Wortreich. Buchhandlung & Antiquariat, Glarus

Bücher in der Polsterei

Michael Guggenheimer

Sie heissen Haefeli, Moser, Bill, Esposito und Bellmann. Oder auch Epos, Plenum, Miro und Diva. Es sind Namen von Stühlen, benannt nach ihren Entwerfern oder solche mit Phantasienamen, Stühle aus der ältesten Stuhl- und Tischmanufaktur der Schweiz. So bekannte Schweizer Architekten wie Max Dudler, Mike Guyer und Annette Gigon oder Designer wie Hannes Wettstein sowie Robert und Trix Haussmann haben Stühle für die Möbelfabrik horgenglarus entworfen.

Wortreich - das Haus von aussen

In der ehemaligen Polsterei der Manufaktur, einem langgestreckten Gebäude an der Abläschstrasse in Glarus, das von aussen beim ersten Hinschauen eher einem Güterschuppen gleicht, wartet eine Überraschung. Man drückt die Nase an die Fenster und blickt in ein weites Bücherreich mit vielen Büchergestellen, einer Bar, einer Bühne, einer Leinwand.

“Wortreich” heisst die Buchhandlung in der ehemaligen Polsterei. „Die Kulturbuchhandlung“ steht auf Flyern, die an der Kassentheke aufliegen. So heisst auch die zweite Homepage der Buchhandlung, die mehr ist als eine Buchhandlung: Fünfzig Veranstaltungen haben hier im Jahr 2015 stattgefunden. Das sind Lesungen, Konzerte, Filmvorführungen im Rahmen eines Kinderkinos und eines Seniorenkinos, das sich mit seinen Arthouse-Filmen nicht nur an Senioren richtet.

Man betritt “Wortreich” und staunt zuerst über die Weite, die Höhe, die Grösse des Raums. Grosse Fenster lassen viel Licht ein. Der Charakter einer ehemaligen Werkstatt ist geblieben und doch ist es eindeutig ein Ort der Bücher, ein Raum mit einem besonderen Ambiente. Man erkennt beim Betreten sofort, dass sich rechterhand eine Buchhandlung mit vielen aktuellen Titeln befindet und linkerhand ein sehr grosses Antiquariat. Anders als in manchen grossen Antiquariaten ‚duftelt’ es hier nicht nach altem Papier. Parallel zu den zwei Standbeinen dieses Buchortes werden hier zudem Weine aus dem Wallis und Spanien und Kunsthandwerk aus dem Glarnerland angeboten. Brigitte Lusti, eine der Buchhändlerinnen, berät nicht nur die Kunden im “Wortreich”, sie ist eine Bucherzählerin auf der Stör: Man kann sie zu sich nach Hause oder an eine Versammlung, in einen Verein, in eine Lesegruppe, an eine Bibliothek oder in ein Kleintheater einladen, wo sie Bücher vorstellt, die sie in den letzten Monaten gelesen und gern bekommen hat, Neuerscheinungen und Bücher, die schon länger erhältlich sind. Falls erwünscht stellt sie sogar einen Büchertisch zusammen und vertreibt so als reisende Bücherempfehlerin und –erzählerin Bücher.

“Wortreich” verfügt über eine kleine Bühne sowie über eine durchaus kinotaugliche Leinwand. Werden hier Filme gezeigt, dann werden die grossen Fenster mit schwarzen Tüchern zugedeckt. Platz für achtzig Personen bietet die Buchhandlung bei ihren Veranstaltungen. Schon zweimal haben hier Preisträger des Eidgenössischen Literaturpreises gelesen. Franz Hohler war schon mehrfach hier zu Gast, ebenso Arno Camenisch oder Autorin Sabina Altermatt, die in Zürich wohnt und im Glarnerland in einem Rückzugsort ihre Bücher schreibt. Klar, dass bei “Wortreich” eine Menge Bücher über das Glarnerland geführt werden, sowohl neue als auch antiquarische. Beim Stöbern fällt einem auf, dass der kleine Kanton Glarus nicht wenige Autoren zählt: Eveline Hasler, Christine Gubler und Perikles Monioudis stammen ebenso von hier wie Emil Zopfi, Georg Thürer, Tim Krohn. Daniel Mezger und Alfonso Hophan.

Inhaberin Frau Pellicciotta

Leiterin und Besitzerin von Buchhandlung und Antiquariat ist Christa Pellicciotta. Kein Wunder, dass die Homepage von “Wortreich” unter den weiterführenden Links auch noch die Internetseite der Älplerinnen und Älpler in der Schweiz aufweist: Christa Pellicciotta war während mehreren Jahren im Sommer auf der Alp im Tessin. Die Berglandschaft ist geblieben: Denn wenn man zu den Fenstern von “Wortreich” hinausschaut, dann sieht man Berge, verschneite Bergspitzen. Wiggis, Rauti und Glärnisch heissen die schroffen Berge. Vor acht Jahren hat die Zeit Christa Pellicciottas im “Wortreich” begonnen. Übernommen hat sie Tausende von Büchern, die in der ehemaligen Polsterei schon lagen. Jonn Haeberli, ehemaliger Wortjournalist beim Schweizer Fernsehen, hatte hier ein Bücherantiquariat betrieben. Auf die Idee, einen Buchort zu betreiben, war der Intensivleser auf seinen Zugreisen von seinem Wohnort Ennenda bei Glarus zum Arbeitsort TV- Studio in Zürich gekommen. Haeberli waren Bücher wichtiger als jene Tagesschautexte, die er heute Wegwerftexte nennt. Sein Antiquariat hatte klein an einem anderen Ort in der Nähe begonnen. Ganz alleine hatte er sein Antiquariat betrieben, bis es ihm zu viel wurde. Heute lebt er im Kanton Schaffhausen und schaut manchmal bei Christa Pellicciotta vorbei.

Die mustergültige Ordnung der Bücher im Antiquariatsteil hatte noch Haeberli gelegt. Seine Nachfolgerin hat die Reihung der Bücher in den Gestellen noch verfeinert: Im Regal mit der Aufschrift Nordeuropa sind die Bücher nach den Ländern Skandinaviens nochmals geordnet. Dasselbe im Bereich der Bücher des Balkans und Südeuropas. Befragt von wo ihre Kunden kommen, preist Christa Pellicciotta die Treue der Glarner Leserinnen und Leser. Und Jonn Haeberli gibt am Telefon die Auskunft, wonach die Bücherschätze des Antiquariats alle aus dem Glarnerland stammten, wo er früher bei der Auflösung von Haushalten und privater Bibliotheken nach dem Tod der jeweiligen Besitzer die Bücherbestände sichten und übernehmen konnte.

Wortreich. Buchhandlung & Antiquariat
Abläschstrasse 79
8750 Glarus
T: 055 650 25 35
wortreich-glarus.ch/

 

Jagdrevier

Heinz Egger

Der Gang durch die Abläschstrasse in Glarus zeigt ein Stück Industriegeschichte. Aus der Ferne schon sticht der lange, geduckte Ständerbau mit Walmdach ins Auge. Unten bis über die Fenster besteht er aus verputztem Stein, darüber aus dunklem Holz. Darauf leuchten grosse, gelbe Tafeln: Buchhandlung, Antiquariat und dazwischen invers Wortreich.

Ich spähe durch eines der grossen Fenster ins Innere dieses Reiches der Worte. Ein grosszügiger, heller Raum ist es. Die gelb gestrichenen Deckenstützen und ein längs laufender Deckenbalken teilen das Innere in zwei Hälften rechts stehen die Kassentheke, dahinter eine Polstergruppe und dann ist es bis auf einen kleinen, mobilen PC-Arbeitsplatz leer. An der Decke hängt ein grosser Beamer. Weiter hinten leuchtet ein weisser Kasten mit der aufgerollten Leinwand darin. Am Boden darunter stehen ein paar Bühnenpodeste. Wortreich kann ja auch ein Film sein, eine Performance auf der kleinen Bühne. Bis zu 80 Personen finden Platz in dieser Raumhälfte.

Links, in Buchten angeordnet, steht das Antiquariat. Vorne beim Fenster steht quer im Raum die Buchhandlung.

Die Eingangstüre findet sich auf der der Strasse abgewandten Seite des Hauses. Sie leuchtet hellblau. Fenster im oberen Teil geben einen neuen Blick ins Innere frei: rechts die Gestelle der Buchhandlung, die kleine Bar, links ein Gestell mit Glarner Kunsthandwerk.

Unten links an der Tür hängt ein laminiertes Papier: Bitte keine Bücher hier ungefragt deponieren. Davor steht ein Christrosenstock voller Blüten.

Drinnen empfängt mich Helle und Wärme. Die Sonne scheint durch die grossen Fenster und füllt den Raum. Die Wände aus Backstein sind weiss getüncht, alles Holzwerk des Baus ist gelb gestrichen und glänzt fast golden im Sonnenlicht.

Wortreich - Bücher soweit das Auge reicht

Ich wende der Buchhandlung den Rücken zu und tauche in die Welt der Bücher aus zweiter Hand ein. Gestell reiht sich an Gestell, ein U bildend, dazwischen ein doppelseitiges Gestell. In solche Buchten verbergen sich die Schätze. Sie sind säuberlich geordnet und feingliedrig beschrieben. Man spürt, dass das Antiquariat vor allem die Literatur liebt: So steht da auf gelbem Träger und schwarzer Schrift auf weissem Papier: Nordamerika, Asien, Südamerika, Australien, Frankreich, Deutschland, Schweiz, Spanien, England, Italien, Russland, Südosteuropa. Dann Lyrik und Klassiker. über einem Gestell steht Buch auf Deutsch, Niederländisch und in kyrillischer Schrift, wohl Russisch. Hier sind jene Bücher versammelt, die unter anderen Kategorien keinen geeigneten Platz gefunden haben.

Aber das ist bei Weitem nicht alles. Ich lese weiter: Glarnerland und darunter Gesetze/Verordnungen, Bildung/Medizin, Gemeinden, Landschaft/Geologie, Heimatschutz/Gemeinnutz/Kultur, Literatur, Persönlichkeiten, Geschichten/Familien, Kunst/Bildbände.

In einem weiteren Gestell Medizin. Da steht neben einem Band „Innere Medizin“ von Mischo-Kelling/Zeidler das Manifest gegen Tierversuche „DieNackte Herrscherin“ von Hans Ruesch.

In den Bereich Musik vertiefe ich mich länger, hoffend, dass ich Taschenpartituren finde. Es sind keine da, aber viele Texthefte zu Opern. Schliesslich stosse ich auf eine Ausgabe „Das grosse Liederbuch“ von Anne Diekmann und Willi Gohl, erschienen 1975. Erstausgabe. Wir haben oft daraus gesungen und die spassigen Illustrationen von Tomi Ungerer bestaunt.

Weitere Rubriken sind Geschichte, Psychologie, Lebenshilfe, Religion, Technik und Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, Natur und Umwelt, Kunst, wo viele schöne Bildbände auf neue staunende Augen warten. Länder und Reisen, Hobby, Garten, Darstellende Kunst, Essen und Trinken, Sprache. Da stehen bloss einige ältere Duden-Bände. Alpinismus, Jugendliteratur, Krimi/Thriller, Sience/Fantasy, Freundschaft, Kunstgeschichte und schliesslich Trost mit vielen kleinen, handlichen Büchlein.

Ganz oben in einem Gestell an der Rückwand des Hauses warten zahlreiche Insel-Taschenbücher. Hier könnte mancher fündig werden, der seine eigene Sammlung mit verpassten Bänden ergänzen möchte.

Das Antiquariat wirkt sehr gepflegt. Die Eigentümerin von Wortreich, Christa Pellicciotta, bestätigt, dass viele Bücher eingereicht werden und dadurch eine stetige Erneuerung des Antiquariats stattfinde. Aus Platzgründen müssten dann halt auch Bücher entsorgt werden.

Um mich nach den vielen Eindrücken und dem langen Stehen etwas zu erholen, setze ich mich in die weiss bezogene Polstergruppe. Es tut gut, sich auf einem so bequemen Sitz niederzulassen. Hier könnte man Fundstücke nochmals beurteilen, etwas lesen und entspannen. An der kleinen Bar im Buchhandlungsteil gibt es Kaffee und kühle Getränke.

Während ich einige Gedanken niederschreibe, kommt ein Mann, gekleidet wie ein Jäger, mit seinem schwarzen Hund herein. Der Hund legt sich artig vor einem Büchergestell nieder und stützt den Kopf auf einer Pfote auf. Ein Kunde fragt, ob der Hund auch lese. Der Mann unter dem Jägerhut schaut auf und meint trocken: „Nein, in letzter Zeit nicht mehr. Meine Leyla ist schon 16“. Die Hündin hebt ihre mit grauen Haaren übersäte Schnauze etwas, sicher um die Rede zu bestätigen.

Brille für Eulen

Vielleicht sieht sie nicht mehr so gut? Im Buchhandlungsteil gibt es eine Auswahl an Lesebrillen. Leider nicht für Hunde, nur für Eulen.

 

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