Solothurner Literaturtage

Treffpunkt Solothurn

Michael Guggenheimer

Aarebrücke, Landhaus, Fahne der Solothurner Literaturtage

Spätestens wenn man am Freitag in Solothurn vom Bahnhof her kommend über die beflaggte Aarebrücke geht, vor sich rechts die St. Ursen Kathedrale, links das Palais Besenval, das Stadttheater und das Landhaus am Fluss sieht, denkt man, man sei gar nicht weg gewesen. Es ist der Tag nach Himmelfahrt, ein Tag der in der Schweiz Auffahrt heisst. Drei Tage voll von Geschichten beginnen an diesem Tag am grössten literarischen Event der Schweiz. Es sind wieder die Solothurner Literaturtage! Man wird wieder mindestens einmal im Gasthaus Kreuz essen, ein anderes Mal in der Pittaria einen Falafel holen. Man wird im Café Türk vorbeischauen und im Restaurant Baseltor. Und zwischen den einzelnen Lesungen wird man durch die Altstadt flanieren. Dabei ist man aber doch nicht wegen des Essens und nicht wegen der schönen barocken Architektur von Solothurn gekommen. Man will zuhören, will neue Bücher kennenlernen, will dabei sein, wenn eine neue Autorin oder ein neuer Autor entdeckt wird.

Am Freitag um 10 Uhr die erste Lesung. Noch sind um diese Zeit erst wenig Zuhörer im Landhaus eingetroffen. Die ersten beiden Lesestunden sind bei den Autoren nicht begehrt, volle Säle gibt es erst ab der dritten Stunde. Um 13 Uhr dann nach drei Lesungen die erste Pause und schon hat man den Eindruck, es seien dieses Jahr mehr Zuhörer in der Säulenhalle als um die gleiche Zeit vor einem Jahr. Gleichzeitig kommt die Gewissheit auf, dass man in diesem Jahr wieder wichtige Lesungen und Autoren, besonders interessante Workshops und Debatten verpassen werde. Es ist diese Gleichzeitigkeit der verschiedenen Programmschienen, die einen verunsichert. Habe ich die richtige Wahl getroffen? Immer wenn fünf oder sogar sechs Veranstaltungen gleichzeitig stattfinden, erlebt man, wie schwierig es ist, sich an das private Literaturfestivalprogramm zu halten, das man sich zuhause mit dem Programmheft zurechtgelegt hat. Man begegnet in den Gängen und im Treppenhaus des Landhauses sowie auf der Gasse zwischen Landhaus und dem Gasthaus Kreuz Freunden, die einem versichern, sie hätten eine wunderbare Lesung erlebt, während man selber noch nicht an jener Lesung dabei war, von der man schwärmen könnte.

Soll man das Schwergewicht der zu besuchenden Veranstaltungen auf die einheimischen Autoren legen? Oder soll man aus Sympathie für die Westschweizer versuchen, möglichst viele Lesungen von französischsprachigen Autoren besuchen? Oder soll man sich auf die Lesungen der Ausländer konzentrieren? Und dann die Debatten und die Übersetzungsworkshops. Man will überall dabei sein können. Wenn man sich an Freitagabend für die Mundartnacht in der Kulturfabrik Kofmehl entschieden hat, dann muss man eine Lesung fallen lassen oder ein Konzert. Es ist die ständige Qual der Wahl.

Die Literaturtage sind ein grosser Treffpunkt. Es gibt Leute, denen man Jahr für Jahr an den Literaturtagen begegnet. Und nur dort! Es gibt Leute, die einem vor einem Jahr glaubhaft versichert haben, sie würden nicht mehr nach Solothurn kommen. Und dann trifft man sie doch wieder. Es gibt Leute, die einem vor einem Jahr mit Begeisterung vom gleichzeitig stattfindenden Tübinger Bücherfest erzählt haben. Dieses Jahr trifft man sie nicht an. Ob sie in Tübingen an die Lesungen der Schweizer Autoren Franz Hohler, Arno Camenisch, Thomas Meyer, Silvio Blatter, Mario Gmür oder Roland Büti gehen?

Wer werden in diesem Jahr „meine“ Autoren in Solothurn sein? Sicher Guy Krneta mit seinen wunderbar skurrilen Familiengeschichten. Ob er wieder einen Dialog in Dialekt und Hochsprache vorlesen wird? Und Flavio Steimann, auf dessen Roman Bajass mich Buchhändler Kunfermann in Thusis aufmerksam gemacht hat. Kunfermann meinte doch, der Luzerner Steimann hätte eigentlich den Schweizer Buchpreis im vergangenen Jahr verdient. Auf Ruth Schweikerts Roman, ihren ersten seit zehn Jahren wieder, bin ich gespannt. Und dann auf den Lesezirkel mit Werner Rohner: Mitglieder von Lesegruppen, die sich regelmässig zu Diskussionen über Bücher treffen, werden wieder an den Literaturtagen vor Publikum und in Anwesenheit von Autoren Bücher besprechen. Schwierig wird die Entscheidung für Freitagabend: Ludwig Hohl im Film oder die Mundartnacht? Und wie schaff ich es bloss, ohne mich aufzuteilen, das zu verfolgen, was mich interessiert: Das Podium „Kriege erzählen. Leiden verarbeiten“ mit Sherko Fatah findet zur selben Zeit wie das Zukunftsatelier „Die Literatur im öffentlichen Raum der Zukunft“ mit Kathrin Passig.

Dazwischen noch Zeit finden für die beiden Buchorte der Literaturtage. Die Buchhandlung im Jurasaal, wo die Bücher jener Autorinnen und Autoren zum Kauf aufliegen, die in Solothurn zu Gast sind. Und zwischen Landhaus und Palais Besenval das grosse Zelt von SWIPS, dem Zusammenschluss der unabhängigen Schweizer Verlage. Bis dann werde ich ja wissen, wer die „Plume de paon“, die Auszeichnung als autorenfreundlichster Verlag der Schweiz, und wer die „Plume de plomb“ erhalten wird. Die „Plume de plomb“ erhält jener Verlag, der die Interessen seiner Autoren nicht gut wahrnimmt. Die beiden Federn werden bereits am Tag vor der Eröffnung der Literaturtage an der Hauptversammlung des ads, des Zusammenschlusses der Autoren in der Schweiz, verliehen.

Solothurner Literaturtage
Jedes Jahr im Mai drei Tage lang nach Auffahrt / Himmelfahrt
www.literatur.ch

Im Fluss

Heinz Egger

Man erkennt sie schon im Zug von Zürich nach Solothurn. Die einen studieren eifrig das Programm, andere sind in Grüppchen beisammen und diskutieren Erlebnisse und Autoren. Niemand hat grosses Gepäck bei sich.

Am Bahnhof bildet sich dann ein Strom, der sich zur Fussgängerbrücke über die Aare hinüber zum Palais Besenval ergiesst, um die Ecke in die enge Fischergasse fliesst und zum ersten Mal wegen Gegenströmung ins Stocken gerät.
Wer früh kommt hat noch etwas Glück. Er braucht nicht so lange an den Kassen im Landhaus anzustehen und erreicht noch bequem die Räume im stattlichen Haus an der Aare.

Die Startveranstaltungen um 10 Uhr am Freitag sind immer ein Ereignis. Für die Veranstalter sollte nun alles wie am Schnürchen ablaufen. Für die Besucherinnen und Besucher wartet das Bad im Literaturmeer.

Meist sind die Veranstaltungen traditionell. Ein Moderator oder eine Moderatorin mit einem Autor oder einer Autorin. Lebenslauf, veröffentlichte Werke, Hinweis auf das in der Lesung vorzustellende Buch mit kurzer Zusammenfassung, Autorenlesung, Fragen und mehr oder weniger befriedigende Antworten. Die Publikumsfragen bleiben meist aus.

Arno Camenisch: bearbeitetes Buch zum Vorlesen

Nicht allen Autorinnen und Autoren ist das Vorlesen gegeben. Ausnahmen gibt es, beispielsweise der Poet und Sprachkünstler Urs Allemann. Er beherrscht die Artikulation seiner nach System gedrechselten Texte. Er spricht perfekt Thölg, jenes vokalarme fernnördliche Inselidiom. Oder Arno Camenisch, der seine Texte minutiös vorbereitet und seine Stimmführung mit Farben in seinem Buch festhält. Kein Zweifel ist bei solchen Lesungen das Publikum hellwach, lacht, geht mit – aber Fragen stellt es meist doch keine.

Wer nach einer Veranstaltung im Landhaussaal in die Säulenhalle wechseln möchte, könnte da schon bald Schwierigkeiten haben. Denn das Treppenhaus füllt sich schnell mit jenen, die hinaufsteigen wollen. Da haben es jene, die ins Parterre vordringen wollen schon schwer. Leiber drängeln an Leibern vorbei. Wärme, verbrauchte Luft.

Ah, tut es wohl, auf die Fischergasse hinauszutreten, wenn man das letzte Hindernis der stets blockierten Türen überwunden hat. Die Lungen blähen sich, der Strom der frischen Frühlingsluft gibt Kraft weiterzuschwimmen. Vielleicht ins Palais Besenval in den Poesie-salon oder an eine der Kurzlesungen auf dem Kloster- oder Kreuzackerplatz? Oder einmal hören, wie sich Literatur in völliger Dunkelheit im Dunkelzelt anfühlt? Oder sich doch etwas hinsetzen, etwas trinken und Gehörtes verdauen? Vor dem Gasthaus Kreuz stehen Festbänke und Sonnenschirme. Jeder setzt sich zu jedem, da findet sich leicht ein Gesprächspartner. Wer sich umschaut sieht da auch die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die Moderatorinnen und Moderatoren. Auch mit ihnen könnte sich ein Wortwechsel ergeben.

Publikum schreibt mit - Icon-Poet mit Autorinnen und Autoren

Vielleicht sitzt da auch einer mit einer roten Wollmütze trotz Sonnenschein: Arno Camenisch. Er trägt sie als Markenzeichen, auch als er eingeladen ist, am Tisch mit drei weiteren Literaturschaffenden im Spiel Icon Poet schreibend die Klingen zu kreuzen. Das Schreibspiel war 2012 neu auf dem Markt. Die Literaturtage führten in mehreren Sitzungen je vier Autorinnen und Autoren zusammen. Auch das Publikum war eingeladen, zu den fünf Bildern – den Icons – mitzuschreiben, ja auch den Text vorzulesen. Da war für einmal das Publikum sehr dabei. Es gab auch viel zu lachen. Denn die schreibgewandten Autorinnen und Autoren entwarfen die fantasievollsten Geschichten. Und lasen sie auch entsprechend vor.

Nicht nur Deutsch hört man. Französisch und Italienisch gehört auch fest dazu. Auch Autorinnen und Autoren, die keine der Sprachen sprechen sind da. So ist denn auch Englisch vertreten. Regelmässig sind ausländische Gäste anzutreffen, beispielsweise aus Ägypten, Israel, Libanon, Irak, Nigeria, Südafrika.

Die Solothurner Literaturtage bieten eine der raren Gelegenheiten, konzentriert ins Literaturschaffen der Romandie und der Südschweiz Einblick zu nehmen. Es braucht wohl für die Mehrheit der Deutsch sprechenden Besucherinnen und Besucher etwas Mut, hinzugehen und hinzuhören, auch wenn nicht jeder Satz, jedes Wort verstanden werden kann. Klang, Ausdruck, Sprachmelodie erfreuen immer. Und das literarische Schaffen in der West- und Südschweiz ist reich!
Die Literaturtage in Solothurn sind ein Erfolg. Seit 1978 finden sie immer nach Auffahrt statt. Jahr für Jahr strömen mehr Literatur- und Buchbegeisterte in die schöne Stadt an der Aare.

 

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