Statbibliothek Biel / Bibliothèque de la ville de Bienne

Bibliothèque zweisprachig

Michael Guggenheimer

Unten die Postschalter und oben die Stadtbibliothek. Das ist seit kurzem in St.Gallen so und in Biel seit mehr als 80 Jahren. In Biel wartet man darauf, dass die Post das Erdgeschoss gelegentlich räumen wird. So weit ist man in St.Gallen noch nicht, wo die Stadtbibliothek erst vor kurzem im Gebäude der Hauptpost eröffnet wurde. In Biel hofft man darauf, dass die Stadtbibliothek nach ihrem grossen Jubiläumsjahr erweitert werden könnte. In diesem Jahr feiert die älteste Kultur- und Bildungseinrichtung Biels ihr 250-jähriges Bestehen und sie macht mit zahlreichen Veranstaltungen auf sich aufmerksam. Geplant sind Lesungen, Konzerte, Filmvorführungen und eine Ausstellung. Mit einem grossen farbigen Banner an der Fassade, gestaltet vom Künstlerpaar M.S. Bastian und Isabelle L., macht die Bibliothek in diesen Monaten auf ihr Jubiläum aufmerksam: „La Bibliothèque de la Ville a été fondée en 1765 par la bourgeoisie de Bienne, telle un signe des Lumières et de l’engouement pour la formation. Au cours de son histoire mouvementée, la Bibliothèque s’est muée en une des premières institutions culturelles bilingues de Bienne, du Seeland et du Jura Bernois. L’année 2015 est l’occasion de revenir sur 250 ans d’histoire mais aussi de promouvoir la Bibliothèque d’aujourd’hui, très en lien avec la culture locale et les institutions partenaires“, heisst mit einigem Stolz im Hinblick auf die Jubiläumsfeiern in einer Mitteilung der Bibliothek.

Biel ist zweisprachig. Die Strassen tragen deutsche und französische Namen, die Metzgerei heisst auch boucherie und die Bäckerei boulangerie. Zweisprachig wird im Bus der Linie 4 der Buchort Stadtbibliothek auf der Anzeigetafel mit Bibliothek und bibliotèque angekündigt. Zweisprachig ist die Homesite der Stadtibliothek / Bibliothèque de la ville. Und zweisprachig ist auch der Bücherbestand der Bibliothek, wo die Damen am Auskunftschalter zweisprachig bzw. bilingue sind. Die Zweisprachigkeit fällt dem Besucher zuerst im Zeitschriftenlesesaal, der Salle des revues auf, wo neben der Zeitschrift Literaturen das Magazine littéraire, neben dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel aus Hamburg der L’Express aus Paris aufliegt, wo die konservative Weltwoche dem linken L’Observateur begegnet, der literarische Monat und Lire auf Leser warten, wo Bilan und Beobachter, Berner Zeitung und Le Quotidien jurassien, 24 heures und Bieler Tagblatt ebenso wie die FAZ und Le Monde beisammen sind.

Alles ist zweisprachig angeschrieben.

Was sich im Zeitschriftenlesesaal ankündigt, zieht sich durch den gesamten Bücherbestand. Im Bereich der Belletristik sind die Sprachen zwar getrennt, jedoch nah beisammen. Links die Büchergestelle, die mit „Romane deutsch“ angeschrieben sind, nebenan rechts die „Romans français“. Die Nähe der beiden Sprachen, der unmerkliche Übergang von der einen Sprache zur anderen, der in Biel gelebt wird, wird im Bereich der „Sachthemen“ / „Documentaires“ praktiziert: Wer sich zum Beispiel für psychologische Literatur interessiert, der findet die Psychologiebücher der beiden Sprachen im selben Gestell, wenn auch nach Tablaren getrennt. Und was für die Psychologe gilt, zieht sich durch alle anderen Sachgebiete durch. Die Sachbiete sind durchgängig zweisprachig angeschrieben: Esoterik / Esotérisme, Alter / Vieillesse, Frauen / Vies de femmes, Kirchengeschichte / Histoire de l’Eglise oder Ethik und Ethique. Dieses Prinzip der Übergänge verleiht der Bibliothek eine Vielfalt der Zugänge zu Themen, die einem die Lust gibt, sich öfters nach Biel in die Bibliothèque de la ville zu begeben, um endlich vermehrt Bücher in französischer Sprache zu lesen.

„Klassiker, die Sie schon immer lesen wollten“ heisst ein Büchergestell. Und im selben Büchergestell warten die „Classiques à lire ou relire“: Seite an Seite stehen hier Bücher von Agota Kristof und Hans Fallada, Thomas Mann und Blaise Cendrars, Erich Maria Remarque und Jacques Chessex, Max Frisch und Joël Dicker. „Unsere Empfehlungen“ steht über einem anderen Büchergestell und nebenan „Coups de coeur“, wo die Bibliothekarinnen Bücher empfehlen. Béatrice Perret Amado, die stellvertretende Leiterin der Bibliothek, empfiehlt gerade La claire fontaine von David Bosc sowie die deutsche Übersetzung mit dem Titel „Ein glückliches Exil“, erschienen beim Bieler Verlag „Die Brotsuppe“, der sich darum bemüht, Bücher aus der Westschweiz den Deutschschweizern zugänglich zu machen. Auffallend die grosse Auswahl im Bereich Comics / Bandes dessinées der Stadtbibliothek, wo die grosse Tradition der französischsprachigen Graphic Novels zum Schauen und Lesen verführen.

Biels Stadtbibliothek ist ein Ort, an dem man sich wie überall anderswo an Bibliotheken Bücher holt, um sie mit nach Hause zu nehmen. Und gleichzeitig ist die Bibliothek ein Arbeitsort: Gleich neben dem Eingang befinden sich Schliessfächer. Wer längerfristig hier arbeitet, kann seine Unterlagen auch über Tage und Wochen in einem Schliessfach aufbewahren. Im langen Lesesaal mit seinen Arbeitsplätzen an einer Fensterfront herrscht Stille, hier sollten sich nur diejenigen aufhalten, die sich der vertieften Lektüre hingeben. „Der Lesesaal ist Arbeitsraum. Jede Konversation ist zu unerlassen! Unvermeidbare Mitteilungen im Flüsterton“ heisst es am Eingang. Und wirklich: Hier schreiben Studierende ihre Arbeiten, hier werden Semesterarbeiten verfasst. Das Team der Bibliothek versteht das Haus als Begegnungsort. Dazu Clemens Moser, Leiter der Stadtbibliothek in einem Interview mit dem Bieler Tagblatt: „Wir verstehen uns auch als soziale Institution. Als Ort, an dem zwischenmenschliche Kontakte möglich sein müssen. Es gibt auch Benutzer, die durch die sozialen Maschen gefallen sind. Sie werden hier toleriert, so lange sie die anderen Gäste nicht stören. Grundsätzlich haben alle ein Recht, bei uns zu sein. Es ist unsere Pflicht, alle willkommen zu heissen.“

Stadtbibliothek Biel /
Bibliothèque de la ville de Bienne
General-Dufour-Strasse 26 / 26 rue Dufour
2502 Biel / Bienne
T: 032 329 11 00
www.bibliobiel.ch

Dreisprachig

Heinz Egger

Oberlichter fluten den Raum mit Licht, Helle Gestelle, leichte Betontruktur

Die Stadt-Bibliothek hat eine eigene Haltestelle! Bibliothek – Bibliotèque. Der Bus 4 hält vor dem Haus. Im Parterre ist die Post eingemietet, im ersten Stock und in einem modernen Anbau die Bibliothek. Das Treppenhaus ist weit und grosszügig. Eine lichte Betonstruktur trägt den ersten Stock und eine Galerie. Hell ist es. Licht strömt von den Fenstern im Dach herein. Die Gestelle aus hellem Schichtholz verströmen Wärme. Schon im Bus war alles zweisprachig angeschrieben. In der Bibliothek gilt das auch.

Mich zieht es zuerst in den Zeitschriftensaal. Zur Linken sind die französischen, zur Rechten die deutschen Zeitschriften. Alle zeigen ihr Deckblatt. Hinter einer Klappe liegen die älteren Ausgaben. Stellenanzeiger haben ein eigenes Gestell. In einem langen Korpus liegen Zeitungen und Amtsblätter auf. Es ist still im Raum, nur leises Rascheln gewendeter Zeitungsseiten ist zu hören. Von der Empfangstheke her tönt Gelächter und aufgeregtes Reden auf Französisch. Die Leserinnen und Leser wechseln recht schnell. Ein Mann sitzt da. Er liest in Le Monde. Seine Frau kommt und küsst ihn. Sie brechen schnell auf. Kaum sind sie weg, setzt sich ein dunkelhäutiger Mann an den Tisch. Er blättert in Le Temps. Ich schaue mich um: Auch der ältere Herr, der an einem Tisch vor seiner Zeitung eher zu schlafen schien, ist nicht mehr da. Ein junger Mann mit Rosschwanz, Brille, in Trainingshosen und Turnschuhen – aber nicht als Sportler – liest nun dort die Neue Zürcher Zeitung.

Eigentlich hätte ich gern Charlie Hebdo in die Hand genommen. Aber diese Zeitschrift liegt nicht auf. Es sei für eine öffentliche Bibliothek zu riskant, sie im Angebot zu führen. Man könnte Benutzerinnen oder Benutzer verletzten, erfahre ich an der Info-Theke. Dafür liegt Vogousse, le petit satirique romand, auf. Und ich entdecke Lire, ein Magazin aus Frankreich (www.lire.fr). Darin stehen in der vorliegenden Ausgabe ausgezeichnete Artikel zur Frage: Peut-on (encore) rire de tout?

Die Kaffeemaschine stösst ihr kreischendes Mahlgeräusch aus. Ein Mann aus dem Lesesaal ist herübergekommen, um sich zu erfrischen. Der Lesesaal dehnt sich über die ganze Gebäudelänge aus. Er liegt über der Post. Der Verkehrslärm ist gut zu hören. In den Nischen der grossen Fenster stehen Arbeitstische. Drei Stühle, zwei Tischlampen. Zwischen den Fenstern stehen Holzgestelle. Die grossen Fächer sind leer. Wer dort arbeitet nutzt sie als Ablage für den Mantel, die Tasche, Bücher oder Lebensmittel, die eigentlich im Raum verboten sind. Im Rücken haben die Arbeitenden die Präsenzbibliothek. Sie ist umfangreich. Sie bietet von Daniel Boucards Dictionnaire des outils bis zu allen Bänden des Duden vielerlei Nachschlagewerke. Die Fenster der einen Schmalseite sind durch eine riesige Stoffbahn abgedeckt. Sie kündet vom 250-Jahr-Jubliäum der Bibliothek. Ein wurmartiges Wesen äugt herein und schaut auf einen Arbeitsplatz mit Büchern und Computer, der gerade verwaist ist. Ich werde beim Fotografieren von einer jungen Frau mit wallendem, dunklem Haar überrascht.

Arbeitsplatz im Lesesaal

Sie fotografieren meinen Arbeitsplatz?

Ja, weil er ein schönes Arrangement darstellt.

Arrangement?

Ja, alles ist schön geordnet. Zudem gibt er ein gutes Beispiel für die Bibliothek. Auf Ihrem Heft steht in schöner Handschrift ein französischer Text, neben dem Computer liegen englische und deutsche Bücher. Mehrsprachigkeit wie die Bibliothek sie anbietet.

Wie Sie meinen.

Ich stelle allerdings fest, dass Ihre Bücher keine Signatur tragen, also nicht aus der Bibliothek stammen.

Ja, das sind meine Bücher.

Weshalb arbeiten Sie hier?

Ich wohne gleich um die Ecke. Und in meiner Frauen-WG gibt es zu viel Ablenkung. Vom Kühlschrank bis zur Musik und vom Wäscheturm bis zum Kaffeeklatsch. Ich brauche Ruhe.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich bin an der Batchelor-Arbeit zum Thema Traumatisierung und deren Behandlung.

Sie setzt sich hin, öffnet den Computer und setzt ihre Arbeit fort.

Emsig an der Arbeit

Um ihre Fesseln des rechten Fusses läuft ein tätowierter Schriftzug. Gleich neben der Achillessehne verbindet ein Anker Anfang und Ende. Dann folgt „L’important c’est“ …

 

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