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Buchhandlung Brunner, Dornbirn (A)

Auf Architektour

Michael Guggenheimer

Kommt ein Reisender in Dornbirn an und gerät zufällig an der Marktstrasse in die Buchhandlung Brunner, dann kann es vorkommen, dass er über die Fülle an Büchern zur Architektur ins Staunen gerät. Wer das westlichste Bundesland Österreichs jedoch kennt, den verwundert die Fülle an Architekturbüchern nicht.

Skipisten, freundliche, familiär geführte Hotels, gutes Essen. Das ist Vorarlberg. Doch wer mit offenen Augen durch Vorarlberg fährt, dem fällt bald auf, dass es noch einen guten Grund gibt, hier unterwegs zu sein: die zeitgenössische Architektur. Zwischen Bodensee und Arlberg fallen moderne Bauten ganz eigener Prägung auf: Ein- und Mehrfamilienhäuser, kleine Siedlungen, Industriebauten, Schulen und Hotels. Und immer geht Holz mit Glas und Metall einen spannenden Dialog ein. Die Zahl der auffälligen Bauten geht in die Hunderte. Auf der Homepage des Vorarlberger Architektur Instituts (vai) sind unter «on tour» jene neueren Bauten beschrieben, die ein Fachgremium als besonders sehenswert taxiert.

Hotel St. Martinspark

Eine Tour zu ausgefallener Hotelarchitektur kann mit dem Hotel St. Martinspark in Dornbirn beginnen, wo mit dem Restaurant ein grünes Luftschiff als «Beiboot» am Gebäude angedockt zu haben scheint. Die wohl bekanntesten Vorarlberger Architekten Carlo Baumschlager und Dietmar Eberle haben einen Bau entwickelt, bei dem bis hin zur Zimmermöblierung alles in ihrem Atelier entworfen wurde. Die „Architektour“ durch Vorarlberg kann aber auch in Brunners Bücherladen beginnen. Ist’s ein Zufall? Im selben modernen Gebäude, welches das Büro Dietrich Untertrifaller Architekten umgebaut hat, ist auch das Vorarlberger Architektur Institut untergebracht.

Auf der Galerie: Sachbücher

Man steige im Buchladen die breite Holztreppe zur Galerie hinauf, beachte linkerhand an der Wand das grossformatige Bild: Umschlagseiten eines alten Lexikons zu einem grossformatigen Gesamten arrangiert, ein Werk des Künstlers Ingmar Alge. Der Künstler hat in diversen Galerien schon eindrückliche Bilder von Einfamilienhäusern ausgestellt, es sind Gegenbilder zur guten Vorarlberger Architektur, triste Häuser mit Carports und Garten, die Kleinbürgerlichkeit ihrer Bewohner entlarvend. Man betrachte das grosse Bild, steige weiter hinauf und schaue sich um. Hier eine Auswahl der Buchtitel, die einem bereits im ersten Büchergestell begegnen: „Belebte Substanz. Umgebaute Bauernhäuser im Bregenzerwald“, „Sustainable Architecture in Vorarlberg“, „Holzbau in Vorarlberg“, „Architektur von Dietrich / Untertrifaller“, „Gebaute Erde. Gestalten und Konstruieren mit Stampflehm“, „Wendepunkt im Holzbau“, „Orte – Fabriken – Geschichten. 188 historische Industriebauten in Vorarlberg“, Architecture in Wood“, „Ökologische Architektur in Vorarlberg“, „Hochalpine Architektur“, „Bauen mit Holz. Wege in die Zukunft“ oder „Architektur Vorarlberg 2017“. Das sind Titel eines an Architekturpublikationen hervorragend dotierten Bereichs der Buchhandlung. Verantwortlich für die gute Auswahl ist Dr. Norbert Huber, Leiter der Buchhandlung. Die Liste der Titel liesse sich noch deutlich verlängern. Denn es sind nicht nur Bücher zur Architektur in Vorarlberg, die in der Galerieetage der Buchhandlung auffallen. Hier muss es eine Klientele geben, die sich eindeutig für Architektur und Design interessiert: „China Megacity“, „Casablanca Chandigarh“, „Gunnar Birkerts National Library of Latvia, Riga“, „Brasilia“, „Socialist architecture: The vanishing act“, „Architecture is life“, „Middle East. Landscape. City. Architecture“, „Europas Moscheen. Islamische Architektur im Aufbruch“.

Die vielen Architekturbücher in der Buchhandlung haben unzweideutig mit der Fülle bemerkenswerter moderner Bauten in Vorarlberg zu tun. Die Dichte moderner Bauten in Vorarlberg ist der „Vorarlberger Bauschule“ zu verdanken, einer kleinen losen Gruppe von Architekten und Handwerkern, die in den 80er-Jahren mit innovativen Wohnhäusern und Siedlungen bekannt wurde. Sie gilt als einer der wichtigsten Vorreiter der Neuen Alpenarchitektur, die nachhaltig gebaut ist und älplerisch-traditionalisierende Formen und Konstruktionen nicht kopiert. Diese Bauschule hat zu einem regen Architekturtourismus im Westen Österreichs geführt sowie zu einer Fülle von Architekturbüchern.

Grosse Abteilung mit Kinderbüchern

Vor lauter Begeisterung für den Architekturbereich droht in diesem Beitrag das übrige Angebot an Büchern bei Brunner in Vergessenheit zu geraten. Gut, dass der zweite Buchort-Autor einen anderen Blickwinkel einnimmt. Nicht unbeachtet bleiben soll die Erwähnung der Titel über Vorarlberg. Herausragend der Band „Vorarlberg kompakt. 101Fragen. 101 Antworten“. Ganz vorne im Buch sind bereits die Fragen notiert, so dass man das Buch kreuz und quer konsultieren kann. Oder auch „Die Zukunft Vorarlbergs. Perspektiven 2015“, erschienen im Haymon Verlag. Oder „Nationalsozialismus in Vorarlberg“, kein unwichtiger Titel in einem Land, in dem die Verarbeitung der braunen Zeit nicht so weit gediehen ist wie in Deutschland. Was in diesem Bereich fehlt? Die hervorragenden Bücher, die das Jüdische Museum in Hohenems in den vergangenen zehn Jahren herausgebracht hat. Und ansonsten? Brunner in Dornbirn ist ein an Neuerscheinungen im Bereich der Belletristik und Sachbücher gut dotiertes Büchergeschäft. Gute Bedienung, angenehme Sitzmöglichkeiten im Galeriegeschoss. Einzig über die Schaufenstergestaltung fällt das Urteil negativ. Da liesse sich in einer Buchhandlung, die Publikationen über schöne Architektur und über gutes Design zeigt, noch einiges nachholen.

Buchhandlung Brunner
Marktstrasse 33
6850 Dornbirn A
T: +43 5572 33339
www.brunnerbuch.at

 

„Setzen Sie sich!“

Heinz Egger

Schon auf dem Bahnhofplatz ist der erste Eindruck entstanden: Dornbirn ist ein Ort der durchmischten Baukultur. Altes steht neben Neuerem und Neustem. Holz neben Stahl, Ziegelstein neben Glas. Auf dem Marktplatz dominieren Häuser des Dorfes, der Marktstrasse entlang ist es städtisch.

Auch die Buchhandlung Brunner liegt in einem modernen Haus. Sehr hohe Fenster geben Einblick in den grossen Raum. Die Gestaltung als Schaufenster scheint schwierig. Das Auge zieht es nach oben, die Auslage ist aber eher unten. Im Fenster gleich neben der Eingangstüre sind Reiseführer ausgestellt. In weite Fernen locken sie den Betrachter: Bali, Australien, Mexiko, Vietnam, Südafrika. Auf einem roten Tuch steht ein Podest. Eine goldene Buddhastatue leuchtet darauf.

Blick von der Kasse zum Bild von Ingmar Alge

Der Raum ist zwei Stockwerke hoch. Der hinteren und rechten Wand entlang läuft eine Galerie. Schneeweiss sind Decken und Wände. Zwei moderne Kristalleuchter hängen von der Decke. Die Wand links vom Eingang dominiert ein riesiges Bild von Ingmar Alge.

Der Boden vor der Galerie ist mit weissen Keramikplatten belegt. In der Mitte steht ein quadratischer Pfeiler. Daran hängt eine transparente Tafel, die zeigt, was wo zu finden ist.

Die Büchergestellseiten und die Tablare sind dunkel und in die Wand eingelassen. Sie tragen oben Schilder mit der Rubrik. Die Beschriftung ist so gross, dass sie fast aus jeder Distanz gelesen werden kann. Mich zieht es zum Gestell „Im Gespräch“ auf der linken Seite der Buchhandlung hin. Da stehen beispielsweise zwei Titel von Kent Haruf: „Lied der Weite“ und „Unsere Seelen bei Nacht“. Ein Tablar belegen vier Exemplare „Der Jüngste Tag des Peter Gottlieb“ von Christian Mähr. Oder von Michael Köhlmeier „Von den Märchen, eine lebenslange Liebe“.

Dann trete ich vor das Gestell mit dem Titel „International“. Was sich da finden lässt? Es ist englische Literatur, dazu Krimis und Sachbücher. Die roten Buchstaben „Fire and Fury“ von Michael Wolff leuchten. Unten im Gestell finden sich von dtv zweisprachige Bücher. „Découvrir la France – Frankreich entdecken“ steht neben „… – Erste arabische Lesestücke“.

Unter der Galerie ist der Boden mit einem hochflorigen, hellen Teppich belegt. Der ganzen Rückwand der Buchhandlung entlang ziehen sich die Gestelle der Kinder- und Jugendbücher. Etwa in der Mitte der Wand auf Kinderaugenhöhe ist ein Aquarium eingebaut. Einige Fische ziehen darin ihre Zickzackbahnen. Leider steht keine Sitzgelegenheit da, sonst hätte ich mich dort installiert.

Am Ende der Wand, in der Ecke stehen zwei lederne Sessel mit einem kleinen Tischchen und eine Kaffeemaschine. Von da aus lässt sich die grosse Halle gut überblicken. Vor mir steht ein grosses Drehgestell mit Büchern der umfangreichen Serie „Wieso? Weshalb? Warum?“ aus dem Verlagshaus Ravensburg. Alles Wissen für Kinder, die die Welt besser verstehen wollen. Aber warum hängt an diesem Gestell ein A4-Blatt mit der Aufschrift: „Klappen bitte nicht öffnen“?

Die Bücher übers Essen und Trinken, das Gärtnern, sowie Leben und Stil stehen in weissen Gestellen. Der Teppich davor und die Wand dahinter sind rot eingefärbt. Der Streifen läuft hoch über die Galeriewand und die Decke über der Galerie.

Abteilung mit der Reiseliteratur

Vor der roten Wand auf der Galerie leuchten die farbenfrohen Rücken der Reiseführer. Es sind unzählige aus verschiedensten Verlagen: Marco Polo, Baedecker, Dumont, Polyglott und weiteren. Davor stehen auf einem Korpus Landkarten, Wander- und Fahrradführer. Auch eine Auswahl an gerollten Europa- und Weltkarten stehen bereit.

In den letzten Gestellen zum Fenster hin befinden sich die Hörbücher. Unter „Sprache“ stehen die Sprachführer aus dem Verlag Hueber und Langenscheidt: Finnisch, Arabisch, Griechisch, Kroatisch, Rumänisch, Türkisch, Chinesisch …, schliesslich folgt ein Gestell mit Dictionnaires.

„Einspruch abgelehnt. Setzen Sie sich!“, steht auf der Lehne des Stuhls vor der Hörbar. Das Zitat stammt von John Grisham. An dieser Station kann man in den Hörbüchern stöbern und Proben anhören. Wer lieber daheim stöbert, der nimmt sich von den CDs verschiedener Verlage auf der Hörstation.

Die Galerie ist ganz dem Sachbuch gewidmet. Im Gestell „Politik“ stehen auf dem selben Tablar ein Buch über Donald Trump, auf dessen Cover ein Sticker mit dem Zitat „Der Präsident, der gerne Diktator wäre“ prangt, von Walter Hämmerle „Der neue Kampf um Österreich – die Geschichte einer Spaltung und wie sie das Land prägt“ und eine Biographie von Sebastian Kurz.

Im Gestell „Geschichte“ stehen mehrere Exemplare des Essays von Armin Thurnher „Ach, Österreich – europäische Lektionen aus der Alpenrepublik“. Mehrere Bücher befassen sich mit dem Land Vorarlberg und seiner Geschichte.

Überhaupt, wer sich in das Thema „Vorarlberg“ einlesen möchte, ist bei Brunner gut bedient, sei es mit Literatur, Geschichte, Kunst, Brauchtum, Fauna und Flora, Wanderführer und Karten oder Architektur.

Als ich die Buchhandlung verlasse, schaue ich zurück. In den hohen Schaufenstern spiegeln sich die Häuser der gegenüber liegenden Strassenseite. Das moderne Haus der Buchhandlung verschmilzt so mit dem alten, dreistöckigen Gebäude mit hohem Walmdach aus roten Ziegeln ebenso wie mit dem einstöckigen, kleinen Haus mit niedrigem Walmdach aus Blech.

P.S.: Die Buchhandlung Brunner gibt es im Vorarlberg an sieben Orten. Das grösste Geschäft steht in Bregenz.

 

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