Kunstbibliothek im Sitterwerk, St. Gallen

Künstlers Nachtlektüre

Michael Guggenheimer

Es passiert einem nicht häufig, dass man eine Tür aufmacht, einen Raum betritt und staunend stehen bleibt, einen Laut des Erstaunens von sich gibt, länger stehen bleibt und nicht aus dem Staunen rauskommt. In St.Gallen kann einem das gleich zweimal beim Betreten einer Bibliothek passieren. Da ist zunächst die barocke Klosterbibliothek, UNESCO-Weltkulturerbe, eine Art Bücherkirche, in der man in Filzpantoffeln über einen Parkett gleitet, nach rechts und links, nach vorne und hinten blickt und sich in einem Büchertheater wähnt, in dem Handschriften aus der Zeit von vor Gutenberg in Vitrinen ausgestellt sind.

Bücher auf zwei Etagen, auf 10 Tablaren und über 20m Länge

Und dann nochmals dieses Staunen in derselben Stadt in einem ganz anderen Stadtteil, fern vom historischen Stadtkern: Beim Öffnen einer unscheinbar wirkenden Tür der „Kunstbibliothek“ unten im Sittertal. Eine ehemalige Textilfärberei am kleinen Fluss Sitter, an der Stadtgrenze, in einer schattigen Talsenke gelegen, ist heute zu einem Pilger- und Kunstort geworden mit einer Kunstgiesserei, einer Sammlung von Plastiken, mit Künstlerateliers, dem Material-Archiv und einer Bibliothek, die man just hier nicht erwarten würde. Es geht allen Besuchern, die hier zum ersten Mal die grosse Eingangstür öffnen gleich: Man bleibt stehen und staunt, muss den Anblick, das Bild, das sich einem bietet, zunächst verarbeiten.

Ein langer und hoher ehemaliger Industrieraum eröffnet sich. Zur Rechten eine Bücherwand vom Boden bis zur Decke reichend, eine Wand voller Bücher, die auf halber Höhe einen Steg aufweist, eine Art Reling oder Kommandobrücke, der man entlang schreiten kann und von wo man hinüber- und hinunterblickt auf eine andere graue Wand voller Metallschubladen unterschiedlicher Grösse. Die Höhe und die nicht aufzuhören scheinende Masse an bunten Bücherrücken lässt den Raum noch länger wirken als er in Wirklichkeit ist. Kunstbücher ohne Ende auf der einen Seite, Materialproben in Schubfächern auf der anderen. Hier kann man sich Bücher aus den Regalen ziehen, dort lassen sich Werkstoffe aus den Tiefen der Schubladen herausholen. Maler, Zeichner und Plastiker können sich hier zwischen den Büchern, in denen Techniken vorgestellt werden und den Materialproben erkundend bewegen und in den Ateliers das ausprobieren, was Materialien zulassen.

Man wandelt in der Kunstbibliothek der langen Bücherwand entlang, schaut sich die Bücherrücken an, liest die Titel und stellt fest, dass alle diese Bücher von bildender Kunst, Kunsttechniken, Kunstrichtungen, Materialien und Künstlern handeln. Und doch durchschaut man die Ordnung nicht. Da sind Bücher zu einem bestimmten Künstler, einer Kunstperiode oder zu einem Thema beisammen und zwischen ihnen lagern Bücher zum Kunstschaffen aus einer anderen Periode, eines anderen Künstlers, aus einem anderen Umkreis. Eine kreative Unordnung hinter der eine Ordnung steckt, die jeweils nachts nach zwei Uhr von einem hin- und her der hohen Wand entlangfahrenden Computerauge gelesen und erkannt wird, eine Ordnung, die einem erst dann ersichtlich wird, wenn man vor der Bücherwand am Katalogbildschirm sitzt, eine Sucheingabe macht und auf dem Bildschirm zu jedem gesuchten Buch die präzise Position in der Bücherwand sieht und die Nachbarschaft anderer Bücher erkennt. Man sucht etwa Annelies Strbas Buch „Der verlorene Garten“, erfährt die „aktuelle Position“: „Laufmeter 19.2, Tablar F“ und findet das Buch auch wirklich genau dort. Zusätzlich zeigt einem der Bildschirm anhand einer Gesamtgrafik der Bücherwand, wohin man zu gehen hat, um das Buch zu holen. Auf diese Weise kann sich jeder Bibliotheksbesucher einen eigenen Tablarteil zusammenstellen, die Bücher zu seinem Thema von überall aus der Bücherwand holen und sie zusammenstellen, ohne einem anderen Benutzer die Bücher vorzuenthalten. Das Computerauge findet immer die Bücher wieder, auch wenn sie an einem neuen Platz sind. Im Prospekt wird das Ordnungsprinzip der Präsenzbibliothek so erläutert: „Die Bibliothek wurde mittels Radiofrequenz-Identifikation räumlich erschlossen, was eine permanente Inventur und damit eine dynamische Ordnung ermöglicht. So kann sich die Bibliothek ihren Benutzern anpassen. Es ergeben sich neue Optionen des Suchens und Findens von Büchern.“

Daniel Rohner, ein Innenarchitekt und besessner Kunstbuchsammler hat den Grundstein zu dieser Bibliothek gelegt, die nach einer Wanderschaft im Sittertal ihre definitive Heimat gefunden hat. Ausstellungskataloge, Künstlermonografien, Bücher zur zeitgenössischen Kunst des 20. Jahrhunderts hatte er angesammelt. Rund 25 000 Bücher umfasst die Kunstbibliothek heute, kann sein etwas mehr, kann sein etwas weniger, denn noch sind nicht alle Bücher erfasst. Und weil die schöne Bücherwand nicht alle Bücher der Kunstbibliothek zu fassen vermag, lagern in einem Gebäude nebenan noch mehr Bücher, zu denen das elektronische Auge des Katalogs meint: „Aktuelle Position. Das Buch befindet sich im Magazin oder ist momentan in der Bearbeitung. Bitte wenden Sie sich an den Bibliothekar“. Bibliothekar ist Roland Früh, Fachautor und Kenner des Buchdesigns, der an zwei Kunsthochschulen Designtheorie unterrichtet.

Und die Benützer der Bibliothek? Noch vergleichsweise wenige wenn man bedenkt. Welche Schätze die Bibliothek birgt. Es sind Künstler, die sich hier bei den Büchern in Stilrichtungen vertiefen und gleichzeitig im Werkstoffarchiv auf der Suche nach der Beschaffenheit von Materialien sind. Es sind Studierende der Fachhochschulen der Stadt. Und es sind Kenner, die wissen, dass diese Bibliothek etwas bietet, das sonst keine Bibliothek der Schweiz offeriert: Wer will, kann hier in einem schön eingerichteten Raum für einen symbolischen Betrag übernachten, kann die Bibliotheksbestände Tag und Nacht konsultieren, nebenan in der Kantine, die mehr als bloss eine Kantine ist, essen und Künstlerinnen und Künstler, Mitarbeiter der Kunstgiesserei kennenlernen und tagsüber die beeindruckende Sammlung der Plastiken von Hans Josephsohn besichtigen.

Kunstbibliothek im Sittertal
Sittertalstrasse 34
9014 St.Gallen
T: 071 278 87 08
www.sitterwerk.ch/

Zu Gast

Heinz Egger

Unscheinbarer Eingang zu einer Wunderwelt der Kunstbücher

Es ist 17 Uhr. Alle Besucher sind gegangen, auch der Bibliotheksleiter Roland Früh nimmt seinen Mantel, lacht mir nochmals zu und winkt. Die Tür fällt ins Schloss. Ich bin allein. Mein Privileg ist es heute, im Gästezimmer der Kunstbibliothek zu übernachten. So kann ich lange arbeiten.

Ich habe den ganzen Tag über den Büchern gesessen. Jetzt brauche ich eine Pause. Ich verbringe sie auf dem „Dach“ des grossen Kubus‘. Über eine wacklige Aluminiumleiter steige ich hinauf. Bis zum Hausdach sind es vielleicht noch 1.5 Meter. Ich gehe also in leicht gebückter Haltung zu den Korbstühlen, ziehe das metallene Gartentischchen etwas näher heran und bereite darauf mein frugales Nachtessen aus: Brot, etwas Wein und ein Stück Käse.

Ich lehne mich zurück und gehe nochmals durch, was der Tag gebracht hat. Als ich in die Bibliothek eintrat, blieb ich unverwandt stehen, so beeindruckte mich der grosse, helle Raum, die Wand mit den Büchern der Präsenzbibliothek – es sollen 12’000 sein, angeordnet in zwei Etagen, zu je 5 Tablaren. Dann die unzähligen mitlitärgrauen metallenen Schubladen des Material-Archivs, die zwei Seiten des vier Meter hohen Kubus‘ gegenüber den Büchern einnehmen.

Links, gleich bei der Eingangstüre schliesslich findet sich ein weiterer Kubus mit einem Büroraum, der zwei Arbeitsplätze für die Mitarbeitenden der Stiftung Sitterwerk bietet.

Ich werde freundlich empfangen und darf zuerst mein Zimmer beziehen. Ein grosses Bett, helle Wände, Waschgelegenheit, Toilette – es ist fast wie im Hotel.

Dann die Einführung in die Bibliothek. Roland Früh zeigt, wie die Bibliothek funktioniert. Ihr Ordnungsprinzip ist die Unordnung. Jedes Buch kann stehen, wo es der letzte Benutzer in ein Gestell gesteckt hat. Zu finden wird es trotzdem leicht sein. Jedes Buch trägt einen RFID-Chip. Diese Chips werden in der Nacht durch einen Roboter ausgelesen. Aus den Daten entsteht eine aktualisierte Karte des Buchbestandes. Der Inhalt der Bibliothek erschliesst sich einem also nur über die Suchmaschine. Es ist wohl denkbar, dass man eine ganze Reihe von Büchern, beispielsweise über Picasso beieinander sehen kann. Es heisst aber noch lange nicht, dass es alle sind, die die Bibliothek anzubieten hat.

Schubladen des Materialarchivs und eine mobile Treppe

Eine Abfrage nach Wachs ergibt, dass 24 Bücher vorhanden sind und 13 Wachsarten im Werkstoffarchiv. Auf der Resultatseite erscheint jedes Buch mit seinem Buchdeckel, jedes Material als Foto. „Geformtes Wachs – Kerzen, Votive, Wachsfiguren“ von Charlotte Angeletti und Helga Schmidt-Glassner befindet sich bei Laufmeter 15.8 auf dem Tablar J. Oberhalb der Details zum gewählten Buch ist ein Ausschnitt des Tablars angezeigt. Buchrücken, über dem gewählten Buch ein Pfeil. Das ist praktisch, wenn ein dünnes Büchlein leicht übersehen werden kann. Bei der Suche könnte man dann nach einem benachbarten dickeren Buch suchen. Der Japanwachs liegt im Schubladenstock C auf einem Meter Höhe.

Zwei Tische sind technische Wunderwerke. Sie erkennen die Bücher, die man darauf ablegt. So erscheint auf dem Bildschirm der Buchdeckel. Man kann eine eigene Sammlung anlegen, sie kommentieren, die Kommentare anderer einsehen und allenfalls übernehmen und die Daten danach exportieren. Am neueren Tisch steht gar eine Kamera zur Verfügung, mit der Teile des Inhalts aufgenommen und in die Sammlung eingebunden werden können. An diesem Arbeitsplatz kann man gar sein Dossier als Broschüre farbig drucken.

Mein Blick schweift über die Rückzugsecke auf dem Kubus. Es ist wie ein kleines Museum und ein chaotisches Lager. Da finden sich neben einem Arbeitsplatz mit PC und Bildschirm Ordner, Plakate, Kisten mit Papieren, Lampen, 2 wohl ausrangierte A-3-Scanner, eine Videoanlage, eine Matratze, ein Band mit Basler Fasnachtsplaketten aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, aber auch Ausgaben von Du seit der ersten Nummer 1940, Lexika, beispielsweise Die Zeit, Lexikon in 20 Bänden, oder Die Kunstdenkmäler der Schweiz, wenn es sich um einen deutschsprachigen Kanton handelt, oder eben Les monuments d’art et d’histoire de la Suisse für einen französischsprachigen. Ich entdecke ein Heft Die Kunst, Monatshefte für freie und angewandte Kunst, Jahrgang 1914. Da könnte man verweilen!

Aber ich muss nochmals ran. Meine Wachsstudien sind noch nicht abgeschlossen.

Es ist herrlich in dieser Stille zu arbeiten. Die Fenster sind schwarz, nichts lenkt ab. Und doch vergeht die Zeit rasend schnell. Das Surren des Roboters, der die Bibliothekskarte neu aufnimmt, sagt, dass Mitternacht längst vorbei ist. Während er arbeitet, lege ich mich zur Ruhe.

 

2 thoughts on “Kunstbibliothek im Sitterwerk, St. Gallen

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