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Wolf Buchhandlung, Küsnacht

Wolf Buchhandlung AG
Zürichstrasse 149
8700 Küsnacht
T: 044 910 41 38
www.wolf.ch



Zum Text von Heinz Egger

In Zeiten des Homeoffice

Michael Guggenheimer

Wegweiser zur Buichhandlung

«Nur noch wenige Meter bis zum Ziel» heisst es auf einem Textil, das über einen Hauszugang gespannt ist. Darüber in grösseren Lettern steht »Buchhandlung Wolf». Wer den Bahnhof von Küsnacht bei Zürich am oberen Ausgang verlässt, der sieht den Hinweis gleich nochmals in einer Vitrine und auf einem grossen mobilen Rahmen, auf dem ein etwas abgemagerter Wolf zu sehen ist. All das ist nötig, denn die Buchhandlung Wolf, für die hier geworben wird und die etwas zurückversetzt über einen Innenhof zu erreichen ist, verfügt strassenseitig über keine Schaufenster. Dafür begrüssen einen auf dem Weg durch einen Gang zum Hinterhaus grosse Fotografien von Schweizer Autorinnen und Autoren der älteren Generation. Ein kleiner Innenhofgarten gehört zur Buchhandlung ebenso wie ein Lese-Sitzplatz im Freien beim hinteren Teil der Buchhandlung.

Seit 1977 besteht die Buchhandlung Wolf. Wie die Buchhandlung zu ihrem Namen kommt? Ihr Gründer hiess Wolf mit Nachnamen. Seit 2003 befindet sich die Buchhandlung an ihrem jetzigen Ort. Wer einen kleinen Bücherladen in der Vorortsgemeinde von Zürich erwartet, der staunt beim Betreten des Ladens: Ein hell erleuchteter grosser quadratischer Raum mit viel breiten Regalflächen und Bücherinseln, ein breites Angebot an Büchern präsentiert sich den Besuchern. Viel aktuelle Literatur, Belletristik, Klassiker, Bücher zur Politik, zur Geschichte und zu Umweltfragen, englischsprachige Bücher, die Regale angeschrieben von «Biographien» über «Schweizer Literatur» bis hin zum Begriff «Wirtschaft». In einem Gestell die Buchempfehlungen der Kulturteile der Neuen Zürcher Zeitung und des Tagesanzeigers sowie des Büchermagazins der NZZ am Sonntag.

«Im Team teilen wir unsere Begeisterung, wir lesen, wir diskutieren und wir bilden uns fort», heisst es in der Homepage der Buchhandlung. Auf einem Tisch nahe der Beratungstheke liegen die Empfehlungen der Buchhändlerinnen und Buchhändler. Buchhändler und Geschäftsleiter Stephan Winiger empfiehlt Monika Helfers Romane «Die Bagage» und «Vati» sowie Grand-Hotel Europa des Niederländers Ilja Leonard Pfeijffer. Anna Cataldo-Binder und Beat Strebel empfehlen das neue Buch von Benedict Wells, den neuen Roman von Katharina Geiser sowie den neusten Krimi von Yishai Sarid. Bei den empfohlenen Büchern liegt auch David Grossmans neuer Roman «Was Nina wusste». Auf einem anderen Tisch fallen die Bücher von James Baldwin auf. Schön, dass die Klassiker in der grossen Zahl der Novitäten nicht vergessen werden: die nicht wenigen Klassiker von Camus über Manzoni und Flaubert bis zu Tolstoi fallen auf.

Leseecke mit roten Fauteuils, Blick in den "Lesegarten"

Die Buchhandlung der 14 000 Einwohner zählenden Gemeinde kann es locker mit Buchhandlungen in der nahen Stadt Zürich aufnehmen. Wer in Küsnacht lebt und gerne liest, der kann seine Leselust in der Buchhandlung Wolf stillen. Eine gemütliche Lesecke mit zwei Fauteuils, ein breiter altmodischer Tisch, auf dem Bücher zum Blättern einladen, eine sehr gut dotierte Kinderbücherecke, die Büchergestelle sind dicht gefüllt. Auffallend ist, dass von vielen aktuellen Titel gleich mehrere Exemplare aufliegen, hier muss es genügend lesefreudiges Publikum geben. Dass auch dicke Schmöker in einem Bücherturm wie Joël Dickers neuer Roman im Angebot geführt werden, die in den Feuilletons nicht nur gelobt werden, zeigt wie breit die Leserschaft hier ist. Für modernes oder herausragendes Design wird die Buchhandlung Wolf zwar keine Auszeichnung bekommen. Das macht aber nichts. Denn dafür überzeugen die Fülle an Lesestoff und die Beratung, für die sich die Buchhändlerinnen und Buchhändler besonders einsetzen. An jenem Donnertagnachmittag, an dem buchort.ch die Buchhandlung aufsuchte, waren dauernd Kundinnen und Kunden im Laden, Erwachsene und Kinder. Und die beiden anwesenden Buchhändler waren intensiv mit Kundinnen und Kunden in Beratungsgesprächen verwickelt.

Der grosszügige Raum der Buchhandlung eignet sich geradezu für Veranstaltungen. «Wir bereichern das kulturelle Leben von Küsnacht mit interessanten, speziellen Lesungen», heisst es auf der Homepage der Buchhandlung. Zuletzt war Schriftsteller Arno Camenisch im Oktober 2020 zu einer Lesung gekommen. Danach wurden coronabedingt keine weiteren Veranstaltungen durchgeführt. Eine für den Dezember angesetzte Veranstaltung wurde verschoben. Genau wie drei weitere, die für April 2020 geplant waren. Die nächste Veranstaltung, soll – sobald das wieder möglich ist – die Buchvernissage von «Enriettas Vermächtnis» von Sylvia Madsack sein. Stephan Winiger und Bettina Graf Winiger sind die Geschäftsleiter der Buchhandlung. Bettina Graf arbeitet im Hintergrund im Büro sowie in der Auslieferung. Stephan Winiger hat eine Buchhandels-Berufsbiografie: Er hat bei Heinimann an der Kirchgasse in Zürich den Beruf erlernt, anschliessend war er bei der Engros-Buchhandlung Daeniker in Weiningen tätig. Nach einer studienbedingten Unterbrechung von fünfeinhalb Jahren stieg er als Sortimentsleiter bei der Buchhandlung Bodan in Kreuzlingen wieder ein, um nach sechs Jahren nach Basel zu ziehen, wo er für 16 Jahren bei der grossen Buchhandlung Bider & Tanner als Sortimentsleiter tätig war. Seit Herbst 2016 ist er in Küsnacht tätig.

Befragt, wie die Buchhandlung in den Wochen des Lockdowns funktioniert hat, gibt er zu Antwort: «Erstaunlich gut. Dank unserer stark frequentierten Abholstation hielten sich die Umsatzverluste in Grenzen. Im ersten Lockdown wurde auch der Hauslieferdienst stark nachgefragt, im zweiten praktisch gar nicht mehr. Ausserdem haben wir viele Neukunden gewonnen, die wegen der Corona-Situation überhaupt erst auf uns aufmerksam wurden und uns treu geblieben sind. Zum Teil sicher auch, weil sie nach wie vor kaum mehr wegen der Arbeit nach Zürich fahren mussten». Und dann ergänzt Stephan Winiger noch: «Unsere Abholstation ist Geschichte. Hoffentlich für immer. Für Kunden, die einer Risikogruppe angehören und daher nicht aus dem Haus gehen, bieten wir für Küsnacht und Umgebung weiterhin unseren kostenlosen Hauslieferdienst an».

Im Bücher-Wolf

Heinz Egger

Der Zug hält pünktlich in Küsnacht. Von den Gleisen bis zur Buchhandlung Wolf ist es nur ein Katzensprung. Wir steigen die Treppe hoch, gelangen auf einen Parkplatz und sehen schon von da aus ein aufgespanntes Tuch, das auf die Buchhandlung hinweist. Hellblauer Grund, einige Wölkchen darauf und schwebend in diesem „Himmel” ein schwarzer Wolf. Beim Näherkommen sehen wir Details. Im Wolf drin ist nicht Rotkäppchen, sondern ein aufgeschlagenes Buch. Mit den Zähnen hält der Wolf eine Leiter, an deren Fuss Rotkäppchen steht, ein Buch in der Hand und am Arm das Körbchen mit dem Kuchen und dem Wein.

Wir wollen in den Wolf hinein und sehen, was er für Bücher in sich trägt. So folgen wir dem gedeckten Weg, der Hauswand entlang. Am Anfang des Wegs preisen zwei Vitrinen Bücher an. Dass es hier mehr gibt als blosser Durchschnitt zeigt das dort ausgestellte Buch „Lehrjahre der Männlichkeit” von Gustave Flaubert in der Neuübersetzung von Elisabeth Edl. Breite, helle Stoffbahnen hängen an der gekachelten, schwarzen Fassade. Darauf jeweils eine träfe Aussage und ein Bild. Es sind alles Schweizer Autorinnen und Autoren.

Eingang

Vom Eingang her überblickt man den ganzen Laden. Er ist fast quadratisch. Auf drei Seiten bedecken weisse Büchergestelle mit anthrazitfarbenen Gestellwangen die Wände. Drei graue Betonsäulen stützen die weisse Decke. Der Boden ist mit grau gemusterten Platten belegt. Ist es Linoleum? Im Raum verteilt mit viel Bewegungsraum dazwischen stehen Bücherinseln.

Der Raum wirkt grosszügig und hell. Tageslicht kommt von der Fensterfront mit dem Eingang herein und durch die Scheiben mit Tür zum „Lesegarten” bezeichneten Aussenbereich. Leuchtstoffröhren strahlen von der Decke. Aber er ist auch etwas kühl wegen dem vielen Weiss und Grau. Die Möbel bilden einen starken Kontrast dazu. Sie sind wie aus einer fernen Zeit. Ein hölzerner Tisch mit gedrechselten Beinen, darum vier verschiedene Stühle, einer mit Strohgeflecht als Sitz. Dann zwei rote Ledersessel auf einem halbrunden, roten Teppich. Zwischen den Sesseln zwei bücherbeladene Tischchen. Auf einem präsentiert ein Steller das neueste Buch von Torben Kuhlmann, dem Kinderbuchautor und Illustrator aus Hamburg. „Einstein” heisst der Titel. Natürlich liegen mehrere Exemplare des Werks auf.

Ich setze mich zuerst an den Tisch, um erste Notizen zu machen. Auf dem Tisch steht ein Ständer mit farbigen Blumenkarten, ein kleines Display mit einer Werbekarte für eine Parfum-Handlung in Zürich. Vier Tester stehen da, drei davon sind Desinfektionsmittel mit besonderer Duftnote und für den Wohlgeruch im Raum eine braune Flasche von Byredo: „Bibliothèque – Parfum d’intérieur” steht auf dem Etikett.

Drei dicke, schwere Bücher liegen ebenfalls auf dem Tisch. Eines handelt von den Wiener Kaffeehäusern, ein zweites von James Bond und das dritte beschäftigt sich mit Illustratoren. Schon fast bescheiden daneben nimmt sich das Wolf-Magazin aus, das halbjährlich erscheinende Magazin der unabhängigen Buchhandlungen.

Im Bereich der Kinder- und Jugendbücher

Während ich umherschaue und schreibe, höre ich immer wieder Stimmen. Frauenstimmen, Kinderstimmen, wenige Männerstimmen. Aber es ist stets jemand im Laden, der etwas sucht oder abholt. Niemand muss lange warten, bis er angesprochen und nach seinen Wünschen gefragt wird.

Eine Frau sucht ein Lehrbuch für Portugiesisch. Ein solches ist nicht vorhanden. Es könnte aber bestellt werden. Leider sei nicht für alles Platz im Raum, sagt Beat Strebel, der beratende Buchhändler. Das ist verständlich, es gibt ja so viele Sprachen auf dieser Welt! Und von der Art der Gestaltung und Methodik her können auch andere Lehrbücher eine Ahnung davon vermitteln, wie das gesuchte Buch aussehen wird.

Es war übrigens auch Beat Strebel, der uns gleich, nachdem wir den Laden betreten haben, nach unseren Wünschen fragte. Er arbeitete, wie er uns verriet, lange im Backoffice des Basler Buchhändlers Bider & Tanner. Es sei schon wieder eine Umstellung, nun wieder täglich mit Kundinnen und Kunden zu arbeiten. Aber er strahlt dabei und sein freundlicher Ton zu den Leuten zeigt, wie sehr er das Beraten liebt.

Wer vorerst nicht in ein Gespräch eintreten möchte, sondern etwas umherschnuppern, wird auch so auf einige Bücher hingewiesen. So gibt es einen Tisch, auf denen die Angestellten der Buchhandlung ihre Buchtipps präsentieren. Auf einem Wandständer liegen Bücher auf, die in der Zürcher Presse verhandelt worden sind. Und mit Eintsteckzetteln markiert sind jene Werke, die im Literaturclub des Schweizer Fernsehens besprochen wurden. Eine weitere Kategorie sind Bücher mit einem Einstecker, auf dem „Für Sie gelesen” steht. Schliesslich leuchtet ein Gestell ganz in rot – darin leuchtet wohl der „Hot-Stuff” der aktuellen Literatur.

Reiche Buchauswahl

Man könnte leicht die Zeit vergessen, so von Gestell zu Gestell flanierend und die vielen Titel lesend. Vieles fällt auf. Beispielsweise ein Buch, das mit seinen 21 Zentimeter Tiefe recht weit über das Gestell herausragt. Auf dem Rücken steht InstaBibel. Insta muss wohl die Verkürzung von Instagram sein. Und was hat das mit der Bibel zu tun? – Eigentlich nichts. Es ist Reklame, Ansprechweg für Junge. Und ja, es ist das quadratische Format, das auf der Social-Media-Plattform verbreitet ist.