broschüren auf dem Arbeitstisch zu stapeln: A2 18621, A3 18986, B2 14104. „Cracking Glass (After Jarman)“, eine Broschüre einer Londoner Ausstellung von Wittwer, Aquarelle mit Notaten. Und da entdecke ich sogar Gedichte von Klaus Merz zu Bildern des Malers.

Jetzt kommt Bibliothekarin Anette Erzinger an meinen Arbeitstisch und erklärt mir die Funktionsweise von „SIKART, Lexikon zur Kunst in der Schweiz“. Ich tippe den Namen von Urs Wittwer nochmals ein und realisiere, welche grossartige Dienstleistung dieses Haus zur Verfügung stellt: Ich kann sogar von Zuhause aus Bilder von Uwe Wittwer anschauen und Texte zu seinem Werk lesen. Ein langer aktueller Lexikonartikel von Kunsthistorikerin Elisabeth Grossmann, eine Literaturliste, ein Link zur Homepage des Künstlers. Mit einem Klick lande ich bei der Zeitschrift Kunstbulletin und sehe, die imposante Liste von Uwe Wittwers Ausstellungen der letzten Jahre.

Beim Zurücklegen der Bücher und Broschüren sehe ich, dass der Band „Paintings“ gleich neben einem voluminösen Band mit dem Titel „Das Buch“ steht. Ich hole „Das Buch“ herunter und lege es auf einen Arbeitstisch. Experimenteller Schmuck des Schweizer Schmuckkünstlers Otto Künzli ist hier zu sehen, klobig gross bis kleinfein. Unglaublich innovativ. Und gleich nebenan noch das „Jubelbuch Xylon“, auch ein schweres Volumen, ein Buch mit Originalholzschnitten. XYLON ist eine internationale Vereinigung von Holzschneiderinnen und Holzschneidern. Die Sektion Schweiz existiert schon seit über 70 Jahren. Ein Buch mit wunderschönen farbigen Holzschnitten, jede Seite ein Bild, das man einrahmen und aufhängen möchte. Ich entdecke auf engstem Raum einer Bibliothek wunderbare Kunst aus der Schweiz. SIK-Bibliothek, ich komme wieder!

SIK Bibliothek
Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft
Zollikerstrasse 32
8032 Zürich
T: 044 388 51 51
www.sik-isea.ch

 

Leichter Entscheid

Heinz Egger

Sie leben in Zürich. Sie recherchieren über Jean Arp. Nun, wohin gehen Sie, um Unterlagen zu finden? Gewiss, das Kunsthaus ist eine gute Adresse dafür, weil es ausgehend von der eigenen Sammlung Literatur beschafft und in der Kunsthaus-Bibliothek zur Verfügung stellt. Oder aber, Sie gehen zu SIK-ISEA, dem Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft. Es hat seinen Sitz an der Zollikerstrasse 32. Wie der Name schon andeutet, geht es in diesem Institut um die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kunst. Zitat aus der Website des SIK-ISEA: „Schwerpunkte seiner Aktivitäten sind Forschung, Dokumentation, Wissensvermittlung und Dienstleistung im Bereich der bildenden Kunst. Kerngebiet bildet das Kunstschaffen in der Schweiz vom Mittelalter bis zur Gegenwart.“

Die Geschichte von SIK-ISEA ist nicht so lang wie jene der Kunsthausbibliothek, die auf die Anfänge des 19. Jahrhunderts zurückgeht. SIK-ISEA wurde 1951 gegründet. So sind denn auch die Bestände unterschiedlich gross. SIK-ISEA nennt rund 121’00 Bände ihr Eigen, das Kunsthaus deren 244’000 aus der Zeit vom 19. bis zum 21. Jahrhundert. Natürlich sind auch bei SIK-ISEA die Medien online abrufbar und die Bibliothek ist dem Nebis-Verbund angegliedert.

Ein etwas unfaires Experiment: Was ergeben die Suchresultate zu Jean oder Hans Arp in den beiden Katalogen? Kunsthaus 224 Medien, SIK-ISEA 216. Und zu Schang Hutter? Kunsthaus 19, SIK-ISEA 113. Sie lesen sicher die Bedeutung von Jean Arp aus den fast gleichen Zahlen. Beide Bibliotheken haben ein grosses Interesse an diesem Künstler. Der Unterschied bei Schang Hutter wird wohl daher rühren, dass er in der Sammlung des Kunsthauses mit seinen Werken nicht stark verankert ist. Und wie stehen die Zahlen bei Ferdinand Hodler? Kunsthaus 269 Titel, SIK-ISEA 2926. Und woran liegt dieser Unterschied? – SIK-ISEA arbeitet gerade am vierten Band des Catalogue raisonné der Gemälde von Ferdinand Hodler. Der Catalogue raisonné liegt in einer Print- und Online-Version vor.

Tor und Zugang zur Villa Bleuler

Ein Gang zu SIK-ISEA lohnt sich bestimmt. Das Institut residiert in der denkmalgeschützten Villa Bleuler. Beschreiten Sie stolz den gepflasterten Weg zum überdeckten Eingang und fühlen Sie sich wie der Bauherr des Hauses, Oberst Hermann Bleuler. Treten Sie ein und staunen Sie über den reichen Innenraum, der sich nach einigen Treppenstufen hinter der Türe öffnet. Hoch ist er. Eine geschwungene Treppe führt in die oberen Etagen. Ornamente zieren den Raum dezent. Ein Oberlicht über der zweiten Etage lässt die Sonne herein.

Die Bibliothek befindet sich aber nicht in der Villa. Die Villa beherbergt die Administration. Sie werden höflich darauf hingewiesen, dass die Bücher sich im Keller befinden. Die Türe dazu ist gleich rechts neben der Eingangstüre.

Anschrift auf der Bibliothekstüre

Eine steile Treppe führt hinab. Unten befindet sich links, die Garderobe und die Toilette, gerade aus eine Schliessfachwand. Taschen und Rucksäcke sind nicht erlaubt in der Bibliothek. Den Schlüssel erhalten Sie an der Empfangstheke gleich rechts vom Durchgang in die Bibliothek. Bleiben Sie in diesem Durchgang einen Moment stehen. Vor Ihnen weitet sich der Raum. Warmes Holz, angenehmes, helles Licht. Dieses stammt nicht nur von den Lampen, sondern auch von einem lanzettförmigen Dachfenster. Sie werden sich erinnern, dieses während dem Abschreiten des Kiesweges im Gras gesehen zu haben. Das gibt auch Orientierung, wo die Bibliothek unter der Erde liegt.

Und gleich vor Ihnen entdecken Sie in einem hüfthohen, breiten Gestell die Neuanschaffungen. Die Bibliothek schafft pro Jahr bis 2000 Bücher und etwa 300 Zeitschriftenbände an.

Blick durch die Büchergestelle zum Zettelkatalog

Auch in dieser Bibliothek ist das Stöbern zwischen den Gestellen zwar möglich, aber für gezielte Auskunft nicht anzuraten. Auch der Zettelkatalog wird nicht weiterhelfen. Für die Recherchearbeit muss der Online-Katalog aufgerufen werden. Das Rechercheportal fordert Sie auf, einen Künstlernamen einzugeben. Auf der Resultatseite von SIKART wird Ihnen eine Darstellung mit mehreren Registerblättern präsentiert: Lexikon (offen) Werke, Ausstellungen, Literatur, Auszeichnungen, Dokumente. Klicken Sie beispielsweise auf Literatur. Füllen Sie die Suchmaske für Literatur aus. Wählen Sie im Resultat einen Titel, der Sie interessiert. Und voilà, sie haben in der Antwortseite unten eine Angabe, in welchem Gestell Sie das Buch finden werden.

Der grösste Teil des Bestandes befindet sich einen Stock tiefer. Die Treppe unter dem Dachfenster führt Sie zuerst zu einem Arbeitsraum. Geschützt vor Lärm durch die Wände und ohne Ablenkung finden sechs Personen am grossen Tisch Platz. Eine Tischleuchte pro Arbeitsplatz gibt gutes Licht für die Lektüre. An diesem Tisch haben Sie auch Internetzugang über Funknetz.

Sie steigen eine weitere Treppe hinab und stehen vor den vielen Compacta-Gestellen. Achtung, lassen Sie sich nicht einklemmen, wenn mehrere Leute in diesem Raum Bücher suchen!

Im Gegensatz zur Kunsthausbibliothek ist jene des SIK-ISEA eine Präsenzbibliothek.

Sie leben in Zürich. Sie recherchieren über Andreas Walser. Nun, wohin gehen Sie, um Unterlagen zu finden?

 

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