Poete-Näscht. Dichter- und Stadtmuseum Liestal

Antiquariat Poete-Näscht
Dichter- und Stadtmuseum Liestal
Rathausstrasse 30
4410 Liestal
T.  061 921 01 25
www.poetennest.com

Zum Text von Heinz Egger

Mit Bindestrich oder ohne

Michael Guggenheimer

Ein schmales Haus an der Rathausstrasse In Liestal. Dichter- und Stadtmuseum steht an der Fassade angeschrieben. Und daneben noch ohne weitere Erläuterung das Wort Poetenäscht. Poetenäscht? Vor dem Haus als Blickfang gleich fünf Ständer mit Ansichtskarten. Man bleibt stehen, schaut sich die beiden Schaufenster genau an. Hier befinden sich im Erdgeschoss und im Kellergewölbe ein Antiquariat und eine zu ihm gehörende Buchhandlung. Gleichzeitig beherbergt das Haus in den oberen Stockwerken ein kleines Museum. Dichter- und Stadtmuseum Liestal heisst das Museum, oder kurz auch DISTL. Seine Dauerausstellung bietet auf drei Etagen Einblicke in das Leben und Werk von Dichtern, die – lange ist’s her – in Liestal gelebt und gewirkt haben Der blaue i-Kubus an der Hausfassade besagt zudem, dass Touristen hier Informationen zur Stadt Liestal und zum Kanton Basel-Land einholen können.

Das Angebot des Informationsdesks ist breit: Hier liegen Wandervorschläge bereit, Prospekte und Programme von Kulturorganisationen und Museen im Kanton, sie reichen vom Museum Basel-Land, der Kunsthalle Palazzo oder dem Harmoniummuseum in Liestal bis hin zum Bauernhausmuseum in Muttenz und dem Museum im Bürgerhaus in Pratteln. Im grösseren der beiden Räume im Erdgeschoss befindet sich ein breites Bücherangebot. Im vorderen Bereich neue Bücher und dann eine sehr reiche Auswahl an gebrauchten Büchern. Das ist eindeutig kein Ramschantiquariat.

Die hohen Büchergestelle im Antiquariat

Man merkt beim Abschreiten der Bücherregale, dass hier Kenner und Literaturliebhaber das Angebot zusammenstellen. Michael Köhlmeier, Wolfgang Hildesheimer, Dzevad Karahasan, Peter Nadas, Harry Mulisch, Zsuzsa Bank, Siri Husvedt: Bücher im neuwertigen zustand, die man gerne selber lesen möchte, stehen hier wohlgeordnet. Das breite Belletristikangebot im Antiquariat von A bis Z reicht von (links oben) Literatur-Nobelpreisträger Schai Agnon bis (rechts unten) Gerhard Zwerenz, zwei Dichtern, von denen ich mehrfach gehört aber noch nie etwas gelesen habe.

Plakat mit hebräischen Schriftzeichen vis-à-vis des Sofas im Antiquariat

Ein Sofa lädt in diesem Raum, der fast schon einem Büchermagazin gleicht, zum sitzen und lesen ein, Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Isaac B. Singer schaut einen dort von einem alten Poster der Kulturzeitschrift Du an. Hier ist man in guter Gesellschaft. Lyrik, Mythologie, Schweizer Literatur, Sachbücher lauten die Anschriften auf den Tablaren. Alle Bücher der kürzlich verstorbenen Schweizer Autorin Helen Meier sind hier zu haben. Wo gibt’s das nochmals? Wirklich alle! Und endlich wieder das Buch Die Zeit des Fasans von Otto F. Walter! Auch da der Wetternmacher von Peter Weber, die Bücher von Werner Schmidli und viele Bände der Reihe Manesse Weltliteratur. Peter Graf-Somacal, Psychiater und Besitzer des Antiquariats alimentiert aus seinem rund 100 000 Bände zählenden privaten Bücherbestand ganze Bereiche des Antiquariats, Buchhändler Martin Scheller, der lange Jahre in der Buchhandlung des Goetheanums in Dornach betreut hat, sorgt für die Ordnung der Bücher und berät die Kunden.

Die Literatur-Nobelpreisträger Agnon und Singer sind nicht die einzigen Träger dieses Preises im Haus. Im Museum in den oberen Stockwerken sind dem einzigen Schweizer Preisträger Carl Spitteler, der 1845 in Liestal geboren wurde, mehrere Ausstellungsvitrinen gewidmet. 1919 hat er den Nobelpreis für Literatur erhalten. Als Dichter, Epiker, Feuilletonist, Literaturkritiker, Komponist und Zeichner hat Spitteler ein facettenreiches Werk geschaffen. Seit den 1880er Jahren war er Mitarbeiter zahlreicher Zeitungen und Zeitschriften und veröffentlichte Feuilletonbeiträge und Erzählungen, von denen sich manche äusserst kritisch mit den Verhältnissen in der Schweiz, mit Ausländerfeindlichkeit und Heimattümelei auseinandersetzen. Es war denn auch sein zur Verständigung und zur Wahrung der Neutralität aufrufender Beitrag »Unser Schweizer Standpunkt« von 1914, der das Nobelpreiskomitee besonders für sein Werk einnahm.

lange Reihe der Vitrinen mit Memorabilien zu Liestaler Dichterinnen und Dichter

Sieht man sich im kleinen Museum um, so wird der Name der Buchhandlung Poetenäscht verständlich. Er bezieht sich auf die vielen Dichter, die im Laufe der Zeit eine spezielle Beziehung zu Liestal hatten. Carl Spitteler ist da nicht der einzige. Der Schreibende gibt unumwunden zu, dass ihm keiner der in der Ausstellung mit gemalten und fotografierten Porträts, Handschriften, Orden, Büchern und weiteren Objekten präsentierten Autoren zuvor bekannt waren, was aber keine Aussage über ihr Werk bedeutet. Zum Beispiel Josef Viktor Widmann, Autor, Regisseur, Schauspieler, von dem Urs Frauchiger, ehemaliger Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, schreibt: «Als Feuilletonredaktor ebenso legendär wie gefürchtet. Mag auch sein Name in Vergessenheit geraten sein, es bleiben jene in Erinnerung, die er gefördert hat». Oder der Feuilletonredaktor der Zeitung Der Bund Hugo Marti, Autor des Romans «Das Haus am Haff», er gehört zur Liestaler Dichtergruppe ebenso wie die Betriebspsychologin und Lyrikerin Verena Rentsch. Georg Herwegh, Emma Herwegh-Siegmund, Theodor Opitz und Friedrich Wilhelm Rüstow sind weitere Autoren, die in Liestal gelebt haben, einige unter ihnen waren aus Deutschland zugezogen. Die Museumsvitrinen und die erklärenden Texte sind mittlerweile etwas angejahrt. Demnächst sollen sie ersetzt neu geordnet, ergänzt und ersetzt werden, weil eine neue zeitgemässe Szenographie für das Museum in Auftrag gegeben wurde. Man müsste also irgendwann wieder nach Liestal fahren, um sich das neu geordnete kleine Museum nochmals anzuschauen. Bis dann wird auch die Schreibweise der Buchhandlung klar. Aber ob Poete-Näscht mit Bindestrich oder ohne geschrieben wird, spielt keine Rolle, Hauptsache ist, dass es im Hauptort des Kantons Basel-Land (mit Bindestrich oder ohne) weiterhin ein gutes Antiquariat mit guter Beratung gibt!

Dreifacher Buchort

Heinz Egger

Stöcklins Buch von 1922 - Ein Poetennest

Alles begann mit einem Buch. Justus Stöcklin schrieb 1922 ein Buch mit dem Titel „Das Poetennest”. Er meinte mit seiner literarischen Skizze Liestal und die Poeten, die dort gelebt haben. An bekannten Namen fehlt es nicht. Allen voran der einzige Literaturnobelpreisträger der Schweiz: Carl Friedrich Georg Spitteler, der 1845 in Liestal geboren worden ist. Dann erwähnt Stöcklins Inhaltsverzeichnis auch Joseph Viktor Widmann, Arnold von Salis, Georg Herwegh und Theodor Opitz.

Marcel Herwegh, der jüngste Sohn des Ehepaars schenkte einen grossen Teil des Nachlasses von Georg Herwegh und seiner Frau Emma Herwegh der Stadt Liestal. Die Herweghs waren bekannte Leute, sogar Heinrich Heine hat Georg Herwegh ein Gedicht gewidmet. Allerdings ein kritisches: Er nennt Herwegh „eine eiserne Lerche”, die sich hoch hinaufschwingt und so die Erde aus dem Auge verliert. Marcel Herwegh verband mit der Schenkung den Auftrag, ein Museum einzurichten. Der Herwegh’sche Grundstock bildet also den Samen des Dichtermuseums. Natürlich ist er seit 1946, dem Gründungsjahr des Museums im ehemaligen Rathaus, weiter gewachsen. Weitere Nachlässe von Autorinnen und Autoren mit Bezug zum Baselland kamen hinzu.

Im zweiten und dritten Stock des alten Rathauses bilden 12 Wandvitrinen mit Gegenständen, Büchern und Texten die literarische Szenerie der vergangenen etwa 150 Jahre ab. Zusätzlich hauchen vier Schaukästen mit Schreibtischen von Carl Spitteler und Joseph Viktor Widmann, so wie kleinen Interieurs von Herweghs der Etage die Stimmung des bewegten 19. Jahrhunderts ein.

Im Zentrum stehen klar Spitteler und Widman, die eine lebenslange Freundschaft verbunden hat.

Spannend ist es zu erfahren, dass das freiheitliche Baselland im 19. Jahrhundert auch Zufluchtsort für demokratisch gesinnte Deutsche und Österreicher war. So ist Herwegh Baden-Würtemberger, Opitz Schlesier. Die erste Liestaler Heimatkunde verfasste Carl Wilhelm Kramer, ein Sachse. Das erste Bürger-Familienbuch stammt von Joseph Otto Widmann, einem Wiener.

In den Vitrinen zur Dichtung im 19. Jahrhundert trifft man auf Namen wie Jonas Breitenstein, den Pfarrer aus Binningen, Wilhelm Senn, auch er ist in Stöcklins Buch erwähnt.

Den Mundartdichterinnen und -dichteren des 20. Jahrhunderts wird gebührend Raum gegeben. In den Vitrinen liegen Mansukripte und Typoskripte und verleiten zu lesen, den Klang der Sprache nachzuempfinden und die Regungen, die zum Gedicht geführt haben, zu ergründen. Margaretha Schwab-Plüss, Hans Gysin, Pauline Wirz-Wirz, Traugott Meyer, Helene Bossert, Marcel Wunderlin.

An der hinteren Wand, zwischen zwei Fenstern stehen Stühle und gleich nebenan, in der Ecke nach den Vitrinen gibt es „Bücher auf dem Serviertablett”. Werke einiger der obgenannten Autoren, beispielsweise jenes von Stöcklin, können dort auf einem Brett aus dem Gestell gezogen werden. Die Werke sind mit Schrauben darauf befestigt. Es ist eine stille Leseecke, die einen leicht in die geistreiche, politisch engagierte Atmosphäre vergangener Zeiten eintauchen lässt.

Klapphocker zwischen den Gestellen im Antiuariat

Damit ist aber noch nicht der ganze Buchort beschrieben, denn im Parterre und im Untergeschoss hat sich das Antiquariat und die Buchhandlung „Poeten-Näscht” eingerichtet. Sie hat ihren Namen von Stöcklins Werk übernommen. Die Kassatheke ist auch der Zugangspunkt fürs Museum, zu dem ein kleiner Beitrag von fünf Franken zutritt gewährt wird. Martin Scheller empfängt die Besucherinnen und Besucher und weist sie kurz ein. Er händigt ihnen auch das kleine Büchlein aus, in dem all jene Gegenstände des Museums beschrieben sind, die an den Wänden hängen oder in den grossen Dioramen ausgestellt sind.

Nach der Treppe zu den Obergeschossen beginnt das Antiquariat. Dessen Inhalt werde aus den Beständen von Peter Graf, einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, gespiesen. Peter Graf besitze über 100’000 Bücher, sagt Martin Scheller, der Buchhändler.

Das Angebot ist denn auch überraschend breit und sehr detailliert sortiert und beschriftet: Ich zähle in den beiden doppelseitigen Gestellen und dem Korpus dazwischen 30 Rubriken, die teilweise noch Unterrubriken aufweisen. Die fast raumhohen Gestelle fassen Hunderte von Büchern. Wo würde ich gern länger stöbern? Bei den Anthologien, den Cartoons, den Geschichtsabteilungen, der Mythologie?

Ein Herr sucht ein bestimmtes Textfragment von Joseph Viktor Widmann. Es gibt eine ganze Reihe von Büchern von Widmann im Antiquariat. Aber das Gesuchte ist leider nicht darunter. Ob es in der Riesenzahl von Büchern bei Herrn Graf vorhanden ist?

Blick ins Untergeschoss des Antiquariats

Im Gewölbekeller, dem zweiten Raum des Antiquariats fallen schon von der Treppe her die speziellen Hinweistafeln auf die Bereiche auf. Eigentlich sind es nicht Tafeln sondern Bücher, die mit Gipsbinden in offenem Zustand zu Skulpturen geformt worden sind. Auf einer schwarzen Fläche sind die Rubriken von Hand mit farbiger Kreide aufgeschrieben: Heilkunde, Sprache, Literatur, Musik, Liederbücher, Noten, Verkehrsmittel, Reisen einst und heute …

Zwischen den Gestellen steht ein grüner Polstersessel, mitten in den Kriminalromanen. Es ist wie in einem Nest, oder eng wie in einer Zelle – also der richtige Ort, um ins Grauslige abzutauchen. An der Wand hängt aufgespannt – pardon, wie gekreuzigt – ein weisses T-Shirt. Darauf der Spruch „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett”.

Der dreifache Buchort ist einen Besuch unbedingt wert: Er führt literarisch anhand von illustren Persönlichkeiten durch die bewegte Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und ermöglicht das Schwelgen in jeder Art von Literatur, älterer und in der Buchhandlung in neuester.