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Buchhandlung Bellini, Stäfa

Nominiert

Michael Guggenheimer

Ich weiss nicht mehr, wer es war, der uns ans Herz legte, die Buchhandlung in Stäfa näher anzuschauen. Der Name kam auf die Liste der noch zu besuchenden Buchorte. Die Liste ist lang. Eine Buchhandlung in Stäfa soll besonders sein? Kann das sein? Es kann!

Buchhandlung Bellini von aussen

Bereits die Eröffnung war anders als anders. Da gab es in Stäfa seit 1953 eine Buchhandlung, seit 1976 von Buchhändler Rudolf Kupper geführt. Sandra Bellini, eine seiner Kundinnen, fragte im Jahr 2012 nach, ob es möglich sei, in der Buchhandlung zu arbeiten. Als Teilzeiterin stieg sie ein, absolvierte als Quereinsteigerin die Ausbildung zur Buchhändlerin, wurde Hauptbuchhändlerin und ergriff dann die Chance, als Rudolf Kupper die Absicht äusserte, sich altershalber aus dem Berufsleben zurückzuziehen, um die Buchhandlung zu übernehmen. Weil das Haus der Buchhandlung Kupper einem Neubau weichen musste, suchte die neue Eigentümerin ein neues Ladenlokal, fand es unweit vom bisherigen Ort. Welch’ ein Glücksfall, dass sich ihr Mann, Erich Bellini, in Sachen Umbauten auskennt: Der ehemalige Fotoladen wurde umgebaut, der strassenseitige Verkaufsraum wurde vergrössert, die ehemalige Dunkelkammer wurde zum Backoffice, ein weiterer Raum zur Kaffeeküche. Zudem entwarf Erich Bellini das Mobiliar der neuen Buchhandlung. Am Eröffnungstag, einem Samstag im November 2016, reichten sich buchbegeisterte Freunde, die sich zu einer Menschenschlange aufgestellt hatten, die letzten Bücherkisten vom alten Ort zum neuen! Das muss ein besonderes Bild gewesen sein, spricht man doch noch heute in Stäfa davon!

Eine sehr breite Schaufensterfront, drei eigene Parkplätze neben dem Laden, Büchergestelle aus hellem Holz, ein heller Bodenbelag, zwei Bücherinseln auf Rädern, die bei Veranstaltungen zur Seite geschoben werden können, ein Nebenraum mit Reiseliteratur und ein weiterer mit Kinder- und Jugendbüchern: In Stäfa ist gut Platz für gute Bücher. Im langen ersten Raum lädt ein alter Holztisch mit Stühlen dazu ein, Bücher zu konsultieren. Hier gibt es auf Wunsch auch Kaffee. An der Kasse stehen stets die Namen der jeweils im Laden anwesenden Buchhändlerinnen. Gleich daneben die besonderen Empfehlungen der Woche. Bei unserem Besuch sind es zwei Bücher von John Berger, mit denen gleich klar wird: Die Buchhandlung Bellini in Stäfa ist alles andere als eine Provinzbuchhandlung, in der nur Beststeller zu haben sind. Das Angebot reicht von sehr anspruchsvoll bis hin zu Bestsellern, Krimis und Fantasy, wobei die zahlreich vorhandenen anspruchsvollen Bücher besonders markant präsentiert werden. Da ist Amos Oz mit seinem Buch „Jesus und Judas“ bei den aktuellen Büchern zu sehen. Gleich daneben das wunderbare Buch „Zeit der Zauberer. Das grosse Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929“ von Wolfram Ellenberger. Roberto Savianos „Der Clan der Kinder“, Hans Pleschinskis „Wiesenstein“ über Gerhart Hauptmanns Jahre in Schlesien, Joshua Cohns vielgelobtes „Buch der Zahlen“, das medienpolitisch hochaktuelle Werk „Wir sind ja nicht zum Spass hier“ von Deniz Yücel, das politisch umstrittene „Die ganze Geschichte“ von Yanis Veroufakis und als ganz besondere Perle, das erst wenige Tagen zuvor bei Suhrkamp erschienene „am strand von bochum ist allerhand los“ mit den Ansichtskarten von Jurek Becker: Stets ist im Buch die Ansichtskarten-Bildseite zu sehen und daneben der Text, den Becker seiner Frau oder einem seiner Freunde geschrieben hat.

„Unsere Kunden sind Leute, die wissen, was sie lesen wollen“, sagt die Besitzerin. „Wir haben wenig Laufkundschaft. Unsere Kunden kommen aus Stäfa und aus den umliegenden Gemeinden, viele Kunden sind Stammkunden“. Als Feuilletonleserin und intensive Radiohörerin verfolgt die Buchhändlerin das aktuelle literarische Geschehen. Mehrmals im Jahr finden in der Buchhandlung Lesungen statt: Sandra Bellini schreibt Schweizer Autoren an, deren Bücher sie mag und lädt sie ein. Als Arno Camenisch an der Goethestrasse auftrat war die Buchhandlung bis zum letzten Platz besetzt, Michael Fehr war zum Zeitpunkt seines Auftritts offenbar in Stäfa noch zu wenig bekannt, aber seine Lesung vor nur wenigen Zuhörenden sei eine beeindruckende Performance gewesen. Demnächst werden Krimiautor Alfred Bodenheimer und Lukas Hartmann in der Buchhandlung auftreten. „Begegnungen mit Autoren sind immer wieder interessant, man kann ihnen Fragen stellen, mit ihnen ins Gespräch kommen“, sagt Sandra Bellini.

Sandra Bellini und ihr geschenkverpacktes Buch

Eigentümerin Sandra Bellini kennt sich im Design und im Kunsthandwerk aus. Das wird einem beim Buchkauf klar, wenn man ihr zuschaut, wie sie jedes geschenkverpackte Buch mit einer Bauchbinde versieht, die aus Buchstaben besteht. Die Büchergutscheine, die man bei ihr kaufen kann, sind nicht seriell hergestellt: Jeder Gutschein stammt aus einem Buch, ist ein Coverbild oder ein Bild aus einem Buch, mit genähtem Saum versehen und mit dem geschenkten Betrag als Aufkleber. Die künstlerische Ader der Buchhändlerin wird einem aber auch klar, wenn man die Werbung der Buchhandlung sieht, die nicht eine fremde Agentur im Auftrag erledigt. Der schöne Schriftzug der Buchhandlung stammt von ihr. Die Werbeprospekte zu den einzelnen Lesungen gestaltet sie, die eine eigene zusätzliche Homepage führt, in der ihre Fotografien, ihre Kleinplakate, ihre Bilder zu sehen sind und die sie schon mehrfach an regionalen Ausstellungen gezeigt hat. Daraufhin, dass Fotografie keine Handyklickbeschäftigung ist, weist die Angabe in der Homepage, wo zu lesen ist, dass die Buchhändlerin bei ihren fotografischen Streifzügen mit einer Leica unterwegs ist.

Drei Frauen stehen Sandra Bellini zur Seite. Chantal Teuscher, die u.a. für die Kinder- und Jugendbücher zuständig ist, moderiert viermal im Jahr an Mittwochnachmittagen in der Buchhandlung den Kids-BücherClub für 7 bis 12 jährige Kinder. Sie stellt „die neusten, die coolsten und spannendsten Bücher. „Buchgenuss nach Ladenschluss“ ist ein weiteres Angebot, das Buchbegeisterten in Stäfa offensteht: „Man reserviert sich einen Abend in der Buchhandlung und wir überlassen es den Mietern.  Zusammen mit Bücherfreunden, dürfen die Mieter in aller Ruhe nach Lust und Laune schmökern. Und das alles ohne Kaufzwang und bei einem feinen Glas Wein und Apéro. Ab 21.30 Uhr stehen wir Buchhändlerinnen für Fragen zur Verfügung“, erzählt Sandra Bellini. Ein weiteres Angebot heisst „Bücher in der Kiste“. Dazu wieder Sandra Bellini: „Bücher zu verschenken macht Freude. Besonders mit der Buchkiste. Das Geburtstagskind, egal wie alt es ist, füllt in der Buchhandlung eine Kiste mit den Wunschbüchern, die Schenkenden kommen im Laden vorbei, kaufen eines oder mehrere der Kisten-Bücher und überreichen es persönlich“.

Zwei Tage nach unserem Besuch in der Buchhandlung ist in einer Mediemitteilung des Schweizerischen Buchhändler- und Verlegerverbands (SBVV) zu lesen, dass die Buchhandlung Bellini eine der drei nominierten Buchhandlungen des Jahres 2018 ist! Eine gute Nomination!

Buchhandlung Bellini
Goethestrasse 5
8712 Stäfa
T: 044 796 10 80
buchbellini.ch

Voller Überraschungen

Heinz Egger

In so einem Laden fühle ich mich gleich daheim: Die Eingangstüre schwingt auf und im hell erleuchteten Raum stehen Gestelle aus dickem Schichtholz, die einen magisch anziehen. Sandra Bellini, die Inhaberin des Buchladens sagt, es seien eigene Entwürfe, die ihr Mann gezeichnet habe. Aus Zeitgründen seien die Möbel dann aber von einem Schreiner hergestellt worden. Zeitgründe? Ja, es eilte ein wenig. In Stäfa gab es jahrzehntelang die Buchhandlung Kupper. Dort hat Sandra Bellini auch das Buchhändlerwesen als Quereinsteigerin kennen und lieben gelernt. Herr Kupper, bereits im Pensionsalter, wollte an der Stelle der Buchhandlung einen Neubau erstellen und deshalb die Buchhandlung aufgeben. Stäfa ohne Buchhandlung war für Sandra Bellini nicht vorstellbar. Sie sagte, sie würde einsteigen, wenn sie innert nützlicher Frist ein Lokal finde. Sie machte sich auf die Suche und wurde ganz in der Nähe fündig. Der ehemalige Fotoladen war frei und die Vermieter räumten ihr viel Freiheit ein, das Lokal gemäss den Bedürfnissen der Buchhandlung umzubauen. Am 1. November 2016 wurde Eröffnung gefeiert.

Buchhandlung von der Eingangstüre her

Der Eingangsraum mit dem langen Schaufenster ist hell erleuchtet. Lämpchen in der Decke und schwarze Hängeleuchten spenden das zusätzliche Licht zum Schaufenster. Zwei pyramidenförmige Inseln auf Rollen stehen im Raum, ganz hinten befindet sich die Kassatheke. In der Mitte der Schaufensterseite lädt ein alter Tisch mit drei Stühlen – zwei lederne mit Armlehnen und ein Esszimmerstuhl mit gedrechselten Teilen – den Besucher ein, sich zu setzen. Dort empfängt uns Sandra Bellini auch zum Kaffee. Es ist eine schöne Seite der Buchhandlung: Jeder ist für einen Kaffee und einen Schwatz oder stilles Durchblättern von Büchern willkommen. Und der Kaffe ist gut: Das Mahlwerk kreischt in der kleinen Küche. Jede Portion wird frisch gemahlen. Es ist Kaffee von Black and Blaze, der Kaffeerfösterei auf der Forch. Selbstverständlich kann man hier diesen Kaffee auch kaufen: An der Wand im Durchgang zu den beiden kleinen Räumen, die über drei Treppentritte erreichbar sind, hängt ein Reklameschild von Black and Blaze und auf einem Tablar glänzen schwarze Säcke voller Kaffeebohnen.

Der kleinere Raum zur Linken nach der kleinen Treppe ist als Leseecke gestaltet. Zwei Fauteuils mit Leselampe stehen da. Das Bücherangebot dort ist teilweise so, dass man sich zurückziehen möchte: „88 Thesen zum weiblichen Wesen – um sich besser zu verstehen“. Gabriele Saputelli hat damit ein Handbuch vorgelegt, das die tiefgründigen Mechanismen des weiblichen Wesens aus der Sicht eines Mannes und Coiffeurs darstellt. Die Vernissage des Buches fand übrigens im November 2017 in der Buchhandlung Bellini statt. Oder „Viva la Vagina!“ der beiden Ärztinnen Nina Brochmann und Ellen Støkken Dahl, die in Norwegen erfolgreich einen Blog zu Fragen zur Sexualität betreiben. Weitere Themen der intimen Ecke: Reisen, Spirituelles, Weisheit, Sprachen, Familie, Eltern, Pubertät, Scheidung/Trennung, Erziehung, Pädagogik, Recht.

Der Raum gegenüber ist etwas grösser und licht fällt durch ein Fenster herein. Die Auswahl an Literatur für jedes Kindesalter bis hin zum Jugendlichen ist beachtlich. Eine Mutter steht mit ihrer Tochter etwas ratlos vor dem Gestell der Jugendromane. Sie sucht Hilfe bei Chantal Teuscher, der jungen Buchhändlerin. Chantal Teuschers Spezialgebiet liegt in diesem Raum. Die Schülerin sollte einen Vortrag über ein Buch halten. Es muss mindestens 200 Seiten lang sein… Was sie wohl wählen wird? „Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel, „Nicht weg und nicht da“ von Anne Freytag oder „Dumplin‘ – Go Big or Go Home“ von Julie Murphy? In allen drei Büchern steckt ein Zettel und weist sie als Empfehlung von Chantal Teuscher aus.

Unter dem Fenster steht ein kleiner Tisch mit einem alten, schwarzen Wählscheiben-Telefon. Der Hörer ist schwer. Wer ihn abhebt, hört ein Märchen. Das wird sicher vielen kleinen und grösseren Kindern gefallen. Und auch für die Erwachsenen gibt es ein solches Telefon. Es ist an der Wand über dem schon erwähnten Kaffeetisch befestigt. Wer den Hörer vom Haken nimmt, hört Lyrik. Gerade ist es ein humoristischer Streifzug durch die Welt der Lyrik. „Ich bin so knallvergnügt erwacht“ ist als Doppel-CD bei „der Hörverlag“ erschienen. Die CD steht oben auf dem schwarzen Telefon hinter den beiden silbernen Glocken.

Buchhandlung von der Theke her

Und was findet sich auf der breiten Fenstersimse hinter dem Schaufenster? Zuerst fällt ein Kissen in einer Ecke auf, davor ein rechteckiger, schwarzer, schwerer Stoff – eine handfeste Einladung, sich da zu installieren und mit dem Rücken zur Wand, gestützt mit dem Kissen etwas zu lesen oder zu dösen. Einsicht von draussen gibt es kaum, denn grosse Holzständer für Bücher und Plakate decken diesen Teil des Schaufensters ab.

Dann folgen zahlreiche als kleines Geschenk geeignete Bücher, wie jene von Keri Smith, beispielsweise „Mach diese Karten fertig“ oder Dan Marshalls „Life Hacks“. Weiter stehen da einige alte hölzerne Kisten, teilweise mit Fächereinteilung drin. Es sind wohl alles ehemalige Handwerkerkisten. Darin gibt es verschiedene Papeterieartikel, schönes Geschenkpapier und Stempel. Tischsets aus Papier liegen auf, Bellini 2 steht darauf. Also eine Kollektion, die nur hier in der Buchhandlung erhältlich ist? Ja, und das überrascht überhaupt nicht, denn Sandra Bellini ist kreativ (www.sandrabellini.com). Aus alten Buchkatalogen schneidet sie breispielsweise Papierstreifen und näht sie mit der Nähmaschine zu hübschen Couverts für die Geschenkgutscheine zusammen. Jedes ist ein Unikat! Auch die Geschenke werden speziell eingepackt. Einfarbiges, packpapierähnliches Papier und ein Streifen bedrucktes Papier darum. Ein schwarzer Kleber mit dem Buchhandlungslogo hält den Papierstreifen zusammen.

Kundenkartei - analog

Die Buchhandlung ist voller Überraschungen. So wird die Kundenkartei noch analog geführt. Wer elektronische Post haben möchte, soll sich bei der Kasse in eine Liste eintragen. Damit wird nicht alles einfach so breit wie möglich gestreut. – Sonst aber ist die Buchhandlung ganz modern. Sie ist auf Facebook und Instagram vertreten.

Als ich die Buchhandlung verlasse, schaue ich zurück. Eine gelungene Sache, denke ich. Über dem Schaufenster steht über die ganze Länge eine Sonnenstore. Weiss, darauf mit Schwarz der Buchhandlungsname. Der Name Bellini ist leicht leserlich, auch wenn die beiden L in der mitte sich wie zwei Bücher gegeneinander neigen und der N schlank und hoch wie ein grosses Buch gezeichnet ist.

 

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