Stadtbibliothek Chur

Buchpost

Michael Guggenheimer

 

Das alte Postgebäude von aussen

Ende 2016 wurde die «Alte Post» am Rand der Churer Altstadt nach 112 Jahren geschlossen. Knappe zwei Jahre später hat sich nach einem Umbau das Innenleben des stattlichen Gebäudes aus dem Jahr 1904 gewandelt. Noch ist an der Fassade des Gebäudes in zwei Sprachen und in goldenen Lettern zu lesen, dass hier Post und Telegraf zu finden seien, auch wenn die Telegrafie im Postwesen seit mehreren Jahrzehnten Geschichte ist. Markant wirkt am Gebäude, das lange auch noch als Zollgebäude gedient hat, die mit einer Laterne bestückte Kuppel, die über dem Churer Postplatz thront. Die alte Post ist das grösste Neorenaissance-Haus von Chur. Dass der Bau Ähnlichkeiten mit anderen Postgebäuden in der Schweiz aufweist, ist kein Zufall: Zur Bauzeit wurde die so genannte Bundesrenaissance stark gefördert. Gesteigert wird die Stattlichkeit des Hauses durch den reichen Schmuck an den Fassaden und die Dachfiguren.

Grosse Fenster zur Grabenstrasse hin, viel Lampenlicht im Innern, von aussen ist leicht zu erkennen: hier hat ein Postamt einer Bibliothek, einem modern und grosszügig eingerichteten Bücherort, Platz gemacht. Und doch ist von der früheren Post mehr als die Fassadenschrift geblieben: Der Gelbe Riese ist mit einem kleinen Postamt ins alte Gebäude hinter der Bücherwelt zurückgekehrt. «Posttheke» nennt sich das Konzept. Und etwas ausführlicher noch «Filiale mit Partner. Postdienstleistungen in der Stadtbibliothek». Und ja, während den Öffnungszeiten der Bibliothek ist auch das kleine Postamt bedient, ein Konzept, das mit sich bringt, dass Postkunden auch die Bibliothek kennenlernen können.

Die Jahrhundertwende-Fassade ist geblieben. Ebenso das vornehme seitlich angelegte Treppenhaus mit seiner geschwungenen Treppe. Oben im Haus ist das alte Chur mehrfach auf einer Bilderwand hinter Glas in einer Anwaltskanzlei zu sehen. Und unten ist die Bücherwelt eingezogen: Die beiden früheren Bibliotheksstandorte Aspermont und Arcas sowie die Ludothek und die interkulturelle Bibliothek wurden hier zu einem ganzheitlichen Angebot zusammengeschlossen. Schön, dass Kinder hier beim Auswählen von Spielsachen auch mit der Welt der Kinderbücher in Berührung kommen. Ein Bistro soll demnächst in einem erweiterten Raum von einem Privaten betrieben werden, womit die etwas provisorische und ungemütliche Kaffeeecke der Bibliothek der Vergangenheit angehören wird. Und ebenso wie die kleine Post wird das Café zu neuen Bekanntschaften mit der Bibliothek führen. Mehrere Institutionen unter einem Dach ist das Konzept der Stadtbibliothek Chur. «Die Bibliothek ist ein Ort der Begegnung, des Austausches und des Lernens. Die Nutzung wird unterstützt durch eine moderne Infrastruktur und zahlreiche Angebote», heisst es denn auch in der Selbstdarstellung der Bibliothek.

Blick in die Gestelle und auf die Galerie

Nach dem Umbau der Post ist hier ein moderner hoher Raum mit massiven, sich nach oben hin verjüngenden Säulen in Marmorimitat entstanden. Ein grauer Steinboden, eine Leseecke für erwachsene Bibliotheksbenutzer, die Zeitschriften und Zeitungen hier lesen können. Auf der Galerie, zu der hinter der Auskunftstheke eine Treppe hinaufführt, wurde eine Verweilecke für junge Leserinnen und Leser eingerichtet. Ein knallorangener Königsthron aus Kunststoff, eine Sofalandschaft aus grauen Elementen, eine etwas gewagte Farbgebung mit runden Teppichen in stark bunter Farbgebung. Mehrere Arbeitstische stehen in der Galerie zwischen den Büchergestellen mit Blick auf einen Hinterhof zur Verfügung. Die Benutzerfreundlichkeit der Bibliothek wird unterstützt durch Selbstausleihe, einen Rückgabeautomat, durch mehrere PC Arbeitsplätzen mit Internetzugang, Tablets und eReader in den Lounges, die WLAN-Benutzung ist im ganzen Haus frei. Und wer eingeschriebenes Mitglied der Bibliothek ist, der profitiert von zusätzlichen Öffnungszeiten, um die ihn Benutzer anderer Bibliotheken beneiden müssten.

Die Stadtbibliothek Chur ist trotz den vorhandenen Arbeitstischen und Laptops  weniger eine Arbeitsbibliothek von Studenten und mehr eine Bibliothek für die ganze Familie. Wer eine Seminararbeit schreiben oder wer eine vertiefte Recherche in Chur in einer Bibliothek vornehmen will, der begibt sich an die Kantonsbibliothek. Das Angebot an Literatur in der neuen Stadtbibliothek reicht von Reiseführern über Geschichtsbüchern, von Biografien über Comics bis hin zu Fantasyliteratur, von Kochbüchern zur Belletristik. Ein Bereich mit Kinderbüchern, Gestelle mit Büchern für Jugendliche, Bücher in zwölf Sprachen, so auch in Farsi und Arabisch, in Tigrinya, Portugiesisch und Italienisch sind hier zu haben.

Drei Monate nach dem Einzug fehlt noch eine Signaletik, welche die Benützer der Bibliothek zu den einzelnen Bereichen schneller führen könnte. Die Büchergestelle alle auf Rädern, womit sich die Bibliothek im Erdgeschoss schnell in einen Veranstaltungsraum umwandeln lässt. Hinter einem langen schweren Vorhang befindet sich ein zusätzlicher Raum für Veranstaltungen. Während sich die Bibliotheksbenutzer zwischen den Gestellen auf der Suche nach ihrer Lektüre aufhalten, findet hinter dem zugezogenen Vorhang eine Veranstaltung für eine Schulklasse statt. Zwar hört man im Bibliotheksbereich, dass da eine Unterrichtsstunde stattfindet, stören tut die Stimme des Präsentators allerdings nicht.

Eine ehemalige Post als Bibliothek gibt es nicht nur in Chur. Die Bibliothèque publique et scolaire von Yvedon les Bains ist bereits vor Jahren in die ehemalige Hauptpost eingezogen. Am beeindruckendsten unter den Bibliotheken in ehemaligen Postämtern ist die Bibliothek in der Hauptpost in St.Gallen, wo Stadtbibliothek und Kantonsbibliothek eine Partnerschaft eingegangen sind.

Stadtbibliothek Chur
Grabenstrasse 28
7000 Chur
T: 081 254 50 10
www.bibliochur.ch

 

Offene Bibliothek

Heinz Egger

Von weit her sichtbar leuchtet ein grünes Quadrat. Es zeigt mir an, dass ich die Bibliothek betreten kann, auch wenn es eben halb sieben am Morgen geschlagen hat. Ich halte meinen Bibliotheksausweis auf die schwarze Fläche mit dem grünen Quadrat und wie von Geisterhand öffnet sich die Tür. Open-Library nennt sich das und gibt eingeschriebenen Mitgliedern der Bibliothek erweiterten Zugang zur Bibliothek über die festgesetzten Öffnungszeiten hinaus. In Chur kann ich von morgens sechs Uhr bis abends zehn Uhr in der Bibliothek sein, auch am Sonntag. Das Konzept stammt ursprünglich aus Dänemark, wo Bibliotheksnutzerinnen und -nutzer in Umfragen an erster Stelle längere Öffnungszeiten der Bibliotheken wünschten. Die Stadtbibliothek Chur sei, so sagte mir Simona Ruffner, die Assistentin der Geschäftsleitung, die erste Bibliothek in der Schweiz, die solche erweiterten Zugangszeiten anbiete.

Ich bin bei weitem nicht der erste Besucher am Morgen. Studentinnen und Studenten nutzen diese Oase der Ruhe in den Randstunden. Ich fragte Simona Ruffner, wie denn die Erfahrungen mit der Open-Library seien. Sie studierte nicht lange und sagte: „Gut”. Der Raum sei videoüberwacht, fügte sie an. In der Bibliothek gibt es gleich nach dem Eingang, der für die Open-Library geöffnet ist, sechs Arbeitsplätze an der Wand. Sie sind ruhig, auch tagsüber, denn sie bieten kaum Ablenkung mit Blick auf die weisse Wand. Und im Rücken stehen die Gestelle mit den fremdsprachigen Büchern. Ich lerne gern dort während mir russische, türkische, tigrinische und somalische Titel über die Schulter schauen. Auch mag ich die Plätze mit dem guten Licht und der vielen Luft über mir. Ich kann mich gut konzentrieren, während ich mich über meine Bücher zu Statistik und Informationstechnologie beuge. Wer sich mehr zurückziehen möchte, steigt über die Treppe gegenüber dem Haupteingang in die Galerie hinauf. Dort gibt es weitere Plätze vor den Fenstern. Die Nischen zwischen den Gestellfluchten sind wie Höhlen mit dem gedämpften Licht, dem roten Boden und der niedrigen Decke. Die Aussicht dort wird ebenfalls nicht sehr ablenken, denn man blickt auf einen Hinterhof mit Autos und gläsernen Fassaden. Und auch hier rufen die Bücher nicht so sehr, denn sie richten sich an Jugendliche.

Wenn ich Pause machen möchte, spaziere ich gern durch die Gänge um und zwischen den Büchergestellen der Bibliothek. Dabei werden Erinnerungen wach. Ganz hinten, der Fensterfront gegenüber, liegt ein Mini-Postschalter. Einst war der Bibliotheksraum die Schalterhalle der Churer Hauptpost. Und ich erinnere mich, wie wir mit Vater zusammen für Einzahlungen oder die Aufgabe von Briefen und Paketen in den Warteschlangen standen. Beeindruckt hat mich immer der hohe, lange Fries über den Eingängen zur Post mit der Darstellung der Wappen der drei Bünde und der Städte Chur, Ilanz und Maienfeld. Die heutige Halle ist natürlich nicht mehr jene von damals. Alles ist weiss gestrichen. Dies macht den Raum höher und weiter.

Für Leute, die sich hinsetzen und lesen möchten, gibt es an der Fensterfront Fauteuils, wer sich gar bei einem Nickerchen entspannen möchte, findet eine Sofalandschaft auf der Galerie.

Ludothek

Die Bibliothek ist erst seit Ende August 2018 in ihren neuen Räumen. Sie beherbergt auch die Churer Ludothek. Ich fragte Simona Ruffner, was der Umzug gebracht habe. Viel Aufwand, sagte sie zuerst, aber gleich merkend, worauf meine Frage zielte, ergänzte sie, dass sie deutlich höhere Besucherfrequenzen hätten und die Zahl der verkauften Abonnements gestiegen sei. Das muss ja wohl der Zweck eines Umzugs sein, der für eine Bibliothek mit etwa 60’000 Medien ein gewaltiger Aufwand ist.

Unter der Galerie befindet sich einerseits das kleine Postbüro und Arbeitsplätze für die Bibliotheksangestellten und andererseits, abgetrennt durch einen Vorhang, ein grösserer Bereich mit Tischen und Stühlen, Projektionsmöglichkeit und White-Boards. Diesen Teil der Bibliothek nutzen Schulen, wenn sie mit ganzen Klassen für die Arbeit in der Bibliothek zu Besuch sind. Oder die Bibliothek selber nutzt ihn, wenn sie Veranstaltungen durchführt, beispielsweise für Autorenlesungen.

Blick von der Galerie in die Gestelle und auf die zentrale Auskunftstheke

Von der Galerie herunter betrachte ich die Anlage. Es ist eine schöne, neue, lichtdurchflutete Bibliothek. Sie scheint bisweilen ausser der Teilnahme an der Idee der Open-Library eine ganz traditionelle zu sein. Natürlich kann hier die Ausleihe und Rückgabe von Medien im Self-Service erledigt werden, was lauf Simona Ruffner nicht allen Besucherinnen und Besuchern zusage, weil sie das Gespräch mit den Bibliothekarinnen vermissen. Und in welche Richtung wird sich die Churer Stadtbibliothek weiterentwickeln? Zu dieser Frage wollte Simona Ruffner nicht Auskunft geben. Auch als ich sie mit Hinweisen auf die OBA in Amsterdam oder den Maker-Space in der Stadtbibliothek Winterthur locken wollte. Das sei Chefsache. Richtig, und es ist wohl besser, die Karten nicht zu früh aufzudecken.

Aber eine Sache fehlt mir ganz klar, jeden Morgen oder in Arbeitspausen: ein guter Kaffee. Hier wird es bald eine Änderung geben. Ursprünglich war schon für die Eröffnung ein Café geplant. Es hat aber zeitlich nicht gereicht. Die von Davos aus expandierende Kaffeehauskette „Kaffee Klatsch” wird ins Postgebäude einziehen.

 

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