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Donner Boekhandel, Rotterdam (NL)

 

Donnerwetter!

Michael Guggenheimer

Eingang zu Donner Boekhandel

Hier soll eine Buchhandlung sein? Das hohe Backsteingebäude am Rotterdamer Coolsingel wirkt von aussen eher abweisend, eine Art Trutzburg. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz, weniger wegen seiner möglichen Schönheit. Nach dem schweren Bombardement durch die Luftwaffe des Dritten Reichs, bei dem Rotterdam schwer verwüstet wurde, war es eines der ersten grossen Bauten, die wiederhergestellt wurden. Daher die Einstufung als Monument zur Erinnerung an jene Zeit des Wiederaufbaus der zerstörten Hafenstadt.

„Donnerwetter“ entfährt es einem aber beim Betreten Gebäudes. Weite nach rechts, Weite nach links. Im Gebäudeinnern vergisst man sofort den Ersteindruck beim Zugehen auf den ehemaligen Sitz der ABN Amrobank. Boekhandel Donner. 3200 m2 Ladenfläche im Hochparterre, in anderthalb Jahren soll sie im Rahmen eines Erweiterungsprojektes auf 3700 m2 vergrössert werden. Man erkennt sofort, dass die Buchhandlung nicht seit Jahrzehnten an diesem Ort beheimatet ist. Gegründet wurde die Buchhandlung im Jahr 1912. Im Rahmen eines Besitzerwechsels musste die Buchhandlung von einem anderen Ort, dort waren es 2000 Quadratmeter Ladenfläche mehr, wegziehen. Donner war einst Teil einer grossen niederländischen Buchhandelskette. Als diese im Jahr 2014 in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, wagten fünf mutige Mitarbeiter einen Neubeginn: 18 000 nach oben weisende Daumen bei Facebook machten Mut, 1750 Buchfreunde griffen dann zum Portemonnaie, die Buchhandlung überlebte und sie ist ein Ort, der rasch von den Kunden angenommen wurde: 700 000 Besucher zählte Donner im Jahr 2016.

Spinoza in der Abteilung Theologie

Ja, manches an der Innenausstattung könnte schöner sein. Was aber zählt, sind die Bücher, ist deren Präsentation ist die Beratung und ist die Breite des Angebots. Donner ist nicht die älteste, nicht die schönste, nicht die eleganteste Buchhandlung der Niederlande. Wohl aber in der obersten Liga im Hinblick auf die Tiefe des Angebots. Farbige Spannteppichplatten, die Muster ergeben, eine gute Beleuchtung und mehrere sachkundig nach Sparten im Halbrund aufgestellte Bücherregale ergeben grosszügige Bücherbereiche. Dort, wo die Philosophie, die Theologie und die Soziologie zu finden sind, ein grosses Bild des Philosophen Spinoza. „Vertaalde Literatuur“ heisst ein Bereich, in dem ins Holländische übersetzte Bücher auf über fünfzig breiten Tablaren angeboten werden. Die einheimischen Autoren, zu denen sich die flämischen gesellen auf über vierzig Tablaren. Romantische Literatur, erotische Literatur, eine englische Abteilung mit einem Teilbereich English Fantasy mit wiederum über 40 Tablaren, 50 Tablare Kochbücher. Die Abteilung Reiseliteratur so gross wie andernorts eine ganze Sortimentbuchhandlung. Auch so ungewohnte Reisedestinationen wie Uganda und Honduras fehlen da nicht.

Donner-Forum für Veranstaltungen

Breite Büchertische, reichlich Sitzmöglichkeiten und ein Forumsbereich mit Theaterbestuhlung, wo jede Woche mehrere Lesungen oder Autorengespräche, Diskussionen und Konzerte stattfinden. Eine Buchhandlung, in der man sich nicht beengt fühlt. In einem der beiden Flügel ein grosszügig ausgestattetes Café mit 30 Tischen, wohin man sich auch mit einem Buch zurückziehen kann. Im Café eine grosse runde „Leestafel“ mit reichlich Zeitungen. Café Donner ist ein guter und ruhiger Treffpunkt auch dann, wenn man gar nicht die Absicht hat, Bücher zu kaufen. Vier Infotheken sind über die ganze Breite des Ladens verteilt.

Antiquariat in Donner

Überraschend das Antiquariat Looijsteijn und die Musiknotenhandlung Van der Heijde Bladmuziek & Klassieke Cd’s als Teile des Ladens. Es sind zwei Shops in Shop, nur merkt man das gar nicht. Das Antiquariat bietet sowohl Bücher an, die man vor mehreren Saisons hat neu kaufen können als auch Bücher für 120 bis 175 Euro, die in verschlossenen Glasvitrinen präsentiert werden. Die vielen Musiknoten nach Instrumenten geordnet, dazu ein breites Angebot an CD’s klassischer Musik.

Zeitschriftenabteilung

Und dann die Zeitschriftenabteiung. Mit jederm grossen Zeitschriftenladen an grossen deutschen Bahnhöfen kann es Donners Zeitschriftenwelt locker aufnehmen. Erstaunlich auch das Angebot an tagesaktuellen ausländischen Zeitungen im Zeitalter der Tabletts: Ob Corriere della Sera, Süddeutsche Zeitung, The Guardian, sie und viele andere sind hier zu haben. Ein Flügel steht bei der Bühne, man darf sich hinsetzen und spielen, vorausgesetzt es handelt sich nicht um Kindergeklimper. Ein junger Mann hat seinen Rucksack neben dem Klavier hingelegt und spielt die Beatlesmelodie „Paperback writer“. Und er singt dazu: „Dear Sir or Madam, will you read my book? It took me years to write, will you take a look? It’s a thousand pages, give or take a few. I’ll be writing more in a week or two. I could make it longer if you like the style. I can change it ‚round, And I want to be a paperback writer, Paperback writer. Das passt.

Donner Boekhandel
Coolsingel 119
3012 AG Rotterdam, Niederlande
T: +31 10 413 20 70
www.donner.nl

 

Mega, Giga …

Heinz Egger

Über die Glastüren läuft ein dunkelblaues Band etwa auf Bauchhöhe. Darüber prangt auf jeder Türe ein Buchmännchen, das in einem ebensolchen blauen Balken den Namen der Buchhandlung trägt: Donner. Ein feuerrotes Band mit weiss aufgemaltem Firmennamen schliesst den Türvorbau ab. Gerahmt wird der Eingangsbereich durch hellen Stein mit Relieffiguren: ein Drache, ein mächtiger Stier, eine Frauenfigur, ein Mann mit einem Äskulapstab, ein Handwerker. Es wirkt alles so wuchtig, fast grob. Und doch könnten die Steinfiguren einen Hinweis auf die Themen der Buchhandlung sein. Fantasie, Natur, Frau und Mann, was auch Literatur, Reisen, Musik, Kochen und Garten einschliesst, und Technik.

Nach den Türen weitet sich sich der Raum zu einem kleinen Platz. Mehrere Stufen führen hinauf zur Verkaufsebene. Eine Wand mit den Bestsellern der Belletristik davor empfängt die Besucherinnen und Besucher. Hier finden sie anhand von farbigen Pfeilen einen ersten Hinweis darauf, was sich links und rechts in dem riesigen Raum befindet.

Auf fast der ganzen Länge in der Mitte des rechten Teils belegt eine Abteilung mit Geschenken viel Platz. Da gibt es ein Cardboard-FM-Radio und -MP3-Speaker oder einen Filmprojektor aus Karton, in dem das Smartphone als Licht- und Bildquelle dient, Bastelbögen für Tiere und Gegenstände, Lichterketten, um aus einer Flasche eine dezent strahlende Tischleuchte zu erstellen, Farbstife, Füllfedern, Kugelschreiber und anderes mehr.

Beim Abschreiten dieser Auslage merke ich, wie riesig die Verkaufsfläche ist. Ganz hinten an der Stirnwand des Raumes befinden sich die Reisebücher, Globen, Landkarten, Wandkarten und Reiseberichte. Globen stehen unzählige da. Jede Grösse gibt es, mit Licht zum Teil, zum Aufblasen und An-die-Decke-Hängen. Mir fällt ein Modell aus festem Papier auf. Es ist ein Octogon, auf dessen Flächen die Kontinente und darin mit kleinen Kreisen die wichtigsten Städte aufgedruckt sind. Die Idee ist, mit Stecknadeln die Orte zu bezeichnen, die man schon besucht hat.

Auf einem grossen Tisch bei den Landkarten steht ein Set von Michelin. Es sind Karten mit Beschreibungen zu den Schlachtfeldern des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Etwas für Schlachtenbummler oder Kriegstouristen. Bei den Reiseführern ist die Auswahl so gross, dass die Wahl schwer fällt. Beispielsweise vier Tablare für Spanien.

Auf der Fensterseite folgt bis zurück zur Eingangstreppe die ausgedehnte Abteilung der Kinder- und Jugendbücher. Viele junge Frauen stöbern in den Gestellen. Sie nehmen die Bücher in die Hand, lesen und, wer nicht allein unterwegs ist, diskutiert. Eine junge Erwachsene sitzt in einem der riesigen mit Velours bezogenen Sessel mit Golddekor oben an der Lehne und in den Armstützen. Sie ist fast winzig in dem überdimensionierten Stuhl.

Auf Pausenplätzen in der Schweiz, aber sicher auch in Holland, ist ein neues Spielzeug dieses Jahr ein „Must have“. Der „Fidget Spinner“. Es ist ein meist dreiarmiger Kreisel, dessen Drehpunkt in der Mitte dank Kugellager mit geringstem Widerstand läuft. So ein Spinner dreht sich fast unendlich lang und durch die Schwungmasse stabilisiert er sich selbst. Man könnte damit auch einige Kunststücke üben – wie wir früher mit dem Balancierstab Verschiedenes ausprobierten. Wer keine Fantasie hat, der greift zu einem Buch: „De kunst van Fidget Spinning – 30 supercoole tricks“.

Auf einem runden Tisch steht ein Steller, auf dem „Tip“ steht: Darum herum das Buch, das auch für eine TV-Serie verfilmt wurde: „13 reasons why“ von Jay Asher. Es ist ein Bestseller, der einem den Atem raubt und das Leben verändert, wie es auf der zugehörigen Website heisst. Das Buch und die Filme standen allerdings auch in der Kritik. Selbstmord – das ist nicht zum Spassen.

Büchertürme auf Thementischen

An der Rückwand Gestell an Gestell: Mangas, Grafic Novels, Sience Fiction, Abenteuer, Liebesromane, Krimis. 6 Gestelle gibt es von letzteren. Je ein Gestell deutsche, französische und spanische Literatur in Originalsprache. Vier Gestelle mit englischen Büchern im Original. Sieben Gestelle niederländische Autorinnen und Autoren. Und, was ich noch nirgends so angeschrieben gesehen habe: 9 Gestelle mit übersetzter Literatur aus verschiedensten Sprachen. Ebenso viele Gestelle mit Kochbüchern. Während in den Gestellen wenig Covers sichtbar sind, liegen auf Tischen thematische Zusammenstellungen. Das ist jedes Cover sichtbar, wohl um zu zeigen, was neu ist und den Besucherinnen und Besuchern schmackhaft gemacht werden soll. Vier Gestelle Hobby – Malbücher für Erwachsene scheinen ein Renner zu sein. Eine ganze Abteilung ist den Zeitschriften gewidmet. Es gibt wohl kein Thema, das dort nicht in einer der Wochen- oder Monatszeitschriften abgehandelt wird.

Donner bietet auch Lesungen und Konzerte an. Ein eigener Bereich ist dafür fest eingerichtet. Die Stühle stehen in Reih und Glied, das Rednerpult ist bereit. Ein kleiner Flügel glänzt schwarz nebendran. Ein Mann, wohl ein Kunde, hat sich hingesetzt und spielt einige Stücke leichter Unterhaltungsmusik. Die paar Leute, die auf den Stühlen sitzen, um Bücher anzuschauen, die sie ausgewählt haben, oder sich kurz erholen wollen, klatschen dünnen Beifall.

Von der Decke hängen wie in einem Supermarkt Schilder, die einen zu den gesuchten Abteilungen der Buchhandlung führen. Sie weisen auch auf die Abteilung Ramsij – also Restbestände, die günstig verschleudert werden – und die erstaunlich gut dotierte Abteilung mit Musiknoten hin. Die Noten werden allerdings von Van der Heijde angeboten.

Leseort mit Zeitungen im Café

Wer vom langen Umherwandern und Schauen in der Buchhandlung müde geworden ist, oder seine neuen Schätze gleich in Angriff nehmen möchte, der findet ganz am Ende der linken Seite der Buchhandlung ein Café. Nach fast zweistündigem Rundgang habe ich noch nicht alle Abteilungen besucht, es fehlt mir beispielsweise jene der Kunst, jene mit den DVDs, jene mit den Büchern, die nicht zur Belletristik gehören. Ich bin müde. Im Café erfrischt mich eine Rhabarberlimonade.

 

 

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