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H. P. Willi – Buchhandlung und Antiquariat, Tübingen

Mehr Bücher als Platz

Michael Guggenheimer

Keine Esoterik. Keine Kochbücher. Keine Kinderbücher. Keine juristischen Fachbücher. Keine Naturwissenschaften. Dafür äusserst reich bestückt mit Büchern aus den Bereichen Philosophie, Literaturwissenschaften, Belletristik, Geschichte, Kulturgeschichte, Soziologie und Theologie. Das ist die Buchhandlung H. P. Willi in Tübingen. Eine Buchhandlung, in der man stundenlang verweilen und immer wieder das entdecken kann, was man schon längst hatte lesen wollen, von dem man aber nicht wusste, dass es existiert.

Klappstuhl als willkommene Hilfe, um auszuruhen

Auf der Wilhelmstrasse, an der die Buchhandlung liegt, herrscht ein unaufhaltsamer und lauter Verkehrsstrom. Auf den wenigen Stufen, die zur Tür führen, liegen Bücher, sie weisen darauf hin, dass die Buchhandlung geöffnet ist. Wie wunderbar ist es, die Ladentüre hinter sich zu schliessen und den Strassenlärm hinter sich zu lassen. Da betritt man eine Buchhandlung, in der weitaus mehr Bücher lagern als Platz vorhanden ist. Die Bücherregale vom Boden bis zur Decke prall gefüllt. Bücherberge überall. Auf dem Zweiersofa beim einen der beiden Schaufenster kann bloss eine Person Platz nehmen, der zweite Sitzplatz ist voll von bestellten Büchern. Nicht anders die Lage auf dem gemütlichen Ohrensessel: Neben den Büchern kein Platz vorhanden. Unter den Tischen und auf den Tischen Büchertürme. Wie gut, dass da zwei Klappstühle ungeöffnet an zwei Regalen lehnen. Und wie froh ist man nach einer Stunde darüber, einen Klappstuhl öffnen und darauf Platz nehmen zu können! H. P. Willis Buchhandlung ist ein Büchereldorado.

Zwei Räume weist die Buchhandlung auf. Zwei Räume vollgestopft mit Büchern. Da sind zunächst die Büchertische. Bücher liegen auf Büchern. Man nimm ein Buch zur Hand, legt es zur Seite, nimmt das nächste, übernächste und dann noch das vierte und fünfte Buch, das unter den ersten vier Büchern gelegen war. Man blickt sich um: 21 Buchgestell-Tablare Philosophie. Dreizehn Tablare hoch sind hier die Büchergestelle, vom zehnten Tablar an sind die Buchrücken so weit weg, dass man froh ist um eine der fünf Metallleitern, die man besteigen kann, um die Titel wenigstens lesen zu können.17 Tablare suhrkamp taschenbuch wissenschaften stb,19 Tablare Reclambände. Bestseller? Ausser Karl Ove Knausgårds „Das Amerika der Seele“ keine entdeckt. Im Haus nebenan befindet sich eine der vier Filialen der Buchhandlung Osiander, wo die Bestseller gestapelt liegen und wohin jene Kunden freundlich weitergewiesen werden, die die gängigen Titel, Reiseführer, Kinder- und Kochbücher suchen.

Dafür ist hier die Antike mit Aristoteles, Aischylos, Vergil und all den anderen Griechen und Römern gut vertreten. Und alle die anderen, die man anderswo vergeblich suchen müsste: Wolfgang Koeppen? Seine gesammelten Bände sind da. Fernando Pessoa? Alles, was in deutscher Sprache erschienen ist, ist hier zu haben. Leo Baeck? Kein Problem. Paul Nizon? Mehr Bände als in jeder Schweizer Buchhandlung. Paul Celan mit 35 Bänden präsent. Gottfried Keller, Johann Wolfgang von Goethe, Georg Büchner, Friedrich Hölderlin: Sie sind mit Gesamtausgaben vorhanden. Arno Schmidt? Die Tübinger Ausgabe und mehrere Bände von Zettels Traum. Franz Kafka gefällig? Die Oxforder Ausgabe ist da. Wo bitte gibt es sonst noch alles von Peter Kurzeck? Die blaue Marx Engels-Gesamtausgabe abholbereit. Und dann vom Boden bis zur Decke all die Gedichtbände! Theologie? Die Kommentare zur Zürcher Bibel ist da, von Kabbala bis Koran alles zu haben. Ob Christentum, Judentum oder Islam: Hier kann man sich für eine lebenslange theologische Lektüre eindecken.

Stehpult unter Buecherlast

Wunderbare Ruhe herrscht in der Buchhandlung. Unterbrochen zwischendurch nur von fragenden Kunden, die sich manchmal in langen Gesprächen mit Eigentümer H. P. Willi oder mit Buchhändler Jens Möller über Bücher unterhalten, die sie gerade lesen. „Seit Jahren“, so heisst es auf der Homepage, „trifft sich in den Räumen der Buchhandlung H. P. Willi auch ein Kreis, in dem Texte von Sören Kierkegaard gelesen und diskutiert werden.“ „Gute Fachgespräche neben der Rennstrecke“ hiess eine Reportage über die Buchhandlung im Buchreport-Magazin. Mit Rennstrecke ist wohl die laute Wilhelmstrasse gemeint. H.P. Willi, der die Buchhandlung im Jahr 1996 gegründet hat, hat an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen zum Dr. theol. promoviert. Wenn man weiss, dass seine Dissertation den langen Titel „Unbegreifliche Sünde. Die christliche Lehre von der Sünde als Theorie der Freiheit bei Julius Müller (1801-1878). Mit einem Anhang der Tagebuchnotizen Kierkegaards über die Sündenlehre von Julius Müller“ trägt, dann wird einem klar, weshalb just in seiner Buchhandlung Theologie und Philosophie so gut vertreten sind.

H. P. Willi
Buchhandlung & Antiquariat
Wilhelmstrasse 8
72074 Tübingen
T: 0049 7071 24398
http://www.hpwilli.de

 

Weit gezielt

Heinz Egger

Was fällt mir zu Tübingen ein? Neckar, Hölderlinturm, Schlossanlage und natürlich die berühmte Universität. Beim Gang durch die Stadt fallen die vielen Buchhandlungen auf. Mehrmals in der Stadt zu finden ist die 1596 gegründete Osiander, die Rosa Lux, die Buchhandlung und das Antiquariat J. J. Heckenhauer, ansässig seit 1823, die Buchhandlung Gastl, die Buchhandlung Beneke, der Frauenbuchladen „Thalestris“, um nur ein paar zu nennen.

Und schliesslich neben dem Haupthaus von Osiander die Buchhandlung des Theologen Dr. Hans-Peter Willi. Jede Buchhandlung muss sich hier spezialisieren, um zu überleben. Bei H.P. Willi steht schon auf dem Firmenschild, was die Schwerpunkte sind: Literatur, Philosophie und Theologie. Die Buchhandlung besteht seit 20 Jahren, wie der grossgewachsene Verkäufer Jens Möller hinter seinem Pult, das auch als Verkaufstheke dient, sagt. Hinter ihm stapeln sich die Bücher, alles Neueingänge. Viel bestellte Ware.

Die Buchhandlung hat zwei Räume. Der fast quadratische Eingangsraum und eine Stufe höher der kleinere, rechteckige. Die Wände sind von unten bis oben voller Bücher, man sieht fast nur Buchrücken. Es gibt nur einen schmalen Raum, auf dem man den Gestellen entlang und zwischen den Büchertischen durchgehen kann. Die Tische sind mit Türmen von Büchern beladen.

Im oberen Raum steht ein grosser Ohrensessel vor einem aussen vergitterten Fenster des Raums. Der Verkäufer kommt vorbei und rät mir, die Temperatur am Ofen etwas höher zu stellen, um bequem lesen zu können. Von diesem Sitzplatz aus überblickt man den gedrängt vollen Raum. Überall Bücher, an den Wangen der Büchergestelle und an den freien weissen Flächen hängen kleine Stiche. Es sind Porträts berühmter Denker und Dichter. Ein Tisch füllt den freien Raum zwischen den Wänden. Kartonschachteln, wohl voller Bücher, warten vor dem Tisch und vor den Büchergestellen darauf, ausgepackt zu werden. Was für Schätze wohl darin enthalten sind?

Buechertisch

Das Licht ist hell, gelblich-warm. Ich gehe auf Entdeckungstour. Auf dem Tisch finde ich zwei Bände Plutarch „Moralia“, ein Buch über Joachim Gauck, eines über Fidel Castro, eines über Simone de Beauvoir, Adalbert Stifter „Bergkristall“, Geschichte der russischen Literatur, Arno Schmidt „Bargfelder Kassette“. Der Schuber enthält sechs Bücher. Weitere Autoren sind Caius Plinius Secundus, Horaz, Ovid, Seneca, Tacitus, Sallust, Sueton, Vergil, Homer. Die ganze Antike ist vertreten, aber auch asiatische Weisheit, beispielsweise im Buch Pancatantra, die fünf Bücher indischer Lebensweisheit, oder Mong Dsi, die Lehrgespräche des Meisters Meng Ko. Einen grossen Raum nehmen die rot-schwarzen Bände der utb ein. Utb ist eine Gemeinschaft von 15 Verlagen, die das Ziel verfolgen, Lehrbücher herzustellen, die perfekt und aktuell auf das Studium abgestimmt sind.

In Vitrinen lagern teure Ausgaben. Von der Kassa aus kann der zweite Raum nicht überwacht werden. Auf Kameras wollte man nicht setzen. Um aber wertvolle Bücher vor Diebstahl zu schützen, habe man die Vitrinen eingebaut, erklärt Jens Möller bereitwillig. Darin stehen Bücher von Paul Celan, Franz Kafka, Friedrich Hölderlin und Arno Schmidts „Zettels Traum“ in verschiedenen Ausgaben.

Blick vom zweiten in den ersten Raum von der Leiter aus

Die Belletristik in Taschenbüchern füllt zwei Wände. Die Bücher sind nach Autor eingeordnet. So stehen Ausgaben aus verschiedenen Verlagen nebeneinander. Ich steige auf die Metalleiter, um weit oben unter R nach Ramsmayr zu suchen. Ich werde nicht fündig. Dafür bietet sich mir ein schöner Blick über die ganze Buchhandlung: ein Meer von Büchern!

In der Vitrine bei den Taschenbüchern stehen gebundene Ausgaben von beispielsweise Bonhoeffer, 17 Bände in Kassette aus dem Güthersloher Verlagshaus, Georg Büchner aus dem „Deutscher Klassiker Verlag“ oder der Babylonische Talmud aus dem Jüdischen Verlag.

In einem einfachen Bilderrahmen erhebt Emmanuel Levinas seinen Finger und daneben steht als Zitat: „Man hat den Intellektuellen als denjenigen definiert, der immer am Ziel vorbeischiesst, dafür aber sehr weit zielt.“ Schaue ich mich um, dann könnte das zutreffen. Der sehr reiche Bestand der Buchhandlung zeigt verschiedenste Sichtweisen unserer Welt. Verwirrend fast und doch nötig, um eine Ahnung ihrer Art zu gewinnen.

Ich kehre zurück zum ersten Raum und bin überfordert. So viel lagert hier. Theologie und Philosophie auf einem Tisch, auf Korpussen auf einem Salontischchen auf einem alten Ledersessel und natürlich in den wandhohen Gestellen. An der Wand zum oberen Raum hin hängt eine Wanduhr. „Véritable Westminster“ steht auf dem Zifferblatt. Allerdings steht das Pendel still. Die gedrängte Vielfalt des Angebots erinnert mich ein wenig an Calligramme in Zürich. Die Buchhandlung ist topaktuell im Angebot und hat doch „keine Zeit“. Und es könnte auch hier so sein, dass ein Suchender findet, was in anderen Buchläden schon längst verschwunden ist.

 

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