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IKMZ der BTU Cottbus – Senftenberg (D)

Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum
Brandenburgische Technische Universität, Cottbus
Platz der Deutschen Einheit 2
03044 Cottbus
T : 0049 355 69 2063
www.b-tu.de/ikmz/



Zum Text von Heinz Egger

Schrill und wissenschaftlich

Michael Guggenheimer

Es gibt berühmte moderne Bibliotheken, die Wallfahrtsorte für Freunde der zeitgenössischen Architektur sind. Die Binhai-Bibliothek in der chinesischen Stadt Tianjin ist ein solcher Ort. Die Bibliothek der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich, die Seattle Central Library, die Stadtbibliothek am Mailänder Platz in Stuttgart und die Dokk1 im dänischen Aarhus gehören in eine Reihe von spektakulären Gebäuden, die von berühmten Architekten entworfen wurden.

Solitär auf der Wiese, Fassade mit Buchstaben

In der Regel befinden sich diese Bibliotheken in grossen Städten. Die knapp 100 000 Einwohner zählende Stadt Cottbus im Osten Deutschlands gehört aber gewiss nicht in den Kreis der bevölkerungsreichen Städte. Ein Reiseziel ist Cottbus trotzdem seit langem schon wegen des am Rande der Stadt gelegenen Landschaftsparks Branitz, den Hermann Fürst von Pückler-Muskau ab 1844 hat erstellen lassen. Und dann gibt es in Cottbus durchaus noch eine zweite Sehenswürdigkeit: Es ist die auf einem niedrigen Hügel gelegene Universitätsbibliothek Cottbus-Senftenberg im Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum (IKMZ) auf dem Campus der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) mit seinen 600 Lese-, Lern- und Katalogplätzen.

In der Bibliothek stehen über 1,2 Million Medien, über 580 laufende Zeitschriften sowie über 22 000 elektronische Zeitschriften und fast 100 000 digitale Dokumente (CD‐ROM, DVD, E‐Books) zur Verfügung. Das Gebäude ist eine Art Solitär in der Stadt sowie in der Bibliothekslandschaft. Entworfen vom Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron, dem Träger des architektonischen Nobelpreises, des „Pritzker“. Nicht unerwähnt bleiben darf der Name der Projektarchitektin: Christine Binswanger. Die Bibliothek besticht bereits von aussen als 32 Meter hoher, schimmernder Bau mit gekurvtem Grundriss und vier unterschiedlich großen Ausbuchtungen, bei dem keine Vor- und Rückseite, keine Schaufront erkennbar ist. Man geht auf das so ungewöhnliche Turmgebäude zu, das eine weithin sichtbare eine Landmarke darstellt und erkennt eine bedruckte Glasfassade, deren Muster weisse Buchstaben aus verschiedenen Schriften besteht.

Graue Metallgestelle, himbeerroter Boden, Aussenseite gebogen

Absolut ungewöhnlich ist das Innenleben dieser Bibliothek. Es ist nicht eine unglaubliche räumliche Grosszügigkeit des Hauses wie etwa in Tianjin oder Stuttgart, die beim Betreten und Durchwandern des Gebäudes den Atem stocken lässt.

Feuerrot und Königsblau stossen aneinander und spiegeln sich in der Gitterdecke

Es ist eher die ausgefallen schrill, frivole Farbgestaltung der Innenoberflächen, bei der man spontan nicht an eine Bibliothek denkt, eher an den Sitz einer jungen kreativen Internetfirma oder an das Design der Apple-Computer: Stützen und Bodenbeläge sind in Gelb, Hellgrün, Magenta, Zinnober und Dunkelblau gehalten und spiegeln sich in den Decken aus Streckmetall und in den Informationstheken aus weißem Schleiflack. Eine Wendeltreppe mit massiver Brüstung führt vertikal durch das ganze Haus, elegante spiralförmige Kronleuchter in hohen Räumen geben dem Interieur eine noble Note. Die Form des nicht-rechteckigen Baukörpers ermöglichte die Schaffung einer Vielzahl von unterschiedlich großen, nach verschiedenen Seiten orientierten und verschiedene Ausblicke gewährenden Lesesälen. Die geschwungene Wendeltreppe verleiht dem Gebäude eine Dynamik, durchaus auch etwas Junges.

Wendeltreppe aussen himbeerrot, innen giftgrün

Es ist nicht die weisse Eleganz der Stadtbibliothek Stuttgart, die einem hier begegnet oder die reservierte Vornehmheit der juristischen Bibliothek der Universität Zürich. Es ist eine kraftvolle Note, die einem bewusst wird, wenn man im obersten Stockwerk des Hauses steht und nach aussen in die Stadt schaut, die einem eher etwas langweilig und provinziell mit ihren niedrigen Wohnhäusern dünkt. Die starken Farben im Innern des Baus, so die Neue Zürcher Zeitung zum Zeitpunkt der Eröffnung, erinnern an «psychedelisch anmutende Farbwirbel». Davon ausgenommen sind nur die Lese- und Studierräume, die in Grau und Weiß ruhig gehalten werden. Was man beim Durchwandern des Gebäudes kaum glauben mag: Nach dem Architektur-Wettbewerb 1993 mussten die Architekten 1999 ihren Entwurf wegen Finanz-Engpässen des Auftraggebers mehrmals einschneidend reduzieren. Dass dennoch ein wunderbares Gebäude mit einem unverwechselbaren Gesicht entstanden ist, zeugt von der Kreativität und Anpassungsfähigkeit der Architekten, auch in kritischen Situationen etwas Besonderes entstehen zu lassen. Das Gebäude wurde 2004 fertiggestellt und gewann folgende Auszeichnungen: 2006 Bibliothek des Jahres und ein Jahr später den Deutschen Architekturpreis.

Im Bücherturm

Heinz Egger

Sonntag. Studentische Ferienzeit. Es ist sehr ruhig. Es ist sogar gespenstisch ruhig. Die beiden Sicherheitsleute am Eingang haben nicht viel zu tun. Sie gehen davon aus, dass die Bibliothek am Montag wegen Sars-Cov-2 geschlossen wird.

Lesesaal, Leuchter aus metallenen Spiralen, Absperrbänder

Diese „leere” Bibliothek wäre ein guter Ort für Architekturfotografen. Endlich könnte man sich im menschenleeren Haus da hinstellen, dort über eine Brüstung lehnen, dann von jenem Winkel aus mit etwas Zoom den Lesebereich aufnehmen. Aber da würde gerade im letzten Fall etwas ziemlich stören: Alle Bereiche, in dem sich mehrere Leute versammeln könnten sind mit rot-weiss gestreiften Plastikbändern abgeschlossen. Alle Tische sind leer bis auf die Lampe und den dunklen Bildschirm bei Recherchestationen. Alle Stühle stehen säuberlich vor jedem Platz.

Steller und Aufkleber an anderen Orten geben Auskunft, wie die Bibliothek in Zeiten eines aggressiven Virus‘ zu nutzen ist: Namenslisten mit Kontaktdaten bei einer Sitzung mit mehr als 10 Leuten. Die Listen sind bis auf weiteres aufzubewahren – damit im Fall einer Infektion mittels Contact-Tracing die Infektionskette unterbrochen werden könnte. Ausleihe und Rückgabe geschehen nur über Automaten, die Präsenzbestände sollen im Erdgeschoss genutzt werden. Einzig die als Carrel oder Arbeitskabinen bezeichneten Arbeitsplätze und jene an den Balustraden sind offen.

Das Haus ist für sich schon eine gewagte Konstruktion. Die Aussenhülle verläuft in einer kurvigen Form, der Grundriss gleicht einer Amöbe. Selbst die Orte, wo Infrastruktur, wie Aufzüge, Fluchttreppen und Toiletten eingebaut ist, sind kreisrund. Der rechte Winkel ist den grauen Metallgestellen, den Tischen und den Büchern vorbehalten. Die knalligen Farben sind der andere, gewagte Teil des Baus der Architekten Herzog & de Meuron aus Basel. Goldgelb, Giftgrün, Königsblau, Feuerrot und Himbeerrot. Die starken Farben leuchten auf dem glatten Boden und an den Wänden. Sie spiegeln sich in den metallenen Gittern an den Decken. Einzig das Zusammentreffen von Feuerrot und Himbeerrot beleidigt das Auge. An einer bestimmten Stelle der Etage treffen immer zwei Farben aufeinander. Eine scharfe Linie läuft auf der ganzen Gebäudelänge über den Boden. Starke Lampen bringen die Farben im Innern des Hauses zum Leuchten. Die Säulen der Aussenhülle entlang sind weiss, jene im Innern tragen die Farbe des Bodens, auf dem sie stehen. Das Farbkonzept ist streng durchgezogen, es betrifft sogar die Aufstiegshilfen vor den Gestellen.

Sieben Etagen umfasst das Haus. Die Nutzungsfläche beträgt 7630 m². Es gibt Raum für mehr als 1,2 Millionen Medien aus den Studienbereichen Geistes- und Sozialwissenschaften, Wirtschaft und Recht, Architektur und Bauingenieurwesen, Technik, Naturwissenschaften und Umwelt, Mathematik, Physik und Informatik. Auf allen Etagen gibt es in vielen Gestellen noch Platz für zahlreiche weitere Medien. Und wer hat den schönsten Platz im Haus? – Die Verwaltung, zuoberst im Bücherturm.

Vom Kellergeschoss bis zum obersten Stockwerk führt eine frei stehende Wendeltreppe. Sie läuft um eine imaginäre Säule. Von zuoberst bietet sie einen spektakulären Blick in die fast unendliche Tiefe. Die Spirale des inneren Handlaufs dreht sich grün hinab und endet auf dem grünen Boden des Untergeschosses. Es ist, wie ein Blick in einen beleuchteten Schacht, auf dessen Grund algengrünes Wasser steht. Die Aussenseite der Treppe ist himbeerrot gestrichen, die Innenwand giftgrün. Die Treppenstufen sind schwarz. Auf jeder Etage sind beim Ausgang aus der Treppe die Themen der Etage aufgelistet. Die Treppenspirale gibt unzählige fantastische Blicke frei, nicht nur in die Etagen, die Gestelle und Arbeitsbereiche, sondern auch auf die Architektur des Hauses.

Der grösste Teil der Arbeitsplätze befindet sich aussen, den geschwungenen Fenstern entlang. Sie sind hell und empfangen ein diffuses Licht durch die bedruckten Glasplatten der vorgehängten Fassade. Aus der Ferne sind im Aufdruck Buchstaben sichtbar, aus der Nähe sind es bloss Punkte. Zur Schalldämpfung ist der Boden mit dunklem Teppich belegt und der Raum ist zwei Etagen hoch. Von der Decke hängen als Wiederaufnahme der Treppe Leuchter aus einer Metallspirale. Dadurch wirken diese Teile eher kühl.

Ruhezone: grüne Sessel, gelber Boden, Arbeitsplätze

An der Brüstungswand bei einem der Einzelarbeitsplätze steht mit Bleistift hingekritzelt: I see the window and I want to paint it black. Da muss jemand verzweifelt in Sehnsucht nach Licht und Luft hinausgeschaut haben. Sein Auge wird an den Häusern, den Dächern und Bäumen in der Umgebung gehangen haben, auch wenn diese durch die bedruckten Glaselemente der Fassade nur schemenhaft aufscheinen. Jemand hat unter das Wort „black” „green” geschrieben. – Vielleicht hätte sich der „Schwarzmaler” nur für eine Pause in die Caffeteria oder mit einem Snack aus dem Automaten in einen der grünen Sessel in der Zone fürs Entspannen und Reden begeben müssen, denn er hätte sich da auf gelbem Boden sicher wie auf einer Löwenzahnwiese gefühlt.