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Buchhandlung Labyrinth, Basel

Ein Hauch von früher

Michael Guggenheimer

Buchauslage, Auswahl Kathy Zarnegin

„Nadelberg“. So heisst eine Gasse in Basels Altstadt. Eine besondere, eine mit ihren historischen Bürgerbauten Vornehmheit ausstrahlende, Gasse. Die Häuser tragen schön klingende Namen wie «Zum Kaiser», «Engelhof», «Zum Wind» oder «Zum Spatz». Mit dem deutschen, dem englischen, dem slawischen und dem nordischen Seminar sowie der Theologischen Fakultät sind gleich fünf Studiengänge der Universität am Nadelberg beheimatet, hinzu kommen die Altertumswissenschaften im angrenzenden Rosshof. Im Haus «Zur alten Treu» befindet sich die sehr akademisch wirkende Buchhandlung «Labyrinth». Eine Tafel besagt, dass hier 1522 bis 1529 Erasmus von Rotterdam als Gast des Buchdruckers Johannes Froben gewohnt hat. Eine passend gute Adresse für eine Buchhandlung. Aber auch eine etwas problematische Lage. Einmal im Jahr herrscht in dieser Gasse ein dichtes Treiben, ist es am Nadelberg krachend laut. An der Fastnacht, jenen besonderen Tagen in Basel, ist hier stundenweise kaum ein Durchkommen. Und sonst? Ruhig ist es hier. Keine wirkliche Passantenlage. Dies und die immer stärkere Hinwendung von Studenten zur Konsultation von wissenschaftlichen Werken im Internet bekommt die Buchhandlung stärker zu spüren als andere Buchhandlungen mit einem Bücherangebot, das sich ans breite Publikum richtet.

Zwei Fenster zur Gasse hin, man würde sie nicht als Schaufenster bezeichnen. Im einen der beiden Fenster zum Zeitpunkt unseres Besuchs Bücher aus dem Iran oder über den Iran. «Auswahl Persische Literatur» steht von Hand geschrieben auf einem Blatt, zusammengestellt hat die Auswahl Kathy Zarnegin, aus dem Iran stammende Basler Autorin. Beim Betreten des Labyrinths fallen zunächst die Bücher von Schweizer Autorinnen und Autoren auf. Ein erster kleiner Raum mit Romanen, einer Verkaufstheke und vier Tablaren, alle dicht belegt mit bestellten Büchern, die darauf warten, abgeholt zu werden.

Ein Hauch von früher herrscht in den drei Räumen der Buchhandlung. Die Bücher schön präsentiert, kein Büchergedränge, fast eine Spur zu luftig, das Mobiliar zweckdienlich, eine Art Bücherwohnung. Das Fehlen von Bestsellern, wie man sie heute in fast jeder anderen Buchhandlung antrifft, fällt zunächst auf, keine Kinderbücher und keine Reiseführer, keine Coffeetable Books. Ausser schönen Ansichtskarten mit Buchmotiven auch keine Nonbooks. Das ist schon besonders in der heutigen Buchhandelslandschaft. Dafür viele Bücher, die jene lesen oder konsultieren, die Sprachen, insbesondere alte Sprachen, Philosophie, Sozial- oder Politikwissenschaften studiert haben oder studieren.

Die Reclam Universalbibliothek ist in der Buchhandlung sehr reich vertreten. Die klassischen gelben Reclams, die arbeitstextblauen, die roten fremdsprachigen sowie die orange zweisprachigen. Hier sollen und können Gymnasiasten und Studierende ihre kostengünstige Bändchen holen. Klassiker an einer langen Wand in reicher Anzahl von Bettina von Arnim bis hin zu Oscar Wilde. An der Wand gegenüber eine Auswahl englischer Bücher. In der Mitte des Raums, in dem die Belletristik präsentiert wird, steht ein langer Tisch, hier liegen Bücher auf, je ein einzelnes Exemplar. Stühle an beiden Längsseiten des Tisches laden ein zum Sitzen, hier können auch Veranstaltungen durchgeführt werden. «Salon im Labyrinth» heisst eine Veranstaltungsreihe hinter der mehrere Autorinnen und Autoren aus Basel stecken, Freunde der Buchhandlung, engagierte, gebildete Leser. «Salon im Labyrinh» stellt das Sprechen zu Büchern ins Zentrum – egal wie alt, wie vergessen, wie aktuell diese sein mögen. Alle zwei Monate wird ein Buch vorgestellt und besprochen. Jeweils zwei Gesprächspartner tauschen während etwa einer Stunde ihre Leseerfahrungen aus. Videoaufnahmen auf der Homepage der Buchhandlung geben Einblick in die Art dieser Veranstaltungen. Ein Lesekreis mit Namen „Die MontagsleserInnen“ ist eine offene Lesegruppe, die sich etwa alle 6 Wochen am Montagabend um 19 Uhr in der Buchhandlung trifft. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer führen zusammen ein Gespräch zu einem Buch (manchmal auch zu zwei Büchern), das sie vorher zuhause gelesen haben.

Griechische und römische Autoren der Antike in zweisprachigen Ausgaben wie in keiner anderen Buchhandlung der Schweiz: Im Raum mit dem grossen Tisch fallen die «alten Griechen und Römer» von Euripides und Herodot bis Philostratus und Quintilian auf, erschienen in der «Loeb Classical Library» zweisprachig in Englisch und Griechisch oder Englisch und Latein. Das Wall Street Journal meinte zu dieser im Jahr 1911 gegründeten Reihe: “The Loeb Library…remains to this day the Anglophone world’s most readily accessible collection of classical masterpieces… Now, with their digitization, [the translations] have crossed yet another frontier.” Ob wohl die Digitalisierung der Reihe dazu geführt hat, dass die gebundenen Ausgaben lange in den Regalen der Buchhandlung verharren?

Raum der Sachbücher

Der dritte Raum der Buchhandlung gilt Büchern aus den Bereichen Literatur- und  Theaterwissenschaften, der Literaturgeschichte, der reich vertretenen Philosophie, der Geschichte und den Politikwissenschaften sowie der Soziologie. Auf drei Tischen in der Raummitte liegen Bücher auf. Auf einem Tisch Ländergeschichten, auf einem anderen englischsprachige Bücher, auf dem dritten Bänder der Anderen Bibliothek. In drei Kisten liegen Bücher zu reduzierten Preisen, es sind Romane, Sachbücher und wissenschaftliche Publikationen.

1984 wurde die Buchhandlung mit Galerie gegründet, die drei Gründer sind mittlerweile nicht mehr dabei, der Betrieb der Kunstgalerie wurde aufgegeben. Die Überlegung seinerzeit war, eine Buchhandlung in der Nähe der geisteswissenschaftlichen Fakultät zu führen. «Unsere Sachgebiete entsprechen den Departementen der Philosophisch-Historischen Fakultät», heisst es denn auch in der Selbstdarstellung der Buchhandlung 25 Jahre nach ihrer Eröffnung. Die Nachfolgegeneration besteht aus vier Teilhabern, von denen einzig Matthias Staub in der Buchhandlung arbeitet, ein anderer für Administratives und Buchhaltung zuständig ist. An der Verkaufsfront sind teilzeitlich angestellte Studierende. Es sind keine einfache Zeiten. Darauf deutet ein Aufruf auf der Homepage der Buchhandlung: « Die Buchhandlung Labyrinth steht vor dem Aus und benötigt Ihre Hilfe! Unterstützen Sie uns mit einer Spende und verhindern Sie, dass Basel seine letzte geisteswissenschaftliche Buchhandlung verliert.» Ungewiss ist die Zukunft der Buchhandlung. Freunde hat die Buchhandlung eine ganze Menge. «Kundenrückmeldungen» heisst etwas nüchtern eine Seite der Homepage der Buchhandlung. Es sind mehr Liebeserklärungen an die Buchhandlungen als Rückmeldungen. Wenn man die Namen sieht und die Texte, ist man überzeugt davon, dass das Labyrinth bestehen bleiben wird. Ob nicht ein Fundraisingkampagne eher zum Erfolg führen könnte als eine Spendenaktion?

Labyrinth. Eine schöne Buchhandlung mit einem ausgesuchten Angebot an Büchern und einem Touch einer vergangenen Zeit.

Buchhandlung Labyrinth
Nadelberg 17
4051 Basel
T: 061 261 57 67
www.buchhandlung-labyrinth.ch

Rettender Faden

Heinz Egger

Nadelberg – nein, es ist nicht ein Ort, an dem man auf Nadeln steht und die Aussicht geniessen kann. Es ist eine der schönen Altstadtgassen in Basel, in denen man das Pfeifen und Trommeln der Fastnacht zu hören glaubt. Und doch steht Matthias Staub, der Buchhändler im Labyrinth, wie auf Nadeln, seine Aussicht ist allerdings trüb: Die Buchhandlung Labyrinth GmbH sucht Geld, um zu überleben. Sonst grosszügige Gönner für Kultur haben, so Matthias Staub, in Basel kein Gehör für die Not der letzten geisteswissenschaftlichen Buchhandlung der Stadt. So geht denn die GmbH ungewöhnliche Wege und sucht per Crowd-Funding eine neue finanzielle Basis.

Die Buchhandlung Labyrinth wurde 1984 gegründet. Sie hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Heute tragen vier Leute die Verantwortung für die GmbH. Matthias Staub ist einer davon und steht im Laden als Buchhändler mit geisteswissenschaftlichem Studium im Ausbildungsrucksack. Natürlich kann Matthias Staub die Arbeit im Laden nicht allein erledigen. Ihm steht ein ganzes Team von Studierenden zur Seite, die alle in Teilzeitpensen Kundinnen und Kunden bedienen.

Labyrinth – das ist ein Irrgarten, aus dem selbst Dädalus sich nur noch mit Glück zum Ausgang retten konnte, nachdem er ihn vollendet hatte. Die Buchhandlung heisst zwar so, aber sie ist überhaupt nicht labyrinthisch, im Gegenteil, sie hat Struktur, wie auf der Website zu lesen ist: „…unsere Sachgebiete entsprechen den Departementen der Philosophisch-Historischen Fakultät”. Wer trotzdem einen Ariadne-Faden zur Vorbereitung eines Besuchs haben möchte, findet ihn im Webshop, wo das feingliedrige Menü alle Sachgebiete der Buchhandlung auflistet.

Die Schaufenster auf dem Nadelberg 17

Im Erdgeschoss des Altstadthauses Nummer 17 am Nadelberg belegt die Buchhandlung drei Räume. Zwei grosse Fenster zur Strasse, ein Firmenschild, an den Fensterläden gross das Logo und der Name. Im einen Fenster sind einige Bücher ausgestellt, die in Zusammenarbeit mit der Dichterin und Schriftstellerin Kathy Zarnegin zum Thema „Persische Literatur” zusammengestellt wurden. Darunter finden sich Négar Djavadis Erstlingsroman „desorientale”, die autobiographische Geschichte einer iranischen Familie und einer lesbischen Tochter mit Kind. Von Shahriar Mandanipur steht dort „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren”. In „Die Zeit” bezeichnete die Rezensentin Ursula März den Roman als Guerillaangriff auf die Lese- und Schreibverbote im Iran.

Eingangsraum mit Theke

Durch die Haustüre in einen kleinen Gang und gleich links führt der Weg in die Buchhandlung. Im ersten Raum, gleich zur Rechten steht die Theke. Darin leuchten auf drei Tablaren die fremd- und mehrsprachigen Reclam-Bändchen. Zur Rechten an der Wand leuchtet strahlend gelb die Reclam-Bibliothek. Vor dem Fenster liegen Bücher zu Basel.

Geradeaus geht es durch den Mauerdurchbruch in den nächsten Raum. An den Wänden Bücherregale und ein langer Tisch mit sechs Stühlen füllen das Zimmer. Es ist irgendwie das Zentrum für den Phil-1er und Philologen: Die Klassiker der Antike – Homer, Menander, Aristophanes, Aischylos, Ovid, Seneca und viele mehr. Auch die grossen Diktionäre zum Latein – Stowasser steht da! – und Griechisch erinnern an die gymnasiale Zeit. Sie hätten noch viel mehr davon gehabt, sagt Matthias Staub, aber das sei alles ins Netz abgewandert.

Raum mit der Belletristik

Aber nicht nur die Antike ist da, auch die modernen Klassiker der englischen Literatur stehen zum Teil in wunderschönen, gebundenen Ausgaben in den Regalen: Charles Dickens, James Joyce, Arthur Connan Doyle, George Eliot oder der Nobelpreisträger William Golding, um nur einige wenige zu nennen.

Durch einen hölzernen Türrahmen führt der Weg weiter quasi in die Wohnstube. Ein grosser Raum mit Holzdecke enthält Themen wie Philosophie, Soziologie, Gender Studies, Linguistik, Politik, Theaterwissenschaft, Theaterstücke, Interpretationen zu literarischen Werken, Film, Architektur, Kunstwissenschaft, Literaturgeschichte, Biografien. Drei Tische sind mit Büchern belegt. Bei den Fenstern steht ein runder Glastisch mit Lesestühlen. Neben einem der Fenster, durch die die Dächer der nächst tieferen Häuserreihe am Nadelberg feucht glänzen, steht ein bequemer Korbstuhl. Es ist eine Einladung, für fünf Franken aus dem Literaturautomaten, einem umgebauten Zigarettenautomaten, ein Paket mit Texten junger Autoren zu beziehen, sich hinzusetzen und zu geniessen. Übrigens ist der Literaturautomat im Labyrinth der erste, der im Mai 2017 aufgestellt wurde. In der Stadt gibt es zwei weitere: einer steht im Literaturhaus Basel, der andere im Klara, einem Ort mit Restaurant, Bar und viel Kultur.

Runder Tisch im Raum der Sachbuecher

Die Buchhandlung ist hochkarätig dotiert. Sie richtet sich an ein gebildetes Publikum und an Spezialisten. Sie ist aber nicht nur ein Buchort, sondern auch ein Veranstaltungsort. Verschiedene Events finden statt. Sie reichen von der Buchpräsentation über politische Diskussionen, Scrabble-Spiel am Sonntag bis Musik. Ein offener Lesezirkel in der Buchhandlung trifft sich etwa alle sechs Wochen und nennt sich Montagsleser/innen. Alle zwei Monate wird zum „Salon in der Buchhandlung” geladen. Etwa monatlich trifft man sich zum Dante-Stammtisch und diskutiert einen der Gesänge aus der „Divina Commedia”.

Im Rucksack trage ich Steven Pinkers „Aufklärung – jetzt” aus dem Laden und trete auf die Strasse hinaus. Sie ist leer, kein Mensch ist da. Hätte ich im Bezug auf den Weiterbestand der schönen Buchhandlung vielleicht doch eher Martha Nussbaums „Plädoyer für eine Kultur der Gelassenheit” mitnehmen sollen?

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