Stadtbibliothek Rapperswil-Jona

Mit Doppelbezeichnungen

Michael Guggenheimer

«Alte Fabrik» heisst der Bau an der Klaus-Gebert-Strasse in Rapperswil-Jona. Die «Alte Fabrik» ist das «Stammhaus» der heute weltweit tätigen Firma Geberit. Früher wurden in diesem Gebäude Spülkästen für Toiletten hergestellt. Heute beherbergt das umgebaute Areal ein Kulturzentrum mit Angeboten in den Bereichen Literatur, Kunst, Design, Musik, Tanz. Im Erdgeschoss ein Theatersaal und auf der anderen Seite eines Innenhofs mit Oberlicht Ausstellungsräume, in denen zum Zeitpunkt unseres Besuches Arbeiten aus dem Entwurfsbereich gezeigt werden, welche für den Ambiente Designpreis der Gebert Stiftung für Kultur ausgewählt wurden.

Man steigt im Lichthof eine Treppe hinauf und befindet sich im offenen Eingangsbereich der grosszügig und elegant eingerichteten Stadtbibliothek Rapperswil-Jona. «Willkommen» begrüsst die Besucher eine grosse, farbige Buchstabenfolge hinter der Infotheke. «Die ganze Stadtbibliothek als Geschenk» verkündet ein Plakat am Eingang der im Jahr 2014 eröffneten Stadtbibliothek Rapperswil-Jona, mit dem für Geschenkabos für Bibliotheksbenutzer geworben wird. Die Bibliothek entstand aus dem Zusammenschluss zweier Büchereien, die früher je in einem Gebäude in Rapperswil und in einem anderen in Jona untergebracht waren. Die neue Bibliothek entstand nach der Fusion der beiden Gemeinden Rapperswil und Jona zur Stadt Rapperswil-Jona. Bibliotheksleiterin Simone Hotz-Zwissler konnte bei der Wahl der Einrichtung und bei der Ausarbeitung des Konzepts mitwirken, als die Bestände der beiden Bibliotheken zusammengefügt wurden. Eine Tradition, die aus der Zeit der früheren zwei Standorte übernommen wurde, ist die Sonntagsöffnung jeweils von 10 bis 13 Uhr. Damals pflegten nicht wenige Familien nach dem Besuch des Gottesdienstes noch in der Bibliothek von Jona vorbeizuschauen.

 Vorbildlich die klare Signaletik, mit der man von einem Bereich des Hauses zum nächsten geleitet wird. Im Gebäude sind die einzelnen Aufenthaltsbereiche mit eigens erfundenen Doppel-Bezeichnungen gekennzeichnet wie «lesen & verweilen», «fragen & informieren» oder «unterhalten & bilden». Im Erdgeschoss bot ein Bistro («geniessen & schmökern») bis vor einem halben Jahr Mittagsmenus an, derzeit wird ein neuer Betreiber gesucht, weshalb der Eingangsbereich im Erdgeschoss etwas verloren wirkt. Dafür stehen für die Verpflegung im Eingangsbereich der Bibliothek im ersten Stock neben der Infotheke Wasser und Äpfel zur Verfügung, An der Auskunftstheke ein Bildschirm mit aktuellen Leseempfehlungen und einer Liste der Neuanschaffungen. Daneben warten die vorbestellten Bücher in einem Gestell darauf, abgeholt zu werden.

Was besonders auffällt: Die Stadtbibliothek Rapperswil – Jona weist zwei Hauptbereiche auf. Auf der einen Seite des geräumigen Lichthofs befindet sich der Bereich «lesen & verweilen» mit Büchern für Erwachsene und Jugendliche. Auf der anderen Seite des grosszügig konzipierten Lichthofs – und daher auch gut von «lesen & verweilen» getrennt, ist das Bücherreich der Kinder.

Erwachsenenbereich - Gestelle - Sitzgelegenheiten

Entlang des langen, lichtdurchfluteten Raums mit den Büchern für Erwachsene und Jugendliche stehen die Gestelle mit den Kuben befinden. In einem breiten Gestell sowie auf Zeitschriftentürmen präsentieren sich die neusten Ausgaben von über 40 Periodika und Neuerscheinungen. Auf zwei Sofas und an Lesetischen sitzen Erwachsene und lesen oder arbeiten an Computerbildschirmen. Zwei Tablet-Stationen bieten die Möglichkeit, sich in die Regionalpresse und in der deutschen ZEIT zu vertiefen. «Nutzen Sie unsere modernen und grosszügigen Räumlichkeiten als Arbeitsplatz oder Rückzugsort für Ihr Studium» heisst es auf Flyers der Bibliothek. Regelmässig wird eine kostenlose E-Book-Sprechstunde angeboten, an der eine Einführung in das grosse Angebot der Digitalen Bibliothek Ostschweiz stattfindet. Hier lernt man, wie   man E-Medien sucht, reserviert und ausleiht. Wer nicht weiss, wie man eine Online-App oder eine Adobe-ID einrichtet, kann das hier lernen. Während sich dieses Angebot an erwachsene Benutzerinnen und Benutzer richtet, richtet sich das «Bärlitreff» genannte Angebot an Kinder im Alter von 6 Monaten bis zu 3 Jahren und ihre Eltern. Hier können die Kleinsten mit der Sprach- und Fantasiewelt im Umfeld von Büchern spielerisch vertraut werden.

Bereich Jugendliche und Erwachsene

Die Büchergestelle im Bereich der Erwachsenenliteratur sind alle nur so hoch, dass man den ganzen, leicht angewinkelten, weiten Raum mit seinen grauen Stahlträgern überblicken kann. Rund um den Lichthof befindet sich der Bereich «hören & sehen» mit seinen vielen CDs und DVDs. Ein Lese- und Sitzungszimmer mit Namen «arbeiten & besprechen» steht Arbeitsgruppen zur Verfügung.

Kinderbereich

Bei der Literatur für Erwachsene herrscht Ruhe, während im separaten Bereich für die Jüngsten auf der anderen Seite des Lichthofs Kinder laut spielen dürfen, ohne dass der Hall bis zum Erwachsenenbereich durchdringen kann. Ein Vater baut gerade mit seinen beiden kleinen Kindern einen Turm aus Holzelementen. Ein anderer Vater liest einer kleinen Gruppe von Kindern ein Buch vor. Die Büchergestelle im Kinderbereich sind so niedrig, dass Kinderarme alles erreichen können. Im Kinderbereich befinden sich, allerdings auf einer für Kinder unerreichbaren Höhe, Ratgeber aller Art für Eltern und andere Erziehende. Plakate und Flugblätter in der Bibliothek weisen auf eine Aktion mit dem Namen «Ort für Wort». Dies ist ein Angebot für Schreibende, die ihre Kurzgeschichten oder Romane Lesern vorstellen wollen. «Ort für Wort»,
 ist eine Veranstaltungsreihe von Stadtbibliothek und der «Gebert Stiftung für Kultur». Sie stellt einem neugierigen Publikum zweimal im Jahr die Vielfalt an regionalen Texten vor.

Stadtbibliothek Rapperswil-Jona
Klaus-Gebert-Strasse 5
8640 Rapperswil-Jona
T: 055 225 74 00
www.stadtbibliothek-rj.ch

Klare Trennung

Heinz Egger

Das Haus sieht von oben aus wie ein Kuchenstück, dessen Spitze abgeschnitten ist. Von der Neuen Jonastrasse her kommend schaut man denn auch an diese abgeschnittene Spitze. Ein Grosses Fenster, das mit Schneesternen aus Papier geschmückt ist, schaut einen an. Wer durch die Türe mit Hausnummer 5 ins Gebäude eintritt, wird kaum glauben, dass in diesen Räumen einst Maschinen ratterten, und emsige Hände Toilettenspülkästen und vieles mehr herstellten. Die Stadtbibliothek Rapperswil-Jona liegt in der „Alten Fabrik”. Das Gebäude war die Keimzelle des heutigen Unternehmens Geberit. Die Bibliothek liegt denn auch an der Klaus-Gebert-Strasse. Die Innenräume des Gebäudes wurden vollständig neu erstellt. Im Erdgeschoss ist zuerst die Eingangshalle, in der viel verheissend auch eine Theke steht. Allerdings ist sie zur Zeit leer. Es wird jemand gesucht, der hier wieder eine Kaffee-Ecke betreibt. Zur Linken ist ein Theatersaal, zur Rechten ein Ausstellungsraum.

Durch ein Dachfenster und einen grossen, fünfeckigen Lichtschacht fällt Licht herein. Die weissen Wände reflektieren es. Es ist angenehm hell im Eingangsbereich.

Eine breite Treppe führt hinauf in den ersten Stock, wo die Bibliothek ihre Räume hat. Den zweiten Stock nutzen Architekten.

Empfang, Ausleihe, Medien

Der Lichtschacht ist quasi der Angelpunkt, um den sich die Bibliotheksräume scharen. In diesem Bereich findet sich die Medien-Rückgabe, die bloss aus zwei Einwürfen besteht, einer für Bücher einer für andere Medien. Hier heissen farbige Buchstaben Besucherinnen und Besucher an der Information willkommen. Hier steht auch das Regal mit den reservierten Büchern und an der Mauer des Lichtschachts warten drei elektronische Ausleihstationen auf Nutzerinnen und Nutzer. Vier Seiten des Lichtschachts säumen die Kästen mit Medien für Erwachsene. Ein langes Gestell zeigt die Neuanschaffungen.

Zur Spitze des Hauses liegen zwei Räume für Kinder. Zwei Eingänge gibt es. Zuerst betritt man den Lese- und Vorleseraum. Er bietet neben Sitzgelegenheiten auch zwei Rückzugsorte: eine Art Höhle mit grossen Kissen und eine Art Horst, ebenfalls mit Kissen, so dass man sich bequem einrichten kann. Und klar, mit Schuhen betritt man diese Räume nicht. Auf einer Matte stehen als Hinweis ein paar blitzblanke, blaue Gummistiefel mit aufgemaltem Gesicht. Eine Mutter hat sich mit ihrem Kind in die Höhle zurückgezogen. Sie sitzt auf einem „Fatboy”. Dies ist ein grosser Sack, der mit weichem Material gefüllt ist und sich in fast jede Form bringen lässt – bis man sich darin bequem fühlt. Die Mutter liest ein Buch vor, während das Kind wohl vor Spannung leicht unruhig auf seinem „Fatboy” sich hin und her wälzt.

Ein Vater mit seiner Tochter betritt den Raum. Schnell hat die Tochter die Schuhe von den Füssen geschüttelt und die Jacke ausgezogen. Sie strebt gleich dem nächsten Raum zu, während ihr Vater die Schuhe auf eine Matte stellt und die Jacke aufhängt. Darauf folgt er seiner Tochter.

Der grosse, trapezförmige Platz empfängt von drei Seiten durch Fenster Licht. Weiss gestrichene H-Träger aus Stahl tragen die Decke aus dicken Holzbalken. Den Wänden entlang laufen Gestelle. Da es keine Säulen gibt, ist der Platz in der Mitte ist so gross, dass nicht nur niedrige Buchgestelle auf Rollen, sondern auch noch ein Spielplatz eingerichtet werden konnte. Ein hellgrüner Teppich auf dem dunklen, geschliffenen Betonboden, Sitzgelegenheiten in Kindergrösse, Pfulmen und ein „Fatboy” laden ein, sich niederzulassen und in den ausgesuchten Büchern zu schmökern. Wer Lust hat, kann mit Holzstäbchen, die in einer grossen Kiste lagern, etwas bauen. An der Wand im Durchgang zum ersten Raum hängen Fotos von Kunstwerken, an denen wohl stundenlang gebaut worden ist.

Ein Mädchen steht unter dem grossen Fenster mit den Schneesternen. Dort befinden sich die Filme für Kinder. Es blättert in den Filmkassetten. Hin und wieder hält es an und buchstabiert laut den Titel des Films. Seine Stimme bricht dabei nie ab, so dass ein Wort zwar sehr lang wird, aber als Klanggebilde richtig ertönt. Hin und wieder geraten die Buchstaben auch durcheinander, was dann lustig klingt. Es ist wunderschön zu sehen und zu hören, wie sich dieses Kind die Welt des Geschriebenen erobert.

Auf den Gestellen stehen Würfel, die angeben, was sich dort an Literatur befindet. Die Wörter darauf, wie auch die Beschriftung der Gestelle und Tablare richten sich an ordnende Hände von Erwachsenen. Ein Kind wir es kaum verstehen: Amphibien, Reptilien, Botanik…

An der längsten Wand des Raums, dort wo die beiden Zugänge sind, finden auch Erwachsene Bücher im Zusammenhang mit Kindern, beispielsweise zu Erziehungsfragen, Familie, Krankheiten, Umgang mit Medien und Internet, Musik, Spielen oder Handarbeiten. Ebenfalls liegt eine grössere Anzahl Zeitschriften auf.

Auf der anderen Seite des Lichtschachts öffnen sich zwei grosse Bereiche, die auf dem Hausplan mit „Lesen & Verweilen” bezeichnet sind. Sie sind für Jugendliche und Erwachsene reserviert. Die Decke ist gleich wie im Bereich der Kinder, allerdings ist die Metallstruktur dunkelgrau angestrichen. Der Raum wirkt weniger hell, obwohl er ebenfalls viel Tageslicht erhält und viele Lampen brennen.

Schulterhohe Gestelle, Würfel zur Orientierung

Die vielen gut schulterhohen Gestelle erwecken den Eindruck eines Gedränges, das aber dank den Würfeln mit den Rubriken auf den Gestellen übersichtlich bleibt. Den Fenstern entlang stehen Arbeitstische mit Recherche-PCs und Arbeitsstationen. Auf einem grünen Teppich laden ein Ohrensessel, zwei Schalensitze mit Schaukelkufen und ein breites Sofa ein, sich bequem niederzulassen, zu lesen und zu sein. Das Angebot an Zeitschriften und Zeitungen ist beachtlich. Und als innovatives Angebot sind auf der Theke zwei Tablets an beweglichen Armen befestigt. Sie geben Zugang zu Zeitungen in elektronischer Form.  Natürlich ist die Bibliothek auch an einer digitalen Bibliothek angeschlossen: dibiost. Hier lassen sich etwa 35 000 Medien, darunter auch Zeitungen und Zeitschriften für eine beschränkte Dauer auf jedes Gerät herunterladen, sei es ein PC, ein Tablet oder Smartphone.

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