Zwei Buchorte in Québec

Ecrire – lire – vivre

Michael Guggenheimer

Aussenansicht des Maison de la littérature in Québec

Mitten im historischen Stadtkern von Vieux-Québec ist am 8. Oktober 2015 das erste Literaturhaus von Kanada eröffnet worden. Getragen wird das Literaturhaus von der Stadt Québec sowie vom Institut Canadien de Québec, einer Kulturförderungsinstitution, deren Schwerpunkt im Bereich des Ausbaus von Bibliotheken in der Provinz Québec liegt. „Ecrire – lire – vivre“ lautet das Motto des grosszügig ausgestatteten Hauses. Das Innere der ausgedienten neogotischen methodistischen Weslyankirche an der steil ansteigenden Rue Saint-Stanislas wurde für den neuen Zweck radikal umgebaut, ein Nebenbau gleich nebenan dient als Erweiterung für die zahlreich benötigten Räume. Das Konzept erinnert durchaus an dasjenige des Literaturhauses der Museumsgesellschaft Zürich, wo Bibliothek und Literaturprogramm Hand in Hand gehen. Das Haus an der Rue Saint-Stanislas aber ist viel geräumiger und weist noch weitere Funktionen auf, wie eine öffentliche Bibliothek, ein Café, eine Dauerausstellung mit zahlreichen Hörstationen über die Literatur von Stadt und Provinz Québec, drei Schreibateliers, einen grossen und einen kleinen Veranstaltungsraum, eine Comicswerkstatt, ein Multimediaatelier, einen Ruheraum sowie ein literarisches Ganzjahresprogramm.

Das neue Literaturhaus, dessen Hauptaktivitäten der französischsprachigen Literatur gelten, ist Mitglied der französischen „Fédération des maisons d’écrivain et des patrimoines littéraires“. Mehrere Austauschprogramme mit Frankreich, mit PEN International und der Stadt Paris ermöglichen es französischsprachigen Autoren aus Übersee einen mehrmonatigen Schreibaufenthalt in Québec zu absolvieren. Während sich das Angebot der Bibliothek auf französischsprachige Literatur konzentriert, befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite einer Nebenstrasse die Morrin Library, die englischsprachige Bibliothek von Québec.

Grosszügiger, heller Lesesaal mit Wendeltreppe im Maison de la littérature, Québec

Eröffnet wurde die Maison de la littéature des Québec im Rahmen des von 20 000 Zuhörern besuchten sechsten Literaturfestivals „Québec en toutes lettres“ und gleichzeitig mit dem Jahreskongress von PEN International, an dem rund 300 Autoren aus 80 Ländern teilnahmen. Vielfältig ist das Programm des neuen Hauses. Die regelmässige Veranstaltung „Lecteurs du dimanche“ ist eine begleitete Leserunde, jede Woche finden in einer anderen Runde gemeinsame Entdeckungen in der Welt der Bandes dessinées statt, Lesungen von bekannten Autoren, ein weiteres Programm mit Lesungen von Autoren aus dem französischsprachigen Kanada gehören zum Programm ebenso wie Schreibwerkstätten für Jugendliche und Erwachsene, mehrsprachige Lyrikabende, Lyrikateliers, Workshops im Bereich des digitalen Schreibens und Slammer-Wettbewerbe. Das Literaturhaus von Québec gehört dem Verbund der zwanzig öffentlichen Stadtteilbibliotheken der 500 000 Einwohner zählenden Stadt an und bietet ebenso wie alle anderen Bibliotheken von Québec den Dienst „Biblio mobil“ an: Gehbehinderten Benützern im Alter von über 75 Jahren werden die Bücher auf Wunsch nach Hause gebracht und dort wieder abgeholt. Wer diesen Dienst beansprucht, erhält eine freiwillige Partnerperson, die die Bücher an einer der Stadtteilbibliotheken abholt. Während der Planungsphase gab es auch Widerstand gegen das grosszügige Projekt des Literaturhauses, dessen Umbau 14.6 Mio. kanadische Dollars (11 Mio. Schweizer Franken) kostete und dessen Betrieb etwa 1 Mio. Dollars (750 000 SFr.) im Jahr kosten wird. Doch Bürgermeister Régis Lebeaume meinte kurz vor der Eröffnung gegenüber der Lokalzeitung „Le soleil“: „Da wird wieder gemeckert, mir ist’s egal, das stört mich keineswegs. Seit acht Jahren sind wir daran, mehr in die Kultur zu investieren, wir bleiben dran“.

Maison de la littérature
40, rue Saint-Stanislas
CDN / G1R4H1 Québec (Québec)
www.maisondelalitterature.qc.ca

 

High Tea in the Library

Auf Stadtrundgängen im kanadischen Québec wird man regelmässig in ein herrschaftliches Gebäude in der Altstadt geführt, wo die dunklen Zellen eines alten Gefängnisses besichtigt werden können. Was die Besucherinnen und Besucher des Kerkers verpassen, befindet sich ein Stockwerk höher im selben Haus: Die wunderschöne und stimmungsvolle Morrin Library im viktorianischen Stil!

Blick in die altehrwürdigen Räume der Morrin Library Québec

Finanziell getragen von 500 Mitgliedern eines Vereins weist diese Bibliothek einen Bestand von 20 000 englischsprachigen Büchern in der französischssprachigen Stadt. Die Morrin Library ist die älteste noch bestehende Bibliothek Kanadas, gegründet im Jahr 1824 als eine wissenschaftliche Gesellschaft mit dem Namen „Literary and Historical Society of Québec (LHSQ)“. Die Morrin Library, das englischsprachige Kulturzentrum von Québec, liegt gleich neben dem neuen Literaturhaus der Stadt und strahlt im Gegensatz zum Literaturhaus keinerlei Modernität aus. Ein rechteckiger Saal mit einer Galerie, dessen Wände an vier Seiten mit Büchern gewissermassen tapeziert sind. Im Hauptraum die Belletristik, in einem kleinen Nebenraum die Sachbücher, die Biografien, die Bildbände und Literatur zu Québec und zu Kanada. Wer im Leseraum sitzen und lesen will, muss nicht Mitglied der Society sein und muss auch keine Gebühr entrichten. Gerade an kalten Wintertagen ist die Bibliothek mit ihren altmodischen schweren und grossen Heizkörpern ein wunderbar warmes Refugium. Ein Wasserkocher steht in einer Fensternische zur Verfügung. Die Bibliothekarin füllt den Kocher mehrmals im Tag mit Wasser, wer sich einen Tee zubereiten will, der zahlt 1.50 Dollar und kann ein Teesäckchen aus einer von drei Teesorten wählen. 20 kanadische Dollar im Jahr beträgt die Gebühr für eine Probemitgliedschaft für die Dauer eines Jahres. Vollmitgliedschaft erwirbt, wer 45 Dollar im Jahr zahlt und nach dem Probejahr Mitglied werden will. Besucher der Stadt, die nur während kurzer Zeit Bücher ausleihen wollen, zahlen eine symbolische Gebühr von 5 Dollar. Einzig eingeschriebene Mitglieder dürfen hier Bücher ausleihen.

Das Besondere an der Bibliothek ist der reiche Bestand an englischsprachiger Belletristik und die Inneneinrichtung des Leseraums mit seinem Nebenraum, die beide gleichzeitig den Gesamtbestand der Bibliothek aufweisen und die keine weiteren Magazinräume besitzt. Man sitzt an einem der grossen Tische und kann angesichts des Gesamtbilds, das sich da einem bietet, kaum glauben, dass der Katalog dieser Bibliothek elektronisch sogar zuhause abrufbar ist. Wer hier lesend einige Stunden verbringen will, der kommt sich zurückversetzt in eine Bibliothek aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts vor. Breite Tische, bequeme Sessel wie in einem englischen Clubraum, ein knirschender Parkettboden, eine Bibliothekarin hinter einem mächtigen Pult, eine Wendeltreppe zur Galerie hinauf, die so wackelig ist, dass nicht einmal die Bibliothekarin die Treppe mehr benutzt. Wer nach oben will, um sich dort die Bestände anzuschauen und Bücher auszuwählen, der muss die Haupttreppe des Hauses benutzen, um über eine zweite Treppe auf Umwegen in die Galerie zu gelangen. Auf einem Sockel auf Galeriehöhe ist die Holzplastik eines englischen Generals zu sehen. Es ist General James Wolfe, der in einer bloss zwanzig Minuten währenden Schlacht auf der Abrahamsebene ausserhalb von Vieux Québec im Jahr 1759 tödlich verwundet wurde. Tröstlich für die englischen Truppen war, dass sein französischer Rivale, General Louis- Joseph de Montcalm, einen Tag nach der Schlacht ums Leben kam. Als Folge der Schlacht gaben die Franzosen die Stadt auf und ihre verbliebenen Truppen in Nordamerika gerieten unter immer stärker werdenden Druck der Briten. Zwar kämpften die Franzosen nach der Eroberung Québecs weiter und behielten in einigen Gefechten die Oberhand, doch die Briten gaben die strategisch wichtige Stadt nicht mehr preis. Genau unter dem General befindet sich eine gemütliche Sitzgruppe mit einem breiten Sofa. Ein Hinweis an der Metallsäule hinter dem Sofa bittet die Besucher in zwei Sprachen darum, das Sofa genauso vorsichtig zu benutzen wie man als Kind auf Grossmutters Knien gesessen war.

Zusätzlich zur Bibliothek weist das Gebäude weitere Räume auf. So auch die College Hall, wo Lesungen und Konzerte stattfinden. Von Mitte Juni bis Anfang September findet übrigens im Bibliotheksraum jeweils am Freitag, Samstag und Sonntag um 16 Uhr eine Teestunde statt: Eine junge Dame und ein junger Herr, beide so gekleidet wie man zur Zeit von Königin Victoria ausgesehen hat, servieren ausgesuchte Teesorten und Gebäck von einer der besten Konditoreien der Stadt. „We highly recommend reserving tickets ahead of time“, heisst es in der Anzeige der Bibliothek. Die Bibliothek kann übrigens ausserhalb der Öffenungszeiten für private Anlässe gemietet werden: „Imagine your cocktail surrounded by 20,000 books“ lautet die Werbung für einen Empfang in einer stilvoll-intellektuell wirkenden Atmosphäre, von der man auch profitieren kann, wenn man keines der 20 000 Bücher je gelesen hat.

Morrin Centre
44 Chaussée des écossais
CDN/ GIR 4H3 Quebec City
www.morrin.org/en

 

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