Stiftung Bibliothek Werner Oechslin, Einsiedeln

Pilgerort

Michael Guggenheimer

Einsiedeln. Das ist Barock. Das ist ein katholischer Wallfahrtsort. Das ist ein Ort der Bildung. Wer an Einsiedeln denkt, dem fällt zunächst die grosse Klosterkirche ein. Gaststätten und Hotels gehören zu Einsiedeln. Im Winter die Langlaufloipen. Und alle paar Jahre „Das grosse Welttheater“.

Es gibt in Einsiedeln neben dem Benediktinerkloster mit seinem Gymnasium noch einen zweiten Ort der Bildung. Auch er mit einer klösterlichen Ausstrahlung. Es ist die Bibliothek von Werner Oechslin in einem Bau, den Architekt Mario Botta entworfen hat. Von aussen ein modernes Gebäude in rot-braunem Veroneser Stein, unverkennbar ein Bau des Tessiner Architekten, auch wenn bekannt ist, dass er über die Innenausstattung der Bibliothek nicht glücklich ist. Man steigt eine Aussentreppe hinauf, läutet an der gläsernen Eingangstür, wartet darauf, dass ein Bibliothekar die Tür öffnet und kommt aus dem Staunen nicht heraus. Hinter der modern gestalteten Empfangstheke erblickt man einen elliptischen Saal, eindeutig der Architektur einer barocken Klosterbibliothek nachempfunden. Bücher, alte Bücher mit Lederrücken in grossen Formaten hinter feinmaschigem Gitterdraht von Bodenhöhe bis zur Decke hinauf. Auf der einen Seite eine Balustrade, auf der anderen Seite eine bewegliche Wendeltreppe, man nennt sie hier „trojanisches Pferd“, die einem die Möglichkeit gibt, von den hoch oben sich befindenden Büchergestellen die Folianten zu nehmen.

Barocke Bibliothek mit zweistöckig angeordneten Büchern. Rollbare Wendeltreppe

Unübersehbar am Ende des Raums eine weisse Statue. Es ist Laokoon mit seinen Söhnen, eine Kopie des berühmten Originals, die den Lesesaal dominiert. Ein Hinweis auf die Verbundenheit des hochgebildeten Bibliothekgründers mit der Antike, etwas zu wuchtig in diesem Raum. Der Jakobsweg von Konstanz nach Santiago führt – zumindest gemäss Landkarte – mitten durch dieses Haus, das voller Bezüge zur Geschichte ist.

Eine russische Architekturhistorikerin arbeitet an einem der breiten Tische, dicke Bücher aus dem 18. Jahrhundert, Stifte, Karteikarten und ein Laptop vor sich. Sie schreibt eine Arbeit über Festungsarchitektur im Barockzeitalter. Es ist still in diesem hohen Raum, man meint, man sei hier allein mit ihr und stellt erst später fest, dass hinter der Balustrade im ersten Stock zwei Bibliothekare und ein Lektor an der Arbeit sind und etwas versteckt hinter einer Wand sitzt Anja Buschow Oechslin, Leiterin der Bibliothek, sie ist an einem Tisch, von dem aus sie die Dächerlandschaft Einsiedelns überblickt und direkt zur breiten Fassade der grossen Klosterkirche hinüberschaut. Auch sie ist an der Arbeit, Kunsthistorikerin, Buchautorin, Ehefrau des Gründers dieser beeindruckenden Bibliothek, in der Quellenwerke zur Architekturtheorie, Mathematik, Theologie, Astronomie, Philosophie und Metaphysik lagern. Gegen 60 000 Bände sollen es sein, Werke zur Geschichte der Kunstgeschichte, Künstlerviten, Bücher zur Archäologie und Kunstgeschichte der Stadt Rom, Schriften in Originalausgaben, die zum Teil mehr als 500 Jahre alt sind. An den Deckenbalken aus Beton sind lateinische und griechische Inschriften zu sehen, es ist ein Bildungsort, dessen Gründer in der Einsiedler Klosterschule der Benediktiner das Gymnasium besucht hat.

Werner Oechslin, emeritierter Professor für Kunst- und Architekturgeschichte, hat die Bücher gesucht, gefunden, gekauft, gesammelt und der Öffentlichkeit an seinem Geburtsort zu Verfügung gestellt. In den 60er Jahren hatte er in Rom in einer Zeit studiert, da Bücher aus zurückliegenden Jahrhunderten preiswert zu haben waren. Damals wurden Klosterbibliotheken aufgelöst und gelangten ganze Bestände zum Verkauf. Heute ist der Erwerb so grosser und bedeutender Bücherbestände zu den Themenbereichen Kunst und Architektur nicht mehr möglich. Lange lagerten die Bücher in Oechslins Wohnung. Ende 1998 wurde die „Stiftung Bibliothek Werner Oechslin“ gegründet und zu Beginn des Jahres 1999 ein Nutzungsvertrag mit der ETH Zürich abgeschlossen. Damit konnten die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit der Stiftung geschaffen werden. Als selbständige kleine Institution, die durch die feste Verbindung zur ETH in die Hochschullandschaft eingebunden ist, ist die Bibliothek zu einem Kompetenzschwerpunkt im Bereich Architekturgeschichte geworden, wobei hier besonderes Gewicht auch auf die geisteswissenschaftlichen Bezüge gelegt wird.

Es war keine schnelle Baugeschichte, die zum Bau der Bibliothek führte. Es gab Einsprachen, es fehlte das Geld. Doch die lange Zeit der Einrichtung ist vorbei. Besucher schauen hier vorbei, auch wenn sie nicht an einem Buch über ein architekturhistorisches Thema arbeiten. Keines der Bücher wird ausgeliehen, wer mit den Beständen der Bibliothek arbeiten will, der muss sich nach Einsiedeln begeben, wo er freundlich und zuvorkommend empfangen wird. Die eigene Suche in den Beständen der Bibliothek wird der Besucher wohl schnell aufgeben, um einen der beiden Bibliothekare zur Hilfe zu bitten. Denn keines der Bücher in diesem Gebäude trägt eine sichtbare Signatur und eine alphabetische Ordnung gibt es hier nicht.. In den Büchern stecken – auf einem Blatt notiert – die Signaturen, blaue, weisse, gelbe Zettel, Notizen und Lesezeichen lugen aus vielen Büchern hinaus. Zwar sind die Bücher nach Themenbereichen geordnet. Aber die fehlenden Signaturen erweisen sich für Benutzer als ein Hindernislauf. Findet auch einer der beiden Bibliothekare ein gewünschtes Buch nicht, dann kommt Bibliotheksgründer Werner Oechslin aus seinem Wohnhaus nebenan durch einen unterirdischen Verbindungsgang in die Bibliothek. Denn er weiss, wo welche Bücher sind, er kennt die Ordnung seines Bücheruniversums am besten. Im Kellerbereich finden sich in Nebenräumen die neueren Werke, mit denen sich kein Staat machen lässt. Und zwischen den Büchern stehen in den Regalen Ordner voller Zeitungs- und Zeitschriftenausschnitte zu Themen der Architektur und Stadtplanung.

Hat man sich im Gewirr im Kellerbereich umgeschaut, staunt man ein zweites Mal über das Innenleben dieses Hauses. Eine unterirdische Rotunde, dunkler Granitboden, blaues Himmelsgewölbe mit funkelnden Sternen, rundherum Bücher in Tablaren, hoch oben kleine schmale Fenster, die Tagslicht hineinlassen und durch die man Bäume und Himmel sieht. Und in der Mitte des kuppelförmigen Raums eine Kopie der Stele des babylonischen Königs Hammurabi: «Ein frühes Beispiel der ‹Verfestigung des Wissens› in Stein, einer Vorform der Bibliothek», wie es in einer Beschreibung heisst. Die meisten Bücher in diesem Raum haben einen Ledereinband und sind alt. Büsten von Nietzsche, Goethe, Perikles und Voltaire wachen über die Rotunde, die 22 Segmente der unteren Schaubibliothek sind nach dem hebräischen Alphabet geordnet. Wirklich viel Symbolik in einem Haus der Bücher.

Stiftung Bibliothek Werner Oechslin
Luegetenstrasse 11
8840 Einsiedeln
T: 055 418 90 40
www.bibliothek-oechslin.ch/

 

Die Spirale

Heinz Egger

Von der Erlenbachstrasse her führt ein schmaler Weg zu einer steil ansteigenden Treppe. Sie ist gerade so breit wie der enge Zugang. Zwei rote, schlanke Gebäudeteile, empfangen mich. Sie sind rau vom grob behauenen Rosso die Verona, dem Fassadenstein des ganzen Gebäudes. Wie die Backen einer Zange oder wie Skylla und Charybdis kommen mir der linke, spitze Teil und der rechte rechteckige vor. Bei der Eingangstüre weitet sich der Raum, Licht strömt durch eine seitliche Öffnung in der Mauer herein. Drinnen vor der Infotheke schliesslich blendet ringsum das Weiss der glatten Wände. Über der Theke an der Wand sitzt die Melancholia – Es ist ein verkleinerter Gipsabguss des Lorenzo die Medici von Michelangelos Medici-Grab. Den Finger unter der Nase, nachdenklich sitzt er da, als wollte er wie Hamlet sagen „to be or not to be“. Neben seinem Podest steht „nox erat“ – es war Nacht. Der Tag ist demnach angebrochen und der denkende Held hat wohl eine Erkenntnis gewonnen.

Nicht nur im Eingangsbereich, sondern im ganzen Haus finden sich Hinweise auf das Ringen nach Erkenntnis, Wissen und Wahrheit. Lateinische und Griechische Inschriften sind es. Verstehen kann sie nur, wer sich mit der Geschichte von Philosophie, Mathematik und Theologie seit dem Altertum eingehend beschäftigt hat. – Ein sehr hilfreiches Dossier über den Bau und die Bibliothek steht am Empfang zur Verfügung; dieses hilft zu verstehen, weshalb die Inschriften da sind und was sie bedeuten.

„Hic tibi certa domus“ – hier ist dir ein sicheres Haus. Der Satz gehört in die Geschichte von Aeneas und der Gründung Roms. Und er steht sicher auch dafür, dass die riesige Sammlung von Büchern – es sind an die 60’000, zusammengetragen von Professor Werner Oechslin – hier ein Haus gefunden hat. Aber ich finde ihn schön für mich. Hier hast du ein Haus, ein sicherer, ein geschützter Ort, an dem du der Bildung nachgehen, forschen, etwas erkennen kannst. Bibliotheken sind für mich solche Orte. Darum halte ich mich gern darin auf.

Der Lesesall von der Wendeltreppe aus

Der Lesesaal ist das Zentrum der Bibliothek. Der Raum ist sehr hoch. Oben fällt Licht durch schmale Fenster ein. Die Bücher stehen auf zwei Etagen darin wie in einer Barock-Bibliothek. Die äussere Wand ist gewölbt. Sie enthält die Werke der Architekturtheorie ab dem 16. Jahrhundert. Über eine rollbare, hölzerne Wendeltreppe erreicht man die Bücher in der Höhe. Die innere Wand ist gerade. Eine Balustrade teilt sie und gibt gleichzeitig Zugang zu den Büchern im zweiten Geschoss. Ein grosser Tisch mit Stühlen lädt ein, ein Buch zu nehmen und sich darin zu vertiefen.

Allerdings sind die Bücher nicht einfach zugänglich. Sie sind eingesperrt hinter einem einfachen Metallrahmen, der das Schloss trägt, und Maschendraht. Da gilt „tolle lege“ – nimm und lies – leicht eingeschränkt. Die Bücher werden geschützt, weil der Raum auch als Veranstaltungsort gebucht werden kann. Der Spruch steht über dem ersten Zugang zum Lesesaal auf der rechten Seite. Nimm und lies ist eine wunderbare Einladung. Ich liebe sie und geniesse sie in jeder Bibliothek. Über dem zweiten Eingang steht: sapere aude – wage zu wissen. Genau das, was Immanuel Kant meinte: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

Im Boden der beiden Eingänge zum Lesesaal sind gar Heilsversprechen in griechischen Buchstaben eingelassen: Heilort der Seele und Arznei für die Unsterblichkeit.

Mein Blick wandert unweigerlich den Buchrücken entlang in die Höhe, zur Decke. Dort prangen weitere Weisheiten in goldenen lateinischen und griechischen Lettern auf den Deckenbalken. Ich kann sie nicht mehr übersetzen. Meine Gymnasialzeit mit Latein und Griechisch liegt zu weit zurück. So bleibt mir denn der „Himmel verschlossen“. Einfach sind diese Zitate ohnehin nicht. Sie sind aus einem Kontext herausgenommen, sind stark komprimiert. Wie weit das Kryptische gehen kann, mag die Inschrift belegen, die bloss Anfangsbuchstaben einer Reihe von 20 Wörtern liefert: 4 P, 1 E, 3 S, 1 E, 7 V, 4 F.

Irgendwie komme ich mir klein vor. Ich spüre, wie meine Lernbiographie in mir hochsteigt. War es nicht immer ein Streben nach weiterem Wissen, um die Welt und meinen Platz darin besser zu verstehen? Waren da nicht Engnisse, Hürden, Versagen wie in einer Spirale wiederkehrend? – Wenigstens deutet das in der Rotunde im Untergeschoss die in den Boden eingelassene Spirale, in deren Zentrum ein mannshoher, künstlerisch gestalteter Stein steht, an. Den Wänden entlang laufen Büchergestelle. Es sind 22 und jedes trägt einen Buchstaben des hebräischen Alphabets. Hier sind die wesentlichen Bände der Kulturgeschichte versammelt. Perikles, Voltaire, Goethe und Nietzsche wachen über den Schätzen.

Rotunde, Sammlung der Bücher zur Kulturgeschichte

Ich steige überwältigt und etwas bedrückt die Treppen wieder hoch. Ja, das Feld der Bildung und der Erkenntnis ist weit. Der Weg zum Stein der Weisen ist unendlich lang.

 

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