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Karger-Bibliothek der Israelitischen Gemeinde Basel

Ungewisse Zukunft

Michael Guggenheimer

Wer die Bibliothek der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) zum ersten Mal aufsucht, der muss sich Fragen gefallen lassen. Der Zugang zu der auf dem Areal der Synagoge gelegenen Bibliothek führt über eine Sicherheitsschleuse in einen Innenhof. Ein Wächter will von den Besuchern wissen, wer sie sind, will wissen, ob man jemanden hier kenne. Manchmal will er einen Ausweis sehen. Hat man den Mann mit dem israelischen Akzent hinter sich gelassen, gelangt man an einen Kindergarten und an einen niederen Anbau, wo sich die Bibliothek in hellen modernen Räumen befindet.

Karger-Bibliothek von aussen

Weil jüdische Einrichtungen im benachbarten Ausland schon mehrfach Ziele von Anschlägen waren, kommt der Sicherheit dieser Liegenschaften eine besondere Bedeutung zu. So auch in Basel, wo die öffentlich zugängliche Bibliothek gerade an ihrer Sicherheit scheitern könnte. Der Widerspruch muss erläutert werden: Weil die jüdische Gemeinde 700 000 Franken pro Jahr für Sicherheitsleute aufbringen muss, fehlt es ihr an Geld für wichtige Gemeindeaufgaben. Was fünf Jahre zuvor der jüdischen Bibliothek in Zürich passierte, findet nun in Basel statt: Die Trägerin der Bibliothek muss sparen, weshalb der Gemeindevorstand vorschlug, die Bibliothek aufzulösen, Teile der Bücherbestände in die Universitätsbibliothek (UB) zu integrieren. Doch da zeigte sich, dass die Übernahme durch die UB Mittel in der Höhe eines sechsstelligen Betrags verschlingen würde, über welche die Gemeinde nicht verfügt. An einer Hauptversammlung der Gemeinde wiesen die Gemeindemitglieder das Ansinnen ihres Vorstands zurück. Jetzt gilt es, Alternativen zu finden.

Noch sind die Alternativen nicht in Sicht. Denn in den Statuten der jüdischen Gemeinde ist festgehalten, dass die Gemeinde eine Bibliothek führt. Noch sind die Statuten gültig und kann die Bibliothek also nicht geschlossen werden. Man kann eine Bibliothek aber auch aushungern lassen. Indem man den Personalbestand reduziert. So bereits ansatzweise geschehen in Basel, wo der Frau des Bibliothekars, die ihm stundenweise aushalf, gekündigt wurde. In wenigen Monaten wird der Bibliothekar in Rente gehen. Wie es dann weitergeht, ist mehr als ungewiss.

30 000 Medien umfasst die Bibliothek, die den Namen der Basler Verleger- und Buchhändlerfamilie Karger trägt. Hell ist die Bibliothek und freundlich wirkt sie. Eine lange Wand mit hebräischer Belletristik fällt beim Betreten auf: Nicht einmal die grössere Bibiliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ-Bibliothek) weist so viele hebräische Romane auf. Und während in Zürich in diesem Bereich ausschliesslich Belletristik israelischer Autoren geführt wird, weist die Basler Bibliothek auch zahlreiche Romane nicht israelischer Autoren, die ins Hebräische übersetzt wurden. Israelis, die in Basel wohnen, schenken regelmässig ihre gelesenen Bücher der Bibliothek. Und nicht wenige Israelis würden sich hier mit Lektüre eindecken, sagt Bibliothekar Edouard Selig. Den Kern der Bibliothek bilden aber Judaica aller Art, religiöse Schriften, historische Abhandlungen, Gebetbücher, manche unter ihnen älter als 200 Jahre. Reich dotiert ist die Bibliothek auch mit Kinderbüchern und mit Büchern für Erstleser und fortgeschrittene Studierende der hebräischen Sprache.

Edouard Selig in der Bibliothek

Hundert Besucherinnen und Besucher pro Monat weise die Bibliothek auf, berichtet der Bibliothekar. Eine Zahl, die etwas hochgegriffen sei, meinen regelmässige Besucher. 200 Beratungen fänden hier per Jahr statt: Sekundarschüler und Gymnasiasten holen sich hier Informationen über das Judentum, die sie für ihre Vorträge benötigen, Studierende der Universität suchen hier Unterlagen für ihre Semesterarbeiten. Bibliothekar Selig, von Hause aus Jurist, hat eine religiöse Zusatzausbildung absolviert und ist mehr als Bibliothekar. Er hält manchmal Predigten, spricht an Abdankungen, macht Führungen durch die nebenan liegende Synagoge und ist Mitglied der Geschäftsleitung des Schweizerisch-Israelitischen Gemeindebunds der Schweiz (SIG).

Ob es an den Mehrfach-Funktionen des Bibliothekars liegt, dass nach dem Besuch der Bibliothek der Eindruck hängenbleibt, die Bibliothek benötige eine starke und ordnende Hand? Wirkt sich hier die Tatsache aus, dass die gemeindeeigene Bibliothekskommission seit Jahren offenbar nicht mehr getagt hat? Ist es fehlendes Interesse des Gemeindevorstands? Steht man nämlich oben auf der Treppe beim Eingang der Bibliothek und schaut zum Arbeitsplatz des Bibliothekars hinunter, dann sieht man ungeordnete Haufen von Büchern, entdeckt an mehreren Ecken Einkaufstaschen von Grossverteilern voller Publikationen, erblickt man eine Unordnung, die man von Besuchen in Neuantiquariaten her kennt. Betritt man den Raum mit der Compactusanlage, wo sich grosse, bewegliche Bücherregale auf Schienen stossen lassen, dann staunt man nicht schlecht über die grosse Anzahl von Büchern, die in den letzten Jahren nicht erfasst wurden. So kann es noch heute vorkommen, dass man in einem der Gestelle einem Buch aus der ehemaligen Bibliothek des Breslauer Rabbinatsseminars begegnet, obschon dieser Teil der Bibliothek vor mehr als zehn Jahren der Zürcher ICZ-Bibliothek übergeben wurde.

Basel hat aus jüdischer Perspektive gewiss eine besondere Bedeutung. Hier wurden schon im 16. Jahrhundert hebräische Publikationen gedruckt. Hier hat ein entscheidender Kongress der zionistischen Bewegung stattgefunden. In Basel steht das einzige jüdische Museum der Schweiz. Und die Basler Uni verfügt über ein Zentrum für jüdische Studien. Die Bibliothek dieses Zentrums wurde Ende 2016 von Schimmel befallen und musste vollumfänglich professionell gereinigt werden. An den früheren Ort (im Keller des Zentrums, der eigentlich als schimmelsicher galt) konnte sie nicht zurück. Sie lagert heute in der Universitätsbibliothek zwischen, welche formell ihren Bestand übernehmen und in einer „Bibliothek für religionsbezogene Wissenschaften“ in der Theologischen Fakultät aufstellen wird. Im Zentrum selbst ist nur eine verhältnismässig kleine Handbibliothek geblieben. Bleibt die Frage, ob die IGB-Bibliothek nicht doch noch mit der Bibliothek des Zentrums für jüdische Studien vereint werden könnte. Für das Zentrum für Jüdische Studien sei die IGB-Bibliothek wichtig, sagt ein Kenner beider Bibliotheken, zumal in den letzten Jahren Anschaffungen auch abgeglichen worden seien. Ob denn nicht die Zürcher ICZ Bibliothek mit der Basler IGB-Bibliothek zusammengelegt werden könnte, fragt ein Kenner beider Orte.

In Zürich konnte die Schliessung der jüdischen Bibliothek abgewendet werden. Nun hoffen Freunde der Basler Bibliothek, dass ein Zusammenschluss von Benutzern der Bibliothek deren Schliessung abwenden könnten.

Karger-Bibliothek
Bibliothek der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB)
Leimenstrasse 24
4051 Basel
T:  061 272 98 59
igb.ch/en/karger-bibliothek

 

Gefährdetes Paradies

Heinz Egger

Auch hier geht es über eine Grenze: Das Gelände der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) ist wie jenes der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) streng bewacht. Wir passieren das Tor aber ohne grosse Kontrolle, da wir angemeldet sind. Auf dem Gelände stehen die Synagoge, das Gemeindehaus Schulräume und die Bibliothek. Es ist gerade Pause. Mädchen und Buben rennen im Schulhof umher, einige spielen Fussball. Kippoth, Schläfenlocken, Schaufäden. Es sind charedische Kinder.

Die Tür zur Bibliothek ist offen. Wir treten ein und sind überrascht. Wir stehen auf einer kleinen Plattform. Vor uns eine lange Wand mit Büchergestellen voller Bücher in hebräischer Schrift.

Blick vom Eingang auf das grosse Gestell mit den Ivrith-Büchern

Eine Treppe führt hinunter auf einen Zwischenboden. Dort steht ein grosses Pult. Dies ist der Arbeitsplatz von Edouard Selig, dem Bibliothekar. Es ist hell, aber das Licht ist diffus, da die Fenster hoch oben sind. Dies ist also ein idealer Platz für Arbeiten am Computerbildschirm. Herr Selig trägt Kippa, Bart, ein weisses Hemd und schwarze Hosen. Auch er ist ein gläubiger Jude. Er sei nicht immer so gewesen, erläutert er nach der Begrüssung. Eigentlich sei er in Zürich aufgewachsen, habe Jurisprudenz studiert und sich dann entschieden observant zu werden und gemäss den jüdischen Gesetzen zu leben. Er führt die Bibliothek seit 2002. Vorher habe er als Lehrer gewirkt. Seine Anstellung sei etwa 80% für die Bibliothek und noch etwa 15% für weitere Arbeiten in der Gemeinde, beispielsweise für die Synagogenführungen.

Und nun dies: Weil die Gemeinde in finanziellen Nöten steckt, soll die Bibliothek geschlossen und der Bibliothekar ein Jahr früher in Pension geschickt werden. Edouard Selig ist entsetzt über solches Ansinnen. Man könne doch eine Bibliothek nicht einfach schliessen. Ein Buch habe doch eine Seele. Eloquent und engagiert legt er seine Sicht der Dinge dar. Er will sich mit allen Argumenten und mit der Unterstützung von Freunden und Bekannten dafür einsetzen, dass die Bibliothek erhalten bleibe. Und zwar in dem Rahmen, wie sie heute besteht. Was jüdische Gemeinden in der Schweiz sehr belastet, sind die Sicherheitskosten. Das ist in Basel nicht anders. Und sie sind dort mittlerweile so hoch, dass sie die Gemeinde ernsthaft bedrohen. So schwarz sieht das aber Edouard Selig nicht. Jedenfalls sieht er noch Möglichkeiten der Optimierung, die mehr bringen, als die Bibliothek zu schliessen. Ohne die Bibliothek könnte die Gemeinde gut 100 000 Franken sparen. Wer aber meint, die Bestände könnten einfach der Universität übergeben werden, der übersieht, dass auch dies mehr als das Gesparte erforderte. Eine Bibliothek soll integrativ wirken, sagt Edouard Selig. Die Bibliothek der IGB hat daher wenige alte jiddische Bücher, grössere Bestände auf Französisch, die zwar im Moment nicht so sehr benutzt werden, viele englische und hebräische Bücher. Die Israeli seien gute Kunden der Bibliothek, sagt Edouard Selig. Und fast mit etwas Stolz fügt er an, in Basel habe es mehr Bücher auf Ivrith, dem modernen Hebräisch, als in der ICZ. Hier gebe es auch viele im Original nicht auf Hebräisch geschriebene Bücher. Also Übersetzungen, beispielsweise aus dem Italienischen, Spanischen oder auch Deutschen.

Wir steigen eine kleine Treppe hinunter in den „Bauch“ der Bibliothek. In einem kleinen Vorraum stehen Enzyklopädien und Nachschlagewerke. Links von der Treppe in einem Gestell unzählige farbige, schmale Rücken, beispielsweise eine Folge von 71 Bänden mit Comics für Sprachlernende. Die hebräischen Texte sind zur Lesehilfe punktiert.

Zettelkasten, Büchertürme

Auf der anderen Seite der Treppe steht der Zettelkatalog. Er ist verwaist. Er wird nicht mehr geführt, gibt aber noch Zugang zu den Büchern, die nicht im elektronischen Katalog erfasst sind. Unter dem Kasten in Tragtaschen Bücher, auf dem Kasten Beigen von Büchern. Sie stammen wohl aus Schenkungen, denn sie tragen noch keine Signaturen. Auch steckt kein Zettel darin, der darauf hinweist, dass die bibliografischen Angaben zum Buch noch in den elektronischen Katalog einzugeben sind.

Von der Treppe gerade aus steht die Rollgestellanlage. Ein schmaler Gang bleibt nur zwischen der linken und rechten Reihe. Die Bücher sind darin einerseits gruppiert. So finden sich in einem der Gestelle die wunderbaren Ausgaben des Tanach, der Mishnah und des Talmuds des amerikanischen Verlags ArtScroll. In einem anderen viele Bücher mit Literatur für charedische Kinder und Jugendliche. Andererseits sind die Bücher fortlaufend nummeriert in der Folge ihrer Anschaffung.

Die Bibliothek wurde 1943 gegründet. Sie enthält die Bestände verschiedener Büchereien, auch namhafter privater Sammlungen. Ein Anschaffungsbudget erlaubte, die Bestände stetig zu ergänzen. In den Gestellen und in der grossen Rollgestellanlage lagern heute etwa 30 000 Medien. Edouard Selig lässt uns überall zwischen die Gestelle gucken. Wir stossen auf eine sehr grosse Sammlung deutscher und englischer Judaica-Literatur: Romane zum Thema Judentum, zu Israel, Fachbücher zum Zionismus, Nahostkonflikt, zur jüdischen Religion. Die Mediathek umfasst rund 350 DVDs. Es wäre ein Ausflug ins Paradies, hier einfach in den Büchern zu schwelgen, da eines in die Hand zu nehmen, dort eines und darin zu schmökern. Die Zeit würde vergehen wie im Fluge.

Allerdings ist dieses Paradies noch in Gefahr. Über 100 Besucherinnen und Besucher pro Monat und Hunderte von Beratungen für Studierende, Nichtjuden oder auch Orthodoxe pro Jahr beweisen, dass der Buchort wichtig ist. Zudem ist Bibliothek Teil von swissbib  und somit für ein riesiges Zielpublikum erreichbar. Alle Bücher, die seit 2011 angeschafft wurden sind im Online-Katalog aufgenommen.

Im Online-Katalog zu erfassende ältere Bücher

Die Arbeiten an den älteren Beständen laufen. Hier ist aber noch viel Arbeit zu tun, wie die vielen Zettel in den alten Büchern in den Rollgestellen gezeigt haben. Es braucht unbedingt mindestens eine geschulte Fachkraft, um diese Arbeiten im Sinne der hohen Anforderungen der Regeln des Katalogsystems Aleph auszuführen. Dies bestimmt auch über die ordentliche Pensionierung von Edouard Selig hinaus.

 

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