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Dokumentationsbibliothek Davos

Alpine Ortsgeschichte(n)

Michael Guggenheimer

Davos. Das sind Berge. Davos: auf 1560 Metern über Meer die höchstgelegene Stadt der Alpen. Davos ist das alljährliche World Economic Forum (WEF) mit den Staatschefs und Wirtschaftskapitänen. Davos ist der Ort, der in zahlreichen Kunstmuseen in den Bildern von Ernst Ludwig Kirchner ungewohnt farbenstark zu sehen ist. In Davos befindet sich das Kirchner Museum, Thomas Manns berühmter Roman «Zauberberg» ist Davos verbunden, weil der spätere Literatur-Nobelpreisträger von seiner in einem Sanatorium weilenden Gattin mitbekommen hatte, wie der Alltag im Sanatorium aussieht. Die Namen von Attentäter David Frankfurter und von Nazifunktionär Ernst Gustloff sind für immer mit Davos verbunden. Und dann ist das noch jener Ort, der sich «Wissensstadt» nennen darf, weil sich hier wichtige wissenschaftliche Institute befinden, an denen zahlreiche Forscher arbeiten. Das Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF, das Schweizerische Institut für Allergie- und Asthmaforschung (SIAF) sowie das Weltstrahlungszentrum (World Radiation Center, WRC) und einige weitere wichtige Institutionen. Ist das alles? Gewiss nicht. Da ist noch der Davoser Schlitten. Er wurde im 19. Jahrhundert aus leichten norwegischen Schlitten weiterentwickelt. Der Name rührt vom ersten historisch belegten und offiziellen Schlittenrennen her, das 1883 in Davos stattfand und bei dem dieser Schlittentyp zum Einsatz kam.

Für eine Ortschaft, die kaum 12 000 Einwohner zählt, macht Davos nicht wenig von sich reden. Einmal im Jahr, dann wenn das WEF stattfindet weist Davos 42 000 Einwohner auf: Delegierte, Personenschützer, Militärs und Journalisten. St. Moritz fällt einem noch ein: Auch im Kanton Graubünden und noch höher gelegen. Halb so viele Einwohner, gewiss mondäner, in einem prächtigen Hochtal gelegen, architektonisch aber ebenso wenig schön. Architektur? Was einem auffällt, was den Unwissenden aus dem Unterland erstaunt: Die Dächer der Häuser in dieser schneereichen Landschaft sind fast durchgehend Flachdächer, erstellt nach einem besonderen System, das Dachlawinen verhindert und gleichzeitig die Schneedecke punktuell schmelzen lässt.

Über die beiden Ortschaften könnte man viel schreiben. Über beide ist eine Menge geschrieben worden. Davos gibt mehr her: Tourismus, Sport, wichtige Forschungsinstitute, Landwirtschaft. Das sind Themen genug. St. Moritz steht für Tourismus und Sport. Über zwei Dutzend Lungensanatorien waren in Davos während Jahrzehnten bis zur Erfindung und Verbreitung des Penizillins Heilstätten für Tbc-Kranke. Bürger mehrerer Länder weilten hier monatelang, weshalb Davos einst ein russisches, ein englisches, ein niederländisches, ein brasilianisches und ein französisches Konsulat hatte. Und dann gab es noch eine englische Bibliothek und ein russischsprachiges Wochenblatt! So spannend ist die Geschichte des Ortes, in dem noch zu Beginn des Zweiten Weltkrieges am Kurpark eine öffentliche Wegtafel in die Richtung des Sitzes der NSDAP Landesgruppe Schweiz hinwies.

Timothy Nelson

Wer sich für die vielfältigen Aspekte der Landschaft Davos, für ihre Geschichte, für ihre Institutionen, für den Fremdenverkehr oder für den Sport interessiert, der kommt an einer Person nicht vorbei, die für die Aufbewahrung, Verarbeitung und Verbreitung dieses Wissens zuständig ist. Timothy Nelson heisst der Mann, der die Dokumentationsstelle Davos leitet. Kein Engländer, ein Schweizer mit schwedischen Wurzeln, der in den USA aufgewachsen ist, in Basel studiert und in Uppsala promoviert hat, um vor 20 Jahren über Engelberg, wo er unterrichtet hatte, nach Davos zu kommen. 70 Stellenprozente weist Nelsons Stelle auf, ein Bibliothekar aus Bellinzona mit einer Anstellung von 5 Stellenprozenten steht ihm mehrmals im Jahr tageweise zur Seite. So reich sind die Bestände des Archivs, dass die beiden nicht dazu kommen, alle die Materialien zu sichten und zu bearbeiten, die darauf warten, gesichtet zu werden. Material ist hier für mehrere Seminar- und Abschlussarbeiten vorhanden. Etwa 40 bis 45 Publikationen zu Davoser Themen, manche in digitaler Form, zählt Timothy Nelson. Ausstellungskataloge, Jubiläumsschriften, Matura- und Seminararbeiten, Monografien und TV-Produktionen stützen sich regelmässig auf Unterlagen der Dokumentationsstelle. Dokumentalist Nelson ist ein profunder Kenner so vieler Davoser Themen. Im Arbeitsraum der Dokumentationsstelle, wo man mit ihm sitzt, reichen seine Erzählungen von der Entdeckung des Ortes für die Lungenkranken durch einen Buchhändler und einen Arzt bis hin zur Sportgeschichte und zu all den erstaunlich zahlreichen Schriftstellern, die in Davos geweilt und hier auch geschrieben haben.

Schweizer Haus mit der Dokumentationsbibliothek im Dachgeschoss

Die Dokumentationsbibliothek Davos, untergebracht in einem Gebäude namens Schweizerhaus, in dem sich einst das englische Konsulat befand, ist eine von wenigen ortsgeschichtlichen Bibliotheken dieser Art in der Schweiz, sie ist als Präsenz- und Studienbibliothek ihrem Charakter nach ein Archiv historischer Dokumente. «Davosiana» nennt Nelson den Interessensschwerpunkt der Dokumentationsstelle. Ihr Bestand umfasst Handschriften, Bücher, Zeitschriften, Grafiken, Tonträger, Fotografien und Videofilme mit Bezug zu Davos. Der Bestand der Dokumentationsstelle umfasst über 20’000 Medien, die einen Bezug zu Davos haben. Zudem besitzt sie eine Sammlung mit mehr als 9000 Fotografien. Die drei wichtigsten Davoser Zeitschriften wie die Davoser Blätter (1874 bis 1942), in denen die berühmten Gästelisten der Davoser Kurhäuser und Hotels abgedruckt wurden, die die seit 1925 erscheinende Kulturzeitschrift Davoser Revue und die seit 1890 erscheinende Davoser Zeitung sind in der Sammlung vollständig vorhanden. Eine Ausleihe kennt die Dokumentationsstelle nur bei einigen Doubletten, Büchern zur Geschichte von Davos, Dokumente können jedoch fotokopiert werden. Dokumentalist Timothy Nelson erhält viele Anfragen per Brief, E-mail und Telefon , die er beantwortet, Fernaufträge und -recherchen sind gebührenpflichtig. Einmal im Jahr wird die Arbeit der Dokumentationsstelle runtergefahren. Denn wenn das WEF stattfindet, werden viele Räume in Davos von Delegationen und Institutionen für den Eigenbedarf gemietet. In der Dokumentationsstelle arbeiten dann Medienleute der Schweizer Radio- und TV-Stationen. Und das mehr als bloss während den wenigen WEF-Tagen: «Eine Woche abbauen, eine Woche Sendebetrieb und eine Woche Wiederaufbau», erzählt Dokumentalist Nelson.

Dokumentationsbibliothek Davos
Promenade 88
7270 Davos Platz
T: 081 414 33 55

Der Einstieg

Heinz Egger

Schnee, Sonne, blauer Himmel, eingefasst von den Zacken der Davoser Berge. Ich war in den Ferien und hatte Zeit, am „Hengert” im Heimatmuseum teilzunehmen. „Hengert” ist ein Walser Wort, es meint eine Zusammenkunft zu Kaffee, Kuchen und Gespräch. Das Thema an diesem Tag waren die 1930er und 1940er Jahre in Davos. Gleichzeitig lief eine Ausstellung zu „The Last Swiss Holocaust Survivors” mit weiteren Begleitveranstaltungen.

Die Stube ist bis auf den letzten Platz besetzt. Es sind viele ältere Leute dabei, die wohl wenigstens einen Teil der Jahre miterlebt haben. Irma Wehrli, die Übersetzerin und ehemalige Leiterin der reformierten Kirchgemeinde Davos, hat sich profundes Wissen über diese Zeit angelesen und referiert, gestützt auf mehrere Publikationen. Der Vortrag ist nur ein Teil des „Hengerts”. Er liefert Material für das anschliessende Gespräch. Beispiele eigener oder von den Eltern gehörter Erfahrungen werden erzählt. Ich staune, was da noch alles vorhanden ist. Und ich bin froh, dass Irma Wehrli die Runde auch fragt, was man zur Erinnerung tun könnte. Da meldet sich unter anderem eine Deutsche – sie ist übrigens nicht die einzige im Raum. Sie stellt sich als Filmerin vor und regt an, alles, was noch erzählt werden kann, aufzuzeichnen, denn was als Ton- oder Filmdokument vorhanden sei, könne nicht so leicht manipuliert werden und sei an Echtheit kaum zu überbieten.

„Davos, eine Geschichte für sich” von Yvonne Schmid, „Gastfeindschaft” von Urs Gredig, „Zwischen Husten & Homer” von Peter Bollier, „Von Auschwitz nach Beverly Hills” von Heinz Bachmann, „Davos 1930 bis 1945”, eine Ausgabe der Davoser Revue – woher haben die Autorinnen und Autoren ihre Informationen zu diesen Publikationen?

Arbeitsraum der Dokumentationsbibliothek

Zu Davos-spezifischen Themen, dazu gehören neben der Zeitgeschichte, jene des Tourismus, jene der Sanatorien und jene der Forschungsinstitute, bietet Davos eine einzigartige Dokumentationsbibliothek. Sie ist eine reine Präsenzbibliothek und sammelt alles, was nicht amtlich gesammelt werden muss und nimmt Nachlässe entgegen.

Die Bibliothek liegt im sogenannten Schweizerhaus. Diesen Namen bekam das Chalet-artige Gebäude wegen den Wappen, die strassenseitig aufgemalt sind. Das Haus wurde 1876 gebaut und diente als englisches Konsulat und als Zahnarztpraxis. Als es in den Besitz der Gemeinde überging, wurde es umgebaut, um die Leihbibliothek und die Ludothek aufzunehmen. Im angepassten Dachstock erhielt die Dokumentationsbibliothek ihren festen Standort.

Timothy Nelson, der Leiter der Dokumentationsbibliothek, zeigt uns sein Reich gerne. Er kennt seine Bestände sehr gut und weiss unglaublich viel über die Davoser Geschichte. Über 20 000 Medien umfasst die Bibliothek von der Handschrift übers Buch bis zur DVD. Dazu gehört ebenfalls eine umfangreiche Fotosammlung. Die Stelle von Timothy Nelson ist mit 70 Prozent dotiert. Weitere fünf Prozent hat Daniele Crivelli, Bibliothekar in Bellinzona, inne, der übers Jahr Medien für die Dokumentationsbibliothek katalogisiert. Unter anderem ist es ihm zu verdanken, dass sämtliche Artikel der „Davoser Revue” seit 1925 im Katalog erfasst sind. Etwa 20 Stellenprozente sind für Stellvertretungen reserviert. Insgesamt, so klagt Timothy Nelson, sei seine Arbeitszeit mit den telefonischen Auskünften, den Recherchen und Gesprächen fast ausgelastet. Es gäbe noch viel zu tun im Archiv, sagt er, und er weist dabei auf Stapel von grauen Archivschachteln, in denen Nachlässe schlummern. Unter anderem jener der Familie Boner, aus der Alice und Georgette stammen, die dem Rietbergmuseum indische Kunst vermachten. Auch viele Fotos wären zu scannen und mit einer Archivkarte zu versehen, damit sie für Recherchierende zugänglich gemacht werden können.

Im kleinen Archivraum, lagern einige Schätze. Der Raum wird nicht von der Sonne beschienen, deshalb liegt die durchschnittliche Temperatur während acht Monaten unter 14 Grad und die Luftfeuchtigkeit pendelt um 50 Prozent. Eine Klimaanlage kann aus Gebäude-schutzgründen nicht eingebaut werden.

Gästelisten in den Davoser Sanatorien

Viel Platz nehmen die drei wichtigsten Davoser Periodika ein. Die Davoser Blätter erschienen von 1874 bis 1942. Sie legen ein bewegtes Zeugnis von der Hochblüte der Sanatorien ab, von denen es einst 26 in Davos gab. Besonders spannend sind die darin abgedruckten Gästelisten. Es erstaunt nicht, dass die Davoser Blätter mehrsprachig erstellt wurden: auf Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch. Die Davoser Zeitung erscheint seit 1890 und die Davoser Revue seit 1925. Von beiden Publikationen sind alle Ausgaben im Archiv.

In einer Vitrine, Timothy Nelson nennt sie „Giftschrank”, lagern Dokumente zur braunen Zeit in Davos. Die Ermordung des Nationalsozialisten und NS-Landesgruppenleiters Wilhelm Gustloff 1936 durch den Studenten David Frankfurter führte sehr schnell auch zu Literatur. Emil Ludwig schrieb im gleichen Jahr „Mord in Davos”. Das Buch erschien im Querido Verlag Amsterdam und war sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz verboten. Wolfgang Diewerge, Angestellter im Propagandaministerium von Goebbels, schrieb binnen zweier Monate nach dem Attentat eine Broschüre „Der Fall Gustloff: Vorgeschichte und Hintergründe der Bluttat von Davos”. Diese Schrift, ist nun wirkliches Gift: „Die Broschüre hatte zum Ziel, die Schuld am Attentat einerseits der Schweizer Politik und der kritischen Berichterstattung der Schweizer Presse, andererseits einer jüdisch-bolschewistischen Verschwörung in die Schuhe zu schieben, deren Agent Frankfurter angeblich gewesen sei.” (Zitat aus Wikipedia zu Wolfgang Diewerge).

Das Haus, in dem die Tat stattfand, befindet sich in unmittelbarer Nähe der Dokumentationsstelle. Unten zum Kurpark hin stehen die drei „Blauen Häuser”, die ebenfalls Zahnarzt Müller hat bauen lassen. In der Nummer Drei wohnte Gustloff.

Man könnte den Ausführungen von Timothy Nelson stundenlang zuhören. Und sicher ist, wer etwas über Davos genauer kennen lernen möchte, wird bei ihm den Einstieg ins Thema finden.

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