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Libreria Casagrande, Bellinzona

Im kleinen Haus

Michael Guggenheimer

Der Name erstaunt zunächst. Die Buchhandlung Casagrande in der Altstadt von Bellinzona ist alles andere als gross. Spätestens als die Buchhändlerin an der Theke bei der Beantwortung einer Frage sagt, sie werde Signore Casagrande herbeiholen, wird klar, wie es zur Namensgebung gekommen ist.

Eingang zur Buchhandlung Casagrande

Bloss zwei Räume weist die Buchhandlung auf, einen zurückversetzten Eingang zur Gasse hin und einen weiteren zum Innenhof eines ehemaligen Klosters, durch den nur die beiden Patrons, Vater Libero Casagrande und Sohn Fabio Casagrande in den Laden gelangen. Grossvater Gianni war der Gründer einer Papeterie mit Buchhandlung, sein Sohn Libero Drucker und  Verleger, die Schwerpunkte von Fabio Casagrande, der das Unternehmen in dritter Generation leitet, sind das Verlagsprogramm und die Buchhandlung. Ihm zur Seite im Verlag steht für die Belange der Belletristik Matteo Terzaghi.

Klein ist nur die Zahl der Quadratmeter der Buchhandlung, die noch über eine elegante Filiale im Luganeser Kulturzentrum LAC mit seinem Museo  d’arte della Svizzera Italiana verfügt, in der nicht nur Kunstbücher und Bildbände verkauft werden. Seitdem im LAC jeweils im Herbst das Literatur- und Kulturfestival PiazzaParole durchgeführt wird, hat sich das Angebot an Belletristik im Museumsshop erweitert. Lucca Paschioletti, früher Buchhändler bei Feltrinelli in Rom, ist für den Laden im neuen Kulturzentrum von Lugano zuständig. Manche Luganeser meinen, er sei der beste Buchhändler im Kanton, so belesen wie keiner seiner Berufskollegen.

Überaus reich ist die Auswahl an Büchern in den beiden etwas engen Räumen der Buchhandlung in einer Seitengasse der Viale Stazione in Bellinzona. Der frühere und grössere Sitz der Buchhandlung direkt an der Viale Stazione dient nur noch als Schaufensterfront mit Hinweistafeln auf den neuen Standort. Das grosse Gebäude müsste renoviert werden. Sehr gut frequentiert ist die kleine Buchhandlung. Der hintere Raum mit seiner schönen weissen Tonnengewölbedecke und mit dem passenden Bodenbelag aus grauen Granitquadern weist die Kinder- und Jugendbücher auf, hier befinden sich auch die Sparten Psicologia sowie die Lingue straniere und die Reisebuchabteilung mit ihren vielen Reisehandbüchern von A wie Amsterdam bis Z wie Nuova Zelanda. Erstaunlich die vielen zweisprachigen Wörterbücher wie Norwegisch-Italienisch, Niederländisch-Italienisch, Dänisch-Italienisch. Wo in der Deutschschweiz habe ich schon in einer vergleichbaren Buchhandlung ernst zu nehmende Wörterbücher aus der lokalen Sprache ins Suaheli, ins Kubanische Spanisch oder Indonesische gesehen?

Die Büchergestelle des vorderen Verkaufraums sind mit den Sparten Narrativa, Gialli, Fantasy, Cucina, Saggistica, Ticinesi und Edizioni Casagrande angeschrieben. Anders als in den Buchhandlungen der Tessiner Ferienortschaften Ascona oder Locarno richtet sich die Buchhandlung Casagrande nicht an Leserinnen und Leser deutschsprachiger Bücher. Nur vergleichsweise wenige Titel sind in deutscher Sprache hier erhältlich, Bücher von Autoren wie Alex Capus oder Markus Werner liegen in italienischer Übersetzung auf, erschienen im hauseigenen Verlag. Casagrande ist nämlich auch ein Verlag, spezialisiert auf Literatur aus der Schweiz, auf Publikationen über die italienischsprachige Schweiz, auf Tessiner Autoren und auf solche aus den anderen Sprachregionen der Schweiz. «Ticinesi» und «Edizioni Casagrande» ist ein breites Büchergestell im Hauptraum angeschrieben. Auffallend die schönen Covers der eigenen Bücher und die gepflegte Typografie. Die sorgfältige Gestaltung ist dem Designer Marco Zürcher vom renommierten und international tätigen Studio CCRZ zu verdanken. Und wenn man weiss, wie klein der italienischsprachige Büchermarkt der Schweiz ist, dann verdient der Einsatz von Vater und Sohn Casagrande Anerkennung.

Verleger in zweiter und dritter Generation: Livio und Libero Casagrande (v. l.)

Yvonne Pesenti, frühere Stiftungsrätin der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und langjährige Kulturdirektorin der Migros im Tessin, meint: „Die beiden – Vater und Sohn Casagrande – sind sehr gute und vor allem sehr kultivierte und intelligente Verleger aus Leidenschaft. Der Vater hat Pionierarbeit geleistet im Kanton – und dafür auch mehrere Auszeichnungen erhalten. Sohn Fabio setzt die Arbeit fort, immer mit grosser Aufmerksamkeit für die Qualität der Publikationen, das gilt für Inhalt ebenso wie für die Grafik.“  Weil Buchhändler in der deutschsprachigen Schweiz in der Regel wenig Erfahrung mit der Bestellung von Büchern in Italien haben, dient die Buchhandlung Casagrande häufig als Zwischenstation für die Besorgung von Büchern aus Italien für Deutschschweizer Buchhandlungen.

Fabio Casagrande erzählt: «Im Jahr 1924 wurde die Buchhandlung gegründet, seit 1949 besteht der Verlag, ein Jahr später wurden die ersten Titel in der hauseigenen Druckerei herausgegeben». Heute weist der Katalog u.a,. Bücher auf von Alfonsina Storni, Daniele Garbuglia, Plinio Martini, Pietro De Marchi, Pierre Lepori, Alberto Nessi, Giorgio Orelli, Giovanni Orelli, Fabio Pusterla sowie Übersetzungen von Werken von Arno Camenisch, Giancumbert Nau, Leo Tuor, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Friedrich Glauser, Hugo Loetscher, Agota Kristof. Wer den Tessin mit seiner Geschichte, Wirtschaft, Geologie oder mit dem Verhältnis dieses Landesteils zur übrigen Schweiz befassen will, der ist in der Buchhandlung am richtigen Ort, vorausgesetzt, er ist des Italienischen mächtig. Titel wie «Anche in Italiano. 100 anni di lingua italiana nelle cultura politica svizzera» oder «Volti dell’alpe» mit Porträts von Einwohnern der Leventina, des Valle di Blenio und der Valle Maggia, des Mendrisiotto und der Mesolcina liegen hier auf. Dass man aber die Buchhandlung Casagrande nicht nur auf Schweizer Autoren reduzieren soll, beweisen die vielen Titel italienischer Verlage sowie die Übersetzungen von Autorinnen und Autoren wie Jan Brokken, John Banvile, Jeffrey Eugenides, Patricia Highsmith, Chimananda Ngozi Adichie, Martin Mosebach und Amos Oz.

Libreria Casagrande Sagl.
Viale Stazione 1
6500 Bellinzona
T: 091 825 18 88
www.libreriacasagrande.ch

Unerwartete Vielfalt

Heinz Egger

Vom Bahnhof spazieren wir zur Altstadt hinunter. Dabei folgen wir dem Viale Stazione und treffen bald auf die Libreria Casagrande. In den Schaufenstern stehen hohe Tafeln mit ausgestellten Büchern. Dahinter allerdings gähnende Leere. Das Haus der Buchhandlung wurde am Anfang des vergangenen Jahrhunderts gebaut, als auch der Viale Stazione entstand. Da das Haus Renovationsbedarf aufweist, ist die Buchhandlung umgezogen, an die Galleria Benedettini.

Blick durchs Tor von der auf die Fenster der Buchhandlung

Einen ersten Blick in die Buchhandlung können wir werfen, als wir der Parallelstrasse zum Viale Stazione, der Via Codeborgo folgen. Durch ein breites Portal blicken wir in einen Hof, an dessen hinterer Fassade leuchtet warmes Licht durch zwei Fenster mit hellblauen Fensterläden. Eine zweiflüglige Türe gibt es dort auch, aber sie ist geschlossen.

So umrunden wir das grosse Gebäude, in dem einst die Benediktiner gewohnt haben, dringen unter der tunnelartigen Verbindung durch auf einen kleinen Platz in der Galleria Benedettini vor. Von dort aus betreten wir die Libreria durch ihren „Haupteingang”. Nur drei Räume gibt es. Einen kleinen Büroraum ohne Fenster, den vom Kloster aus gesehenen Gang und schliesslich der Raum mit dem Eingang. Eigentlich räumlich klein, fast beengt, aber das Angebot ist breit. Es gibt wenig freien Raum, denn der Boden trägt Tische und Ständer, zwischen denen man gerade gut durchgehen kann.

Im gangartigen Raum, den wir von aussen durchs Fenster angesehen haben, ist der Boden mit quadratischen Steinplatten belegt und das Kreuzrippengewölbe darüber leuchtet schneeweiss. Wie Fabio Casagrande, der gerade an der IT-Infrastruktur des Ladens arbeitet, erklärt, gehörte dieser Teil des Ladens einst zum Kloster. Den Wänden entlang laufen hohe Gestelle aus verchromten Stangen und weissen Blenden und Tablaren. Gross ist die Abteilung der Kinderbücher darin.

Teil des ehemaligen Klosters: weisse Decke, Steinboden, viel Platz für Kinderbücher

Es gibt etwas für jedes Alter. Bilderbücher, erste kleine Texte zum selber Lesen, bebilderte Geschichten und Sachbücher. Unter den letzteren blättere ich in einem Buch, das vom Programmieren handelt, allerdings ohne die Verwendung eines Computers auskommt. Denn vor dem Programmieren der Maschine steht immer eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Problem, um es in einzelne Schritte und eine Abfolge von Entscheidungen, Prüfungen und Wiederholungen aufzufächern. Auf einem Tisch in der Mitte des Raums sticht mir das helle Orange eines Buchrückens ins Auge. Es handelt von Erfindungen. Mittels Bild und Text werden die Dinge erklärt und auf jeder Doppelseite illustriert eine 3D-Darstellung die Erfindung. Das Auffaltobjekt richtet sich auf, indem man das Buch auseinanderklappt. Mir fallen mehrere Bücher auf, die junge Leute einladen, ein Tagebuch zu führen. Ob sie der englische Titel „Diary” dazu verführen wird? Sicher ist auch heute noch das Schreiben persönlicher Notizen in ein Buch eine gute Möglichkeit, den Alltag nicht nur festzuhalten, sondern ein Stück weit auch zu verarbeiten.

Auch für Erwachsene stehen hier Sachbücher. Sprache, beispielsweise Dictionnaires aus fünf verschiedenen Verlagen, Bastelbücher und Reiseführer. In einem eigenen kleinen Gestell Karten der Landestopografie, dabei auch die quadratischen, praktischen Wanderkarten, die so gut in jede Jackentasche passen. Eine ganze Reihe von Führern zum Thema Slow Food, herausgegeben vom italienischen Touring Club liegen auf. Verlockend: Maremma und die Costa dei Etruschi oder Cinque Terre und der Golfo dei Poeti. Die Bilder darin lassen einem gleich das Wasser im Munde zusammenlaufen! Beide genannten Bücher sind 2018 erschienen. Hier finden sich auch drei Tablare mit englischer, je zwei mit französischer und deutscher Literatur in Orignalsprache.

Ich verlasse den Raum, der durch Fenster zusätzlich erhellt wird, und kehre zurück in den Eingangsraum. Dabei komme ich wie an einem Bindeglied zwischen dem hinteren, eher den Kindern gewidmeten, und vorderen, ganz den Erwachsenen gewidmeten Raum vorbei: ein Kartonständer mit den Büchern von Harry Potter. Die Wand gegenüber dem Durchgang dominiert ein breites Gestell mit der Aufschrift Edizioni Casagrande. Seit jeher führte die Familie Casagrande nicht nur einen Buchhandel, sondern auch einen Verlag. Verlag und Buchhandlung seien aber ganz getrennt, sagt Fabio Casagrande. Er selber arbeite vorwiegend im Verlag. In diesem Verlag sind, wie ein Blick in das Gestell und den Online-Katalog belegen, sehr viele Autoren vertreten. Darunter sind auch viele Deutschschweizer Autoren: Peter Bichsel, Arno Camenisch, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Friedrich Glauser, Tim Kron, Hugo Loetscher, Klaus Merz, Hansjörg Schneider, Robert Walser, Markus Werner, um nur einige zu nennen. Auf ein Werk weist Fabio Casagrande mit Stolz hin. Es ist 2018 anlässlich der Schweizer Architektenkonferenz in Bellinzona entstanden und enthält in drei Sprachen neben vier Erzählungen auch vier Rundgänge durch die Stadt: Bellinzona Grand Tour.

An der gleichen Wand stehen ebenfalls Bücher über die Stadt und das Tessin. Wer sich auf die 3600 Kilometer Wanderwege im Tessin machen möchte, findet hier eine grosse Anzahl an Büchern, die ihn an die schönsten Plätze führen.

Neben den unzähligen Bänden an Belletristik stehen in den teils roten, teils weissen Gestellen Kochbücher und Krimis, die auf Italienisch so schön Gialli heissen. Zwei Gestelle belegen die Bücher unter dem Titel Fantasy. Dort sind trotz ins Italienische übersetztem Inhalt die meisten Titel auf Englisch.

Und wo sind Bücher über die Kunst? Es gibt den „Guida d’Arte della Svizzera Italiana” und weitere passende Bücher. Die grosse Auswahl an Titeln über Kunst und Fotografie findet man aber anderswo: Die Libreria Casagrande führt in Lugano im neuen Kulturzentrum LAC (Lugano Arte e Cultura) den Buchladen.

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