Monthly Archives: Februar 2020

Stiftung Lyrik Kabinett, München

Ein Haus für Gedichte

Michael Guggenheimer

Lyrik hat es nicht leicht. Die Auflagen von Lyrikbüchern sind im Vergleich zu solchen von Romanen winzig. Zwar führen viele Buchhandlungen ein Gestell oder zumindest ein oder zwei Tablare mit Lyrikbänden. Aber ein grosses Geschäft sind Gedichte nicht. Und dann noch die Lyrikveranstaltungen: In der Masse der Lesungen aus Romanen und Diskussionsveranstaltungen zu Sachbüchern gehen sie fast unter. Nicht so in München. Im Innenhof der Amalienstrasse 83 und unweit von der Universität gibt es einen Ort, den man als Mekka der Lyrik im deutschsprachigen Raum bezeichnen kann: 65 000 Medien zur Lyrik führt die Institution mit Namen Lyrik Kabinett. Etwa 45 Lyrikveranstaltungen im Jahr finden hier statt. Zwischen 1989 und Ende 2019 waren es 1200! Im Lyrik Kabinett kann man Reisen durch die Welt der Gedichte machen, nicht nur der deutschsprachigen. Und hier kann man nicht nur die zeitgenössische Lyrik kennenlernen, Lyrik aus vergangenen Zeiten ist hier auch präsent.

Lyrik Kabinett von aussen

Doch der Reihe nach. «Lyrik Kabinett. Bibliothek für internationale Poesie im Innenhof», steht auf dem Schild eines Einfahrtstores an der Amalienstrasse. Gleich daneben ist das Monatsprogramm in einem Schaukasten angeschlagen. An den Wänden auf dem Weg zum Innenhof Gedichtzeilen in Grossformat zu beiden Seiten der Einfahrt. Manche Bodenplatten tragen die eingestanzte Aufschrift Poesie. Und hat man die gedeckte Einfahrt passiert, steht man in einem Hinterhofgarten vor einem hellen zweistöckigen Glaskubus, dem wichtigsten Hort der Lyrik im deutschsprachigen Raum. Etwas mehr als dreissig Jahre sind es her, seitdem es das Münchner Lyrik Kabinett gibt. Angefangen hatte es mit einem auf Lyrik und Künstlerbücher spezialisierten Buchladen, den Ursula Haeusgen eröffnet hatte. Drei Jahre dauerte die Existenz dieses Buchladens. Haeusgen mochte die Bücher nach der Schliessung nicht einfach weggeben und führte sie über in eine Stiftung, die heute das Lyrik Kabinett betreibt. Ohne finanzielle Zuwendungen der Stifterin an diese Institution wäre es nicht zur Neugründung gekommen, gebe es den Ort nicht, den mittlerweile auch die Stadt und einige Firmen unterstützen.

Mit der National Poetry Library in London und mit den französischen Maisons de la poésie lässt sie der Ort vergleichen. Sechs Personen arbeiten im Lyrik Kabinett. Die Präsenzbibliothek dient Studierenden, Forschenden, Journalisten und Freunden der Lyrik, die hier Zugang zu Büchern finden, die man mitunter an anderen Bibliotheken vergebens sucht. Die gesamte Produktion deutscher Lyrik, sofern sie nicht in kleinen Selbstverlagen erschienen und wieder verschwunden sind, werden hier gesammelt. Ebenso Lyrik in fremden Sprachen, sofern sie ins Deutsche übersetzt wurde. Wolfgang Berends, Bibliothekar, Haustechniker und Faktotum im Haus, ist selber Lyriker. Seine Frau hat hier mit Büchern des Kabinetts ihre Dissertation geschrieben. Am Tag unseres Besuchs beendet gerade die englische Dichterin Nancy Campbell ihre Forschungsarbeit im Kabinett: Als Fellow im Internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg ist sie mehrere Tage lang in München an der Arbeit gewesen. In England hat sie Unterlagen nicht gefunden, die in München vorhanden und für ihre neue Publikation wichtig sind. Vor kurzem hat sie ihren neusten Gedichtband «The Library of Ice: Readings from a Cold Climate» veröffentlicht. Auf dem Cover steht, der Band sei “a cultural history of ice, and a memoir of travels in a changing world”. Lyrik in der Zeit der Klimakrise. Hochaktuell. Elf internationale Stipendien in Sachen Lyrik hat sie bereits erhalten, vor kurzem weilte sie zwei Monate in der Schweiz in der Fondation Jan Michalski.

Holger Pils, Leiter der Bibliothek, führt am Abend, an dem wir das Kabinett besuchen, den Münchner Übersetzer Simon Werle ein, der «Die Blumen des Bösen» von Charles Baudelaire neu ins Deutsche übertragen hat. Der Veranstaltungsraum ist voll, 80 Besucherinnen und Besucher hören Ausschnitte aus der französischen Originalversion und die deutsche Übersetzung. Die meisten Veranstaltungen des Lyrik Kabinetts sind mit 65 bis 80 Zuhörenden gut besucht. Wer meint, Lyrik fände heute kein Interesse, der wird hier eines Besseren belehrt.

Schachtel mit Gedichtteilen, die neu arrangiertwerden können

In den Gestellen und Schaukästen des Kabinetts sind Sprachkunstwerke ausgestellt. Die niederländische Dichterin Judith Herzberg hat eine Bleistiftdose aus Metall in München gelassen, in der nummerierte bedruckte Kartonstreifen liegen, die man zu Gedichtsgeschichten neu zusammenstellen kann. Vorsichtig öffnet Bibliothekarin Katharina Schwerk die Metalldose und setzt ein niederländisches Gedicht neu zusammen. Bibliothekar Berends holt aus einer Vitrine ein dreidimensionales Kunstwerk, das Dichter Sergej A. Yakunin aus Russland beigetragen hat, ein Unikat mit dem Titel «A man came out of his place». Es ist eine Sammlung von Miniatur-Bühnenbildern mit beweglichen Figuren und Texten von Daniil Charms, versteckt in Schubladen, die als Buchrücken gestaltet in einem Anhängerwagen Platz finden und die geöffnet werden können und in denen Bilder und Texte zu sehen sind. In den Vitrinen neben den Rollgestellen, die mit Lyrikbüchern gefüllt sind, sind Leporellos und Gedichtzeichnungen zu sehen, in Bilderrahmen Gedichte, die nicht nur wegen der Sprache, sondern auch wegen der typografischen Gestaltung faszinieren.

Ich, der ich wenig Lyrik kenne, notiere mir die Namen von Schweizer Lyrikern und suche ihre Werke in den Gestellen. Die Schweiz ist reich vertreten in München: Eugen Gomringer, Urs Allemann, Clo Duri Bezzola, Fred Kurer, Irène Bourquin, Werner Lutz, Kurt Aebli, Rainer Brambach, Erika Burkart und viele andere mehr sind da! Um mich auf der Rückfahrt mit Lyrik zu beschäftigen, kaufe ich noch das Jubiläumsbuch der Stiftung. Es ist eine wunderbare Anthologie zum dreissigsten Jubiläum des Lyrik Kabinetts. mit Werken bekannter und neue, eigens für dieses Buch geschriebene Gedichte von Autorinnen und Autoren, herausgegeben vom Lyriker und Verleger Michael Krüger und Holger Pils. «Im Grunde wäre ich lieber Gedicht» heisst der hellblaue Band. Die Gedichte sind nach Jahren geordnet, an denen die Dichter im Kabinett aufgetreten sind. Unerhört reichhaltig das Register mit den Namen all jener, die in München zu hören und zu sehen waren. Und was wunderschön ist: Gedichte, die in einer anderen Sprache verfasst wurden, sind in der Originalsprache und in der Übersetzung vertreten. Und unten auf den Buchseiten befindet sich eine Art Kalendarium, in dem alle Daten und alle Dichter, die im Haus aufgetreten sind, vermerkt sind. Unglaublich dieser Reichtum an Gedichten. Man blättert sich durch die Sammlung und nimmt sich vor, häufiger Gedichte zu lesen, öfters an Lyrikveranstaltungen zu gehen und beim nächsten Aufenthalt in München wieder im Lyrik Kabinett vorbeizuschauen.

Stiftung Lyrik Kabinett
Amalienstrasse 83a
80799 München
T: 0049 89 345395
www.lyrik-kabinett.de

Kunst im und am Buch

Heinz Egger

Es war anlässlich von Zürich liest 2019. Als wir mit einer Gruppe Leuten zu sechs Buchhandlungen im Kreis 4 der Stadt Zürich spazierten, begleitete uns eine Studentin aus Berlin. Sie weilte gerade für ein Erasmus-Semester an der Universität Zürich und schrieb für die Plattform „Schweizer Buchjahr” auch über diesen Spaziergang (Berge, Comics, Mittelmeer). Unterwegs zwischen den Buchorten kamen wir natürlich ins Gespräch und die Frage nach beschreibenswerten Buchorten lag da sofort nahe. Elisa Weinkötz musste nicht lange überlegen. Sie empfahl in München das Lyrik Kabinett. Es sei ein Ort mit lauter Gedichten…

„Ein Haus für Gedichte, das scheint eine ebenso schöne wie bei näherer Überlegung schwer zu verwirklichende Idee zu sein”, sagte der Schriftsteller und Lyriker Martin Mosebach an der Eröffnungsrede des Lyrik Kabinetts 1989. Die in dieser Rede ebenfalls gestellte Frage, ob man ein Haus oder auch nur eine Wohnung mit genügend guten Gedichten füllen könne, kann man heute nach über 30 Jahren, in denen das Lyrik Kabinett besteht, sicher mit Ja beantworten.

Das Lyrik Kabinett war damals eine Buchhandlung, die nur Lyrik und ausgesuchte Künstlerbücher anbot. Die Gründerin war Ursula Haeusgen. Als die Buchhandlung 1994 schloss, schenkte sie den Bestand als Grundstock für eine Bibliothek der Lesegesellschaft Lyrik Kabinett. 2003 richtete Ursula Haeusgen die Stiftung Lyrik Kabinett ein und diese Stiftung baute auf einem Grundstück der Ludwig-Maximilians-Universität das heutige Lyrik Kabinett.

Das Grundstück liegt innerhalb einer Blockrandbebauung. Durch ein Tor gelangt man von der Amalienstrasse in den Hof. Der Weg unter dem Haus durch ist mit rechteckigen Betonsteinen gepflästert. Und immer wieder trägt ein Stein die Aufschrift „Poesie”. Am Ende des Gangs wird der Blick frei auf ein zweistöckiges Haus mit Glasfront. Durch die Scheiben sind im linken, zweistöckigen Teil Büchergestelle sichtbar, durch die Eingangstüre erblickt man einen längeren Gang mit einer Rollgestellanlage.

Obwohl wir uns wie üblich nicht vorher angemeldet haben, nimmt sich Wolfgang Berends viel Zeit, uns von der Geschichte des Hauses, den Veranstaltungen und den Beständen zu erzählen. Er stellt sich als „Mädchen für alles” vor, ist aber der Leiter der Bibliothek. Nun, bei einem kleinen Team von sechs Personen, die die meisten nicht Vollzeit arbeiten, fallen sicher für alle mehr Arbeiten ab als die zugedachte Hauptrolle.

Künstlerbuch von Yakunin: Gefährt für zwei Bücher

In Vitrinen sind einige Künstlerbücher ausgestellt. Diese Objekte sind eben auch poetisch, beispielsweise jenes „Fahrzeug”, das Sergej Yakunin aus Pappmaché und anderen Materialien als Schuber für zwei Bände mit illustrierten Texten von Daniil Charms geschaffen hat. Mit Begeisterung demonstriert Wolfgang Berends dieses einzigartige Kunstwerk.

In den Rollgestellen lagern über 60 000 Medien. Sie sind darin alphabetisch in vorliegender Sprache eingeordnet. Und jedes Jahr kommen gegen 2000 neue Medien dazu. Gesammelt werden nicht nur Bücher, sondern auch CDs, DVDs, Veranstaltungsmittschnitte und Zeitschriften. Alles, auch die Künstlerbücher, sind in einem hauseigenen, online zugänglichen Katalog erfasst. Dabei werden die über 50 laufenden Zeitschriften auch bibliographisch ausgewertet. Der Katalog ist auch über OPAC der Ludwig-Maximilians-Universität zugänglich. Die Lyrik Bibliothek gilt denn auch als Teil der Universitätsbibliothek. Ihr Bestand ist allerdings ein reiner Präsenzbestand. Aus diesem Grund gibt es in einem schmalen Gang parallel du den Rollgestellen vier Arbeitsplätze. Gerade recherchiert eine Forscherin aus England hier. Sie greift auf den Bestand des Lyrik Kabinetts zu, weil die National Poetry Library  in London nur Gedichte auf Englisch sammelt. In München ist sehr viel auch in der Originalsprache vorhanden.

Bei den Arbeitsplätzen hängen an der Wand schöne Bilder in hebräischer Schrift. Sie stammen aus dem Haidholzener Psalter von Josua Reichert, der unter der Mitwirkung von Karl Neuwirth entstanden ist. Wolfgang Berends bringt auf Nachfrage umgehend das Buch dazu, das im Deutschen Kunstverlag München und Berlin 1988 erschienen ist. Der Psalter, das Buch der Psalmen, versucht, einen wichtigen Teil der hebräischen Poesie optisch begreiflich zu machen, wie es im Text zur Ausstellung der Drucke im Jüdischen Museum Hohenems heisst. Reichert experimentiert dabei mit verschiedenen Schriften, Farben, Gestaltungen und Papieren.

Die Wände des Lyrik Kabinetts sind selbst hinter den Rollgestellen mit zahlreichen grossformatigen Porträts in Schwarz-Weiss dekoriert. Es sind alles Autorinnen und Autoren, die an diesem Ort aufgetreten sind. Wolfgang Berends kann sie alle benennen. Aber es gebe auch eine Liste dazu, denn alle Bilder tragen eine Nummer.

Anschliessend an die Arbeitsplätze öffnet sich ein weiterer Raum, der mit jenem mit den Rollgestellen durch Bögen verbunden ist. Die Wand gegenüber den Bögen nimmt ein sehr hohes, vergittertes Gestell ein. Es ist voller Bücher. Das Gitter erinnert an die Gestelltüren in Klosterbibliotheken. Nein, es sei nicht der „Giftschrank”, sagt Wolfgang Berends, es sei die Idee des Architekten gewesen.

Veranstaltungssaal, Durchblick durch die Bögen auf die Rollgestelle

Weisse Stühle stehen in Reihen auf dem dunklen Boden. Der Saal ist vorbereitet für die abendliche Veranstaltung, die sich einer Neuübersetzung der „Fleurs du mal” von Charles Baudelaire durch Simon Werle widmet. Pro Jahr finden etwa 45 Veranstaltungen statt.

Jubiläumsbuch zu drei Jahrzehnten Poesie

Dies riesige Zahl der Lyrikabende in den vergangenen 30 Jahren bilden denn auch das Reservoir, aus dem ein Jubiläumsbuch geschöpft wurde. Ein blauer Leinenband mit dem Titel „Im Grunde wäre ich lieber Gedicht”, herausgegeben von Michael Krüger, Autor und ehemaliger Verleger Carl Hanser Verlag, und Holger Pils, dem Geschäftsführer des Lyrik Kabinetts. Für jedes Jahr gibt es darin einen Abschnitt, getrennt durch blaues Papier, so dass im Schnitt quasi die Jahrringe sichtbar werden. Eine wunderbare Anthologie, mit deutschen Gedichten, deutschen Übersetzungen und den zugehörigen originalsprachlichen Texten.