Tau-Buchhandlung, Schwyz

Drehscheibe für Regionalia

Michael Guggenheimer

Sympastische Präsentation: Tau-Buchhandlung von aussen.

Tau-Buchhandlung in Schwyz. Tau? Morgentau? Schiffstau? Eine Buchhandlung benannt nach dem deutschen Schriftsteller Max Tau, dem ersten Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels? Eine Filiale der TAU, der Tel Aviv University? Nichts von alledem. Die Buchhandlung ist benannt nach dem christlichen Antoniuskreuz, das die Form des Buchstaben T hat. Die Bezeichnung leitet sich ab vom neunzehnten Buchstaben des griechischen Alphabets, dem Buchstaben Tau. Das Taukreuz ist Symbol des Franziskanerordens. In den 1970er Jahren kaufte die Laienorganisation „Dritter Orden des hl. Franz von Assisi“ auf Initiative eines Paters in Schwyz das örtliche Büchergeschäft von seiner betagten Besitzerin.  Damals wurde das allgemeine Sortiment der erworbenen Buchhandlung mit dem franziskanischen Tau-Verlag und der dazu gehörenden Tau-Versandbuchhandlung zur Tau-Buchhandlung vereint. Geblieben ist der Name. Gewandelt hat sich die Buchhandlung.

Die fromme christliche Vergangenheit der Buchhandlung ist heute nicht mehr zu erkennen. Die Buchhandlung an der Herrengasse führt zwar auch religiöse Literatur. Aber die ist im Untergeschoss zu finden und ist nicht prominent im Sortiment. Oder ist die Nähe der Kirche doch etwa spürbar? Keine Bücher über andere Religionen, weder Islam noch Judentum oder Buddhismus im Sachbereich Religion. Aber das mag mit dem traditionell katholischen Kanton Schwyz zu tun haben.

Die Welt sehen - eine gut bestückte Buchhandlun; Buchhändlerin Melanie Suter und ein Kunde

Besitzerin und Geschäftsführerin ist die gelernte Buchhändlerin Jasmin Isik. Melanie Suter steht ihr zur Seite. Sie hat bei Jasmin Isik die Lehre zur Buchhändlerin absolviert, um später an der Hochschule Luzern (hslu) den Ausbildungsgang zur wissenschaftlichen Zeichnerin zu belegen. Bis sie eines Tages vom neuen Beruf wird leben können, hilft sie im Laden aus. Ein sympathischer Laden, in dem vieles Platz hat. Im Erdgeschoss die Belletristik, eine Wendeltreppe führt in das Untergeschoss, wo die von Cornelia Marty betreuten Kinder- und Jugendbücher im selben Raum auf Leser warten wie die Bücher aus den Bereichen New Age, Psychologie und Lebenshilfe, Gesundheit, Essen und Trinken, Natur und Technik, Weltanschauungen, Pädagogik und Religion. Anders als im ebenfalls katholischen Stans lachen hier einen Bücher offen an mit Titeln wie „Das indische Lehrbuch der Liebe“ oder die beiden Bücher von Randi Foxx „Sex 101 Stellungen“ und „365 Stellungen. Heisse Sexspiele für ein ganzes Jahr“. Die Schwyzer Patres von einst könnten hier Bilder entdecken, die sie in ihren Gebetbüchern und an den barocken Kirchendecken so nicht zu sehen bekommen haben. Die Lockerheit im Umgang mit religiösen Büchern und lebensfrohen Ratgeberliteratur wirkt unverkrampft zeitgemäss und sympathisch. Drei Papstbiografien, eine Schrift von Abt Martin Werlen aus Einsiedeln sowie das Buch „Von Wanderbrüdern, Einsiedlern und Volkspredigern – Leben und Wirken der Kapuziner im Zeitalter der Reformation“ vertragen sich gut mit den Stellungsbüchern.

Im Erdgeschoss eine Sitzecke am Schaufenster. Auf dem Tisch liegt die in Schwyz verlegte Regionalzeitung „Bote der Urschweiz“. Viel gute Literatur im Laden. Bücher von Christoph Ransmayr, Lucia Berlin, Elena Ferranti, Christian Kracht, Michelle Steinbeck, Haruki Murakami und vielen anderen. Durchaus vergleichbar mit einer guten Quartierbuchhandlung in einer grösseren Stadt. Anders als in Zürich sind hier die Bücher des Innerschweizer Autors Meinrad Inglin mit allen lieferbaren Titeln vorhanden. Gut dotiert der Bereich der Biografien bis hin zur neusten Biografie von Sigmund Freud. Auffallend das reiche Sortiment an Regionalia, an Büchern, die die nähere Umgebung zum Thema haben: Die Geschichte der Jakobskellerei der Firma Schuler im benachbarten Steinen von 1694 bis 2010. Oder das Buch „Kollegial interniert“, die Geschichte des (nicht immer einfachen) Zusammenlebens im katholischen Internat „Maria Hilf“ in Schwyz von früher. „Balance der Gefühle“, Gedichte von Maru (eigentlich Margarita Rust Stirnimann) aus dem benachbarten Kanton Zug, verlegt von einem regionalen Herausgebe, liegt in nicht wenigen Exemplaren prominent auf, daneben „Vo Schnürdenä und Erwachsenä z Einsidlä“, ein Buch über Kinder- und Jugenderlebnissen in Einsiedeln in der 1950er Jahren. Oder „Das geheimnisvolle Haus in der Halten in Brunnen“. Daneben eine auffallend schöne Publikation, die zur Region gehört: „Geschichten. Gesichter. Die Welt trifft sich auf dem Einsiedler Klosterplatz“. Hier äussern sich Menschen aus der Region, aus der Schweiz und aus dem Ausland vor der Klosterkirche dazu, was diese Wallfahrtskirche und der Klosterplatz bei ihnen ausgelöst haben. Und noch mehr regionales: Silvia Götschis Regionalkrimi „Herrengasse“ spielt just in der Strasse, in der sich die Tau-Buchhandlung befindet, die gleich auch noch im Krimi vorkommt. Daneben „Anker-Tony. Von Vierwaldstättersee hinaus in die Welt“ sowie Albert Marty-Gislers Buch über das Hochmoor von Rothenturm. Auch die umfangreiche Anthologie „Literarische Innerschweiz“ und der Band „Schwyzer Sagen“ fehlen nicht. Die Tau-Buchhandlung eine Drehscheibe auch für die Regionalia.

Bücher Tau ermöglicht, den in der Region lebenden Autoren Lesungen und Buchpremieren in der Buchhandlung durchzuführen. Dass es der Buchhandlung in Zeiten, da der Buchhandel kein leichtes Terrain ist, gut geht, hat gewiss mit der Verankerung der Buchhandlung in Schwyz zu tun und mit der Tatsache, dass die örtlichen Schulen, die Kantonsbibliothek, das Gymnasium und das Kloster Ingenbohl hier ihre Bücher beziehen. Und dann noch als Detail: Das ausgeklügelte System der verschliessbaren mobilen Büchergestelle ist schweizweit einzigartig: Mit etwas Muskelkraft und zu zweit lassen sich die im Raum verteilten Büchergestelle zu Sitzgelegenheiten umzuwandeln. Entwickelt hat diese Bücherpräsentations- und Sitzmöbel Simon Steiner, der Jüngste im Team der Schreinerei Marty in Steinen (SZ), eine Lösung, die sich durchaus in auch in anderen Buchhandlungen einführen liesse.

Tau-Buchhandlung AG
Herrengasse 20
6431 Schwyz
T: 041 811 18 14
www.taubuch.ch

 

Zen und Zehn

Heinz Egger

„Sie haben einen tollen Job“, sagt die Buchhändlerin zu mir. Ich muss abwehren. Nein, ein Job ist es nicht, was buchort.ch angeht, aber eine ungemein spannende und schöne Freizeitbeschäftigung. So beginnt ein längeres Gespräch vor den Kinderbüchern der Tau-Buchhandlung. Eine ganze Wand füllt die Abteilung und sie ist sehr gut bestückt. Strahlend blickt Cornelia Marty auf „ihr“ Reich. Seit Oktober erst ist sie im Buchhandel. Quereinsteigerin nach vier Kindern. Es sei schon immer ihr Traum gewesen, eine Kinderbuchhandlung zu haben, sagt sie. So fragt sie mich denn auch, wo wir Kinderbuchhandlungen oder Buchhandlungen mit schönen Kinderbuchabteilungen gesehen haben. Natürlich kennt Cornelia Marty den Kinderbuchladen in Zürich. Ich weise sie auf die schöne Buchhandlung von Helen Keller in Pfäffikon und auf die neu gestaltete Gutenberg Buchhandlung in Gossau hin. Ihre Idee ist es, das Kinderbuch zu fördern. Wer früh das Buch als Lebensbegleiter kennenlernt, wird ihm auch später treu bleiben, so ihr Credo. Viel Einfluss habe sie in der kurzen Zeit auf das Angebot aber nicht nehmen können, sagt sie bescheiden.

Spielecke, Kinderbücher, rote Metallwendeltreppe

Da untertreibt Cornelia Marty vielleicht ein wenig. Denn Jasmin Isik, Buchhändlerin und Geschäftsführerin, erzählt, dass ihre neue Mitarbeiterin während Jahren bei ihr Kinderbücher gekauft und sie mit Tipps für Neuanschaffungen versorgt habe. Sie sei eine wahre Spezialistin und müsse stapelweise Kinderbücher daheim haben. Ich glaube ihr das. Als ich im Keller vor der Wand mit den Kinderbüchern auf Hayfa al-Mansours „Das Mädchen Wadjda“ hinweise und den Film lobe, ergänzt Cornelia Marty sofort, das Buch sei erst nach dem Film herausgekommen. Ja, und sie habe den Film mit ihrer damals 10-jährigen Tochter gesehen. Sie habe die Thematik sehr beschäftigt und der Film habe ihr gefallen. Die Tochter allerdings habe sich streckenweise gelangweilt. Das Buch ist ab 10 Jahren empfohlen. Ob das nicht vielleicht doch etwas früh ist für ein Mädchen in der Schweiz?

Themen im hell beleuchteten Kellerraum

Neben den Kinder- und Jugendbüchern steht die Abteilung Pädagogik und Mann-Frau-Kind. Ein grossformatiges Buch des Kamasutra steht da und eines, das Spass im Bett für 365 Tage verspricht. Nach einem grossen Tisch mit Stühlen, folgt die Abteilung mit Religiösem. Einerseits sind es die Geschenke, die zur Erstkommunion und zur Firmung gemacht werden, Taufkerzen, Gesangbücher. Andererseits stehen da Bibeln in verschiedenen Übersetzungen für Erwachsene und Kinder und Bücher über Papst Franziskus. Auch jenes berührende Buch von Gian Domenico Borasio „Selbstbestimmt sterben“ oder das umstrittene Buch von Hans Küng „Glücklich sterben?“ stehen da. Was mir im Gestell „Weltanschauung“ aber fehlt, sind Bücher über andere Glaubensrichtungen, den Islam etwa.

Weitere Themen im Keller sind Natur, Essen & Trinken, Gesundheit, Psychologie und Lebenshilfe. Zwei bequeme Fauteuils laden ein, eine Buchauswahl etwas näher zu betrachten. Und wenn Mutter oder Vater die Kinder dabei hat, so gibt es hinter der roten Metallwendeltreppe eine hübsch eingerichtete Spielecke.

Modulare Gestelle, die auch als Sitzgelegenheit dienen können

Als die Buchhandlung im Jahr 2004 an die Herrengasse 20 zog, machte Jasmin Isik dies zum Anlass, die Räume etwas umzubauen. So entstand der Raum im Keller, der über die neu erstellte Wendeltreppe erreichbar ist, und vorne bei den Schaufenstern wurde eine bequeme Sitzecke eingerichtet. Auffällig sind die Gestelle im Raum. Sie stehen auf Rollen und bestehen aus übereinandergeschichteten Kästen. So lassen sich die Gestelle schnell in ihrer Höhe auf die Bedürfnisse anpassen. Aber nicht nur. Die einzelnen Kästen können mit Fronten geschlossen werden, so dass nichts herausfallen kann. Auf den Boden gestellt und mit einem Sitzkissen bedeckt, dienen sie als Sitzgelegenheit für Veranstaltungen. Ein junger Schreiner hat diese Möbel entwickelt.

Blick über die Rollgestelle in die Auswahl an Büchern und Themen

Erstaunlich ist, wie viele Leute das Lokal an der Herrengasse betreten. Eine Frau kauft Gutscheine, ein junger Mann holt bestellte Bücher ab, ein älterer Herr möchte sicher sein, dass sein Abonnement gekündigt worden ist, eine Dame sucht einen Krimi, ein Herr trägt gleich vier Bücher zur Kasse. Ein Paar schlendert zwischen den modularen Rollgestellen durch und kommentiert die Auslage. Klar, ein schön eingerichtetes Weihnachtsgestell gibt es unter dem Titel „Unser persönlicher Tipp“, ein Gestell mit dem Titel „Krimi“. Dort drin, so stellen die beiden jungen Leute fest, gibt es aber nicht nur Krimis, sondern auch Bücher über Leute, beispielsweise Steve Jobs, Sigmund Freud, Charles Chaplin oder Roger Schawinski. Dass unter den Titel des Gestells auch noch andere Themen gemischt werden, ist in der Tau-Buchhandlung „üblich“. Ja, da wird wie anderswo im Detailhandel verfahren. Wer ein Kinderbuch in die Hand nimmt und daneben von Mani Matter „Was kann einer gegen Zen Buddhisten?“ erblickt, kauft vielleicht beides. Geschickt, nicht?

 

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