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Buchhandlung Mattmann AG, Zofingen

Der König von Zofingen

Michael Guggenheimer

Buchhandlung von aussen

Was die Zeit zwischen zwei Besuchen ausmachen kann! Beim letzten Besuch vor anderthalb Jahren wirkte die Buchhandlung Mattmann in Zofingen noch etwas überladen, standen da und dort in den Regalen mehrbändige Editionen von Klassikern, die so wirkten, als sei die Buchhandlung auch eine Art Bibliothek. Wie anders jetzt. 2017 hat Corina Friderich die Buchhandlung übernommen, die sie gemeinsam mit Jana Faes führt. Beide Frauen kennen sich schon lange, denn beide haben die Lehre genau hier unter Buchhändler und Vorbesitzer Claudius Mattmann absolviert. Gegen Ende der Lehrzeit haben sich beide vorgenommen, irgendwann die Buchhandlung am Kirchplatz zu übernehmen. Mehrere Stationen zwischen Ende der Lehrzeit und dem Neubeginn haben sie absolviert bis sich Claudius Mattmann in sein kleines Schloss in Südfrankreich zurückzog und die Buchhandlung Corina Friderich verkaufte.

Wie anders die Buchhandlung jetzt wirkt. Mehr Licht, Büchergestelle, die vor den Fenstern standen, sind weg, die Buchhandlung wirkt grösser, heller, gemütlicher. Zwei Teile, die sich deutlich unterscheiden, weist die Buchhandlung auf, die sich über zwei Liegenschaften erstreckt und deshalb auch zwei Eingänge hat. Im oberen Teil die Belletristik, die Sachbücher und die Verkaufstheke. Mehrere Coffeetable Books wie der Prachtband „The Book of Palms“ oder „Flora. 3000 Jahre Pflanzendarstellung in der Kunst“ und Annie Leibowitz’ „Porträts 2005 – 2016“ auf einem runden Büchertisch. Daneben der Novitätentisch. Man staunt beim genauen Hinschauen, dass in einer Kleinstadt mit nicht einmal 11000 Einwohnern so anspruchsvolle Bücher im Angebot sind wie Tristan Marquardts und Jan Wagners „Unmögliche Liebe“, wie Vittorio Lampugnanis Buch „Die Stadt von der Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert“ und ein Band über den japanischen Architekten Tadao Ando. Gleich daneben reich dotiert der Bereich der Krimis. Im unteren Teil der Buchhandlung die Reiseführer, die Kochbücher, die Kinder- und Jugendbücher. Auf dem Sofa im unteren Bereich liegen die Neue Zürcher Zeitung, das Zofinger Tagblatt und der Wiggentaler. Man darf sich einfach hinsetzen, die Zeitung lesen und auch wieder gehen, ohne ein Buch gekauft zu haben.

Corina Friderich

Die beiden Buchhändlerinnen haben viele Bücher, die jahrelang vergeblich in den Regalen auf Interessenten gewartet haben, entsorgt. „Es gab hier viele Bücher, die zwanzig und noch mehr Jahre lang in den Büchergestellen gestanden haben“, sagt die erst 23 Jahre junge Besitzerin Corina Friderich. Einige Trouvaillen von früher, die man eher in einem Antiquariat erwarten würde, haben dennoch überlebt: Antonio Gramscis Gefängnis Hefte 3 bis 10 aus dem Jahr 1992 stehen ebenso in einem der Büchergestelle neben der grossen kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe von Bert Brecht aus den Verlagen Suhrkamp und Aufbau aus dem Vorwende-Jahr 1988. Und zwischen Neuerscheinungen entdeckt man Urs Frauchigers angejahrten „Entwurf Schweiz“ aus dem Jahr 1995. Ansichtskarten sind reichlich im Angebot ebenso wie Glasobjekte des „Atelier les trois“ aus Brittnau.

Gestellanschrift und der Inhalt widersprechen sich (noch)

Dass die Zeit des Neuordnens noch währt, sieht man im unteren Teil der Buchhandlung an lustigen Details. Dort, wo die Aufschrift „Werken und Basteln“ ist, stehen die schönen Bücher „Make Love“, „Make more Love“ und Make Love. Das Männerbuch“. Und dort, wo die Aufschrift „Kochbücher“ steht, befinden sich die Reisebücher. Ein Sofa, ein langer Lesetisch, ein Sessel und mehrere Stühle stehen im unteren Teil. Im Sommer soll es draussen vor der Buchhandlung möglich sein, Kaffee zu trinken und vielleicht sogar Kuchen zu essen. „Die Lage der Buchhandlung in der Altstadt ist ideal“, meinen die beiden Buchhändlerinnen, zu denen demnächst eine Auszubildende stossen wird. Drei Gehminuten vom Bahnhof, Parkplätze gleich nebenan. Demnächst wird Arno Camenisch zu seiner zweiten Lesung erwartet, sie soll wieder auf dem Nebenplatz der Buchhandlung stattfinden und werde gewiss wieder viele Zuhörer anziehen. Geplant ist auch eine Lesung mit Peter Stamm. An der unteren Ladentür haftet noch ein Flugblatt, das auf eine besondere Aktion der Buchhandlung hinweist: „Die Buchhändlerinnen der Buchhandlung Mattmann suchen den König von Zofingen. Seit langem brodelt die Gerüchteküche, doch zuverlässige Informationen sind rar. Wer ist dieser König, der aus dem Hintergrund die Geschicke der Stadt lenkt? Wir sind für jegliche Hinweise dankbar. Gerne in Form einer Kurzgeschichte, eines Gedichts oder einer wissenschaftlichen Abhandlung. Auch Minnegesänge und Schmähschriften sind herzlich willkommen“. Im Juni 2018 sollen die besten Texte auf Rundgängen durch die Altstadt vorgetragen und prämiert werden.

„Wir können keine Rabatte gewähren“, sagt Eigentümerin Friederich. „Dafür können wir beraten. Wir sind zwei intensive Leserinnen, die ihre Kundinnen und Kunden gut kennen und wissen, wofür sie sich interessieren. Wir führen anspruchsvolle Bücher und wissen, dass populäre Literatur und Bestseller wichtig sind, weshalb wir sie auch anbieten, klar“. Dass mit dem Geschäft mit Namen „Purzelbaum“ ein Spielwarenladen jetzt sein Büchersortiment auch in Richtung Belletristik für Erwachsene erweitert, stört die beiden Buchhändlerinnen nicht: „Wir haben auch schon Kunden zum Purzelbaum weitergeschickt“, sagen sie. Befragt, welche Buchhandlung ausser der eigenen sie gerne hätte, erklärt die Besitzerin, dass sie auf Reisen im Ausland immer die örtlichen Buchhandlungen aufsuche. Und in der Schweiz? Gerne würde sie die Buchhandlung Kosmos in Zürich anschauen, von der sie schon gelesen habe. Am Schluss wählt sich der Schreibende noch ein Buch aus, das er kaufen und lesen will. Es ist Vicente Valeros „Die Fremden“, erschienen beim wunderbaren Verlag Berenberg.

Buchhandlung Mattmann AG
Kirchplatz 4
4800 Zofingen
T: 062 751 13 05
www.mattmann.ch

 

Frischer Wind

Heinz Egger

Die Tür geht auf. Eine elegante Dame betritt die Buchhandlung und steuert geradewegs auf eine der beiden Buchhändlerinnnen zu. Sie hätte gern mit Herrn Mattmann gesprochen. Der gewünschte ist allerdings nicht da, nicht mehr da. Er hat sich im Juli 2017 aus dem Geschäft zurückgezogen und weilt mit seiner Frau gerade im Norden Frankreichs. Enttäuscht zieht die Frau sich zurück.

Auch uns Buchortisten ging es so. Wir betraten den Laden, schauten uns um und dachten, hier hat sich etwas verändert. Auf Nachfrage erhielten auch wir die Auskunft über den Besitzerwechsel. Die Verantwortung für die Buchhandlung hat Corina Friderich. Sie ist noch jung, sehr jung, und sie sprüht vor Energie und Unternehmergeist. Sie sagt, der Start sei gelungen, sie gebe sich nun fünf Jahre, um das Geschäft rund laufen zu haben. Sie hätte manches einstecken müssen. Zofingen sei eine ziemlich konservative Stadt, Veränderungen hätten es schwer. Manche Kundinnen und Kunden seien in den Laden gekommen und hätten auf den Besitzerwechsel mit einem vielsagenden „ah, Sie sind die Neue“ reagiert. Sie habe gelernt, dass die Jungen in Zofingen sich erst beweisen müssten, bevor man sie ernst nehme. Sie hat aber Mut und fordert alle Jungen auf, etwas zu wagen. In einer Stadt wie Zofingen breche die Zeit der kleinen, aber feinen Läden wieder an. Sie ist fest überzeugt davon. Sie weiss auch, dass es nicht nur Businesspläne braucht, sondern auch Ideen. Sie hat sie und ist daran, diese in die Tat umzusetzen. Schon im vergangenen Sommer standen auf dem Platz an der Seite des Hauses Tische, an denen man etwas trinken und sich in die Bücher vertiefen konnte. Sie werde das wiederholen, denn gerade ältere Kundinnen und Kunden kämen gern zu einem Schwatz und einem Kaffee vorbei. Ihr Ziel sei es aber, dass die Buchhandlung zum Treffpunkt – vor allem auch der Jungen werde. Schön wäre es, wenn Studentinnen und Studenten zu ihr kämen, um zu lernen.

Hölzerne Gestelle, Holzboden, Holzdecke, Lesecke

Die Räumlichkeiten würden sich eignen: Die Buchhandlung liegt in zwei aneinander gebauten Häusern. Eine vierstufige Treppe verbindet die beiden Verkaufsräume. Im oberen mit Schaufenstern zum Kirchplatz findet sich die Literatur und die Kassatheke im unteren mit Schaufenstern zur Verbindungsgasse hinunter zur Vorderen Hauptgasse die Sachbücher. Es sind niedere Räume mit viel Holz. Aber sie strahlen etwas „Heimeliges“ aus. Ein alter Schrank ragt schräg in den unteren Raum, er enthält Keramik. Sitzgelegenheiten gibt es zahlreiche, ein Sofa, ein Lehnstuhl mit Tischchen aus Büchern, mehrere hölzerne und metallene Stühle. Dann steht da ein grosser Tisch mit eingelegter Schieferplatte, auf dem sich gut arbeiten liesse. Im Moment ist er mit Neueingängen belegt. Ein grosser Stapel ist es. Alles schöne, gebundene Bücher. Ja, Corina Friderich liegt etwas am schönen Buch. Es soll ein haptisches Erlebnis sein, ein Buch in die Hand zu nehmen. Der Laden befindet sich in einer Transformation. Sie geht Schritt für Schritt voran. Die Familie Mattmann führte die Buchhandlung über zwei Generationen. Deshalb entschied sich Corina Friderich, den Namen beizubehalten. Schliesslich sei er gut eingeführt und einen neuen, träfen Namen zu finden, sei gar nicht einfach. Schliesslich hänge daran das ganze Marketing. Aber er sei nicht in Stein gemeisselt. Eine Umbenennung könnte doch noch einmal folgen. So konnte auch die Website mit wenigen Anpassungen weiterlaufen. Als wichtigen Marketingkanal nutzt Corina Friderich Instagram. Dort gibt es bereits eine lange Liste von Fotos zur „jungen, hippen“ Buchhandlung und zum Buchangebot.

Unter Herrn Mattmann war die Buchhandlung auf Intellektuelle ausgerichtet. Das Publikum war eher etwas älter. Sie hätten ausräumen müssen. Wer wolle den schon ein über zehn Jahre altes Buch? Verkauf in Bücherkisten, Abfuhr zur Vernichtung, denn auch in Zofingen war das Brockenhaus nicht interessiert, nicht einmal an den neuwertigen Büchern. Ob in den Schubladen unter den Gestellen, beispielsweise im unteren Raum noch solche Relikte lagern? Geblieben sind die Gestelle aus Schichtholz, das im Laufe der Jahre eine schöne goldgelbe Farbe angenommen hat. Nur im oberen Raum hätten sie einen Teil der Einrichtung entfernt, um etwas mehr Luft zu haben. Es gibt heute noch freien Platz in den Gestellen. Nach und nach ergänzen die beiden Buchhändlerinnen ihr Sortiment. Sie richten die Inhalte der Gestelle neu aus. Bis jetzt kleben die alten Aufschriften mit dem ehemaligen Inhalt an den Tablaren. Corina Friderich und Jana Faes wollen ein sehr breites, junges Publikum ansprechen, klar ohne die alten Kundinnen und Kunden zu vertreiben. So führen sie gezielt leichte und einfache Literatur.

Jana Fäs mit einer Kundin

Jana Faes holt einige Bücher hervor, um das zu illustrieren. Sie bringt: „Lichter von Paris“ von Eleanor Brown, „Warum haben die Bananen immer die Nummer 1“ vom Büro für Erklärungsnotstände, „Löwen wecken“ von Ayelet Gundar-Goshen, „Und damit fing es an“ von Rose Tremain.

Das Angebot ist top-aktuell. Bei der Kasse liegen mehrere Bände von Arno Camenischs neuem Buch „Der letzte Schnee“. Die Jungen liebten ihn, sagt Jana Faes. Und eben an diesem Morgen hereingekommen ist Roger Schawinskys Werk zur „No-Billag-Initiative“. Acht Büchlein lagen bei Öffnung des Ladens am Morgen auf, am Mittag sind es noch zwei. Das Publikum sei durchaus an politischer Literatur interessiert, bestätigt Jana Faes.

Dass ein weiblicher Geist durch die Buchhandlung weht spürt man. Besonders sichtbar ist das Wirken weiblicher Hände in den Schaufenstern. – Auf Instagram werden sie die schönsten von Zofingen genannt. So hängen dort Vogelfutter-Behälter aus zarter Keramik, beispielsweise eine umgekehrte Tasse, die einen Maisenknödel aufnehmen kann, ein Teller als Dach darüber, zusammengehalten durch eine Gewindestange, die durch ein Loch in Tasse und Teller geführt ist. Es ist ein zuerst irritierender Blickfang. Zartes Porzellan, Metall, schwere Aufhängeöse – und eben, alles steht auf dem Kopf.

 

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