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Büchers Best, Dresden (D)

Büchers Best, Louisenstr. 37, 01099 Dresden
T: +49 351 801 508 7
buechersbest.buchkatalog.de



Zum Text von Heinz Egger

Passion für Bücher

Michael Guggenheimer

Jörg Stübing an seinem Arbeitsplatz

Jörg Stübing ist gelernter Maschinenbauer. Technische Kybernetik, Philosophie und Editionswissenschaft hat er auch studiert. Zwischendurch hat er als Möbelträger und Trockenbauer sowie beim Forst gearbeitet. Er stammt aus Magdeburg, doch seine Liebe gilt Dresden. Seit 2002 betreibt er an der quirligen Louisenstrasse in der Dresdner Neustadt einen literarischen Buchladen mit dem Namen Büchers Best. Angesichts seiner Interessen ist der Begriff «literarisch» wohl zu eng gefasst. Politik, Soziologie, Umwelt sind nicht minder in den Büchergestellen vorhanden. Jedes Buch ist in einem Exemplar bloss vertreten, Bestseller-Bücherberge gibt es bei ihm nicht. Dafür Büchergestelle, in denen die Bücher dicht an dicht neben einander stehen. Und was auffällt: Stübings Bücherladen bietet auch Bücher an, die man sonst nur noch selten in Buchhandlungen antrifft. Denn hier wird nicht nur das Neue und Aktuelle angeboten, hier werden auch Bücher mitgeführt, die anderswo schon aussortiert wurden. Guter Erzählstoff, so die Überzeugung des Buchhändlers, halte sich locker über 50 Jahre.

Eine Ausbildung zum Buchhändler hat Stübing keine absolviert. Weshalb auch? Der Mann ist so belesen, er kennt sich so gut in mehreren Gebieten der Literatur aus, dass man nach dem Entscheid für ein Buch den Laden regelmässig mit weiteren Büchern verlässt, die er empfohlen hat. Stübing ist eine Art Privatgelehrter mit einem unglaublichen Wissen und mit einer Passion für Bücher. »Stü«, wie die Stammkunden ihn nennen, im Laden mit brauner Wollmütze, hellblauem Hemd und einer ausgesucht altmodisch schönen braunkarierten Weste und kurzem Leninbart, verkauft nur Bücher, die er selbst mag und für gut befindet. Kommt man mit ihm ins Gespräch, was schnell passieren kann, staunt man über sein Bücherwissen. Sein Arbeitstisch steht leicht schief im grösseren der beiden kleinen Verkaufsräume. Ein Imitat einer alten Schreibtischlampe, der Computer, das Brillenetui mit der Abbildung der Görlitzer Barockbibliothek, Bestellzettel und Bücher vor sich. Auf der Verlängerung des Tisches ein weiches rotes Kissen. Hier darf sich Myamoto Musashi, der Ladenkater, ausruhen. Der rote Stubentiger habe auch einen eigenen Facebook-Account, sagt Stübing. Myamoto darf nachts den Laden bewachen, er legt sich manchmal im Schaufenster hin oder lässt sich gerne von Kunden kraulen.

Blick durch den grösseren Raum zum Eingang

Stü beobachtet seine Kunden sehr genau. Und er scheint sie wirklich gut zu kennen. 60 bis 70 Prozent der Bücherkäufer in seinem Laden seien Stammkunden, sagt er. Dass dies dereinst so im Ausgehviertel Neustadt sein würde, hat er nicht ahnen können. Der Mann hat einen besonderen Blick, er sieht, welche Bücher man aus dem Regal nimmt und hat mit den Jahren ein gutes Händchen dafür entwickelt, was Kunden sonst noch so interessieren könnte. Der Zufall will, dass ich im Laden stehe und zuhören kann, wie sich ein Paar danach erkundigt, ob das Buch «Bergsteigen im Flachland» von Urs Mannhart lesenswert sei. Nun ist der Schweizer Mannhart im Osten Deutschlands wirklich kein bekannter Autor. Stübing aber kennt die Entstehungsgeschichte des Buchs sehr genau, kennt den Inhalt des Romans, kann Details zum vorübergehenden Verkaufsverbot erzählen, die ich als guter Bekannter des Autors bestätigen kann. Der Laden ist so klein, dass man hier jedes Gespräch mitbekommt: Cal Newports «Digitaler Minimalismus» wird einem anderen Kunden mit ebenso grosser Detailkenntnis erläutert wie eine Empfehlung an einen Kunden, der gerade Harper Lees «Wer die Nachtigall stört» gelesen hat und Bücher aus derselben Epoche der amerikanischen Romanliteratur zum Themenkreis Kindheit, Heranwachsen und Rassismus in den Südstaaten der USA sucht.

Stübings Laden, zwei Räume voller Bücher, ein Büroraum und eine Küche, weist knappe 35 Quadratmeter auf. Buchhändlerin Susanne Roth, einst als beste Buchhändlerin Sachsens ausgezeichnet, steht ihm zur Seite. Und wenn sie nicht im Laden ist, dann ist auch noch Studentin Eva Marie Hempfling da, die neue Kunden durch die beiden Buchräume führt und erläutert, welche Themenbereiche sich wo befinden und nachfragt, ob man Kaffee oder Tee trinken möchte. Als sie aus der Küche mit dem Espresso kommt, den sie auf einer kleinen orientalischen Tischplatte hinstellt, erweist sie sich zudem als sehr diskret-diplomatisch: Befragt wie sie das Dresdner Buchhaus Loschwitz von Susanne Dagen finde, meint sie lachend: «Zu anderen Buchhandlungen äussere ich mich nicht, hier gibt’s genug zu erzählen».

Stü sei, so seine Worte, «wie die Jungfrau zum Kinde» zum Laden gekommen. Früher betrieb er in Dresden eine Kunstgalerie. Eines Tages berichtete einer seiner Künstler, dass ein Buchhändler zwei Jahre nach Geschäftseröffnung seinen Laden wieder aufgebe. Stü hat zugepackt. Seine Galerie lebt im Buchladen weiter. Bei unserem Besuch sind Fotogramm-Collagen der Dresdner Künstlerin Eleni Trupis zu sehen. Ihr geht es bei den Collagen um eine vielschichtige, kulturwissenschaftlich-philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema Medizin. Kunstausstellungen, Lesungen, Theateraufführungen und Konzerte gehören zum Kulturprogramm von Stübings Buchhandlung. 35 bequeme Sitzplätze kann er im Laden anbieten, 66 können es sein, wenn es ganz eng wird. An der Decke sind Theaterscheinwerfer angebracht, im Sommer finden die Theateraufführungen im Hinterhof statt. Im alten Annenfriedhof haben schon mehrfach szenische Lesungen mit Texten von Erich Kästner stattgefunden. Die Friedhofsleiterin hatte sich nichttraurige Texte für diese Anlässe gewünscht. Stü, belesener Buchhändler, hat das Programm zusammengestellt, das Schauspieler gesprochen haben.

„Klein und geschliffen”

Heinz Egger

His Royal Highness Myamoto Musashi ist nicht da. Dabei ist es die wichtigste „Person” im Laden, denn sie ist für vieles zuständig: „Überwachung der betrieblichen Abläufe, Atmosphärenmanagement, Birdwatching,Taschenkontrollen, Kontaktanbahnung, Kuschelkommunikaton, Papierkugelfangen”, wie er selbst auf seiner eigenen Facebook-Seite schreibt. Den Ladenkater gibt es seit 2004, also fast genau so lang wie den Bücherladen „Büchers Best” selbst, der 2002 gegründet wurde. Auch der Chef ist nicht da, auch die Buchhändlerin ist nicht da, auch der Lernende ist nicht da. Aber Eva Marie Hempfling. Sie hilft hier aus, wenn immer Not an der Frau ist. Und sie kennt das Geschäft gut. Kurz führt sie die Besucherinnen und Besucher in die Organisation der Bereiche ein. Das ist relativ schnell gemacht, denn der Laden ist klein, zweieinhalb Räume, 35 Quadratmeter. Und es bahnt den ersten Kontakt an, knüpft die ersten Knoten eines Gesprächs. Wegen den beengten Platzverhältnissen ist jedes Buch genau einmal vorhanden. Aber, das betont Eva Marie Hempfling, jedes wurde gelesen. Eine Empfehlung oder Auskunft über ein Werk basiert demnach auf den Kenntnissen des ganzen Inhalts.

Im kleineren Raum mit Lesestuhl

Den schmalen Wandstreifen über den dunklen Büchergestellen schmücken Fotos. In dieser „Hochgalerie” können lokale Künstlerinnen und Künstler ihre Werke ausstellen. Gerade sind es Fotogramm-Collagen und Objets trouvés von Eleni Trupis. Die Galerie über den Büchern ist quasi eine Reminiszenz an die frühere Galeristentätigkeit des Inhabers, Jörg Stübing.

Als Jörg Stübing den Laden betritt, verändert sich die Stimmung. Der Laden ist wie voll. Eigentlich hätten die alten Bühnenscheinwerfer unter der Decke angehen sollen, denn nun zeigt sich auch His Royal Highness Myamoto Musashi. Jetzt sind beide da in ihrem Reich. Der Kater setzt sich auf den winzigen Schreibtisch zu Jörg Stübing und muss erst seine Streicheleinheiten haben. Das gibt dem Inhaber etwas Luft, um über sich und die Buchhandlung zu reden. Er habe sich den Laden gebaut, den er selber immer habe besuchen wollen, sagt Jörg Stübing nicht ohne Stolz. Auch er ist im Buchhandel als studierter Techniker ein Quereinsteiger. Und stolz darf er sein, denn sein Geschäft ist erfolgreich. Das war nicht vorauszusehen, denn in der Neustadt gibt es noch weitere Buchhandlungen. Es liegt am Besonderen des Ortes, mitten in einem Szeneviertel, und natürlich an der Beratung, die ganz im Zentrum steht, und an der glühenden Liebe zum Buch, die fast greifbar ist.

Die Scheinwerfer erfüllen ihre Funktion, wenn in der Buchhandlung Veranstaltungen stattfinden. Zwei pro Monat wären das Ziel, sagt Jörg Stübing. Neben den regelmässigen Vernissagen zu den Ausstellungen in der „Hochgalerie” sind es Konzerte und Lesungen. Im Raum gibt es Platz für etwa 30 Leute. Wenn eine Veranstaltung mehr Publikum anzieht, beispielsweise wenn Robert Seethaler liest, dann werden die Gäste in Räume in der Stadt eingeladen.

Die Eingangstüre geht regelmässig wieder auf. Eigentlich sind fast immer Kundinnen und Kunden da. Einige holen nur etwas ab, andere fragen nach Büchern, auch englischen, lassen sich beraten. Die Auswahl ist gross, denn Rücken an Rücken stehen die Bände. Es ist nicht leicht, eine Übersicht zu gewinnen, denn die Gestelle sind nicht angeschrieben. Das hält die Auslage flexibel, möchte man annehmen.

Lesen und den Kater kraulen - die beste Entspannung

Trotz der Enge im Laden gibt es Leseecken. Da und dort steht ein Bürostuhl mit Ledersitz und -lehne oder ein Klavierstuhl aus der Zeit der Grosseltern, ein Tischchen aus einem gravierten Messingtablett auf geschnitztem Holzunterbau. Wer sich setzt und etwas Glück hat, bekommt Besuch von His Royal Highness Myamoto Musashi und darf den Kater kraulen. Was gibt es Entspannenderes?

Die Buchhandlung hat eine grosse Belletristikabteilung. Alles mit Rang und Namen ist vertreten, aber auch Autorinnen und Autoren aus Dresden. Eine ganze Reihe von Büchern befasst sich mit Dresden selber. Lyrik gibt es. So steht auch die Neuübersetzung von Baudelaires „Les fleurs du mal” von Simon Werle da, mehrere Bände von Erich Fried, Neben Hafis „Der Diwan” leuchtet weiss auf Schwarz „Ein neuer Diwan”. „Die Anthologie bietet ein vielstimmiges Panorama der globalen Lyrik”, heisst es beim Verlag Suhrkamp zu diesem Werk. Nein, der „West-östliche Divan” von Goethe steht nicht da.

Dafür prangen in einem anderen Gestell nebeneinander zwei philosophische Werke, die sich der Zeit widmen. Stefan Klein: Zeit – Stoff aus dem das Leben ist. Rüdiger Safranski: Zeit – Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen.

Einige nicht gebrauchte Präsentationsständer aus Plexiglas für Bücher halten – und wohl nicht zum Verkauf – einige Hefte, dann von Suse Pfeilstücker „Abenteuer im Waldhaus”. Dieses Buch wird etwa 1951 erschienen sein. Und daneben „Das große Radiobastelbuch” von Karl-Heinz Schubert, erschienen in Berlin 1966 im Militärverlag der DDR. Schubert war laut Wikipedia mit Hagen Jakubaschk einer der wenigen Autoren in der DDR, die für Funkamateure fundierte Literatur lieferten.

Auch ausgesuchte Postkarten in verschiedensten Varianten gehören zum Angebot. Wie wäre es mit „A Box of Frogs” oder „A Box of Beatles” – beides Sammlungen von 100 farbigen Darstellungen.

Es stimmt, was Jörg Stübing stolz sagt, klein und geschliffen sei sie, seine Buchhandlung.