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Zwei Buchorte am Rande Frankreichs

Nachahmenswert

Michael Guggenheimer

Lons-le-Saunier. Hauptstadt des Departements Jura im Osten Frankreichs. Knappe 18 000 Einwohner. Der grüne Guide Michelin, eine Art Bibel der Sehenswürdigkeiten Frankreichs, weist auf die schöne Rue du Commerce mit ihren Arkaden und Häusern aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hin. Der Place de la Comédie mit dem grossen Theater, der Place de l’hôtel de ville sowie die Maison de la vache qui rit, finden Erwähnung im Reiseführer. Eine schöne Kleinstadt, in welcher der berühmte Schmelzkäse mit der lachenden Kuh hergestellt wird. Das Käsemuseum, sehr attraktiv gestaltet, ein Magnet für Touristen, die mit ihren Kindern unterwegs sind.

Aussenansicht, Wabenfenster

Unerwähnt bleibt ein Gebäude, das zunächst überrascht, dessen Besuch sich unbedingt lohnt. Die Michelin-Leute hätten dem Bau ruhig zwei Sterne geben können. Denn so kann eine attraktive Bibliothek in einer Klein- oder Mittelstadt aussehen. So kann ein Kulturzentrum sein. Einen solchen Ort besucht und benutzt man gerne! Eine nachahmenswerte Institution!

Dominique Lyon und Pierre du Besset sind die beiden Architekten aus Lyon, die das 3500 Quadratmeter grosse Gebäude mit Namen „Centre Culturel Communautaire des Cordeliers“ entworfen haben. Damit man nicht jedesmal den langen Namen aussprechen muss, heisst das Gebäude auch einfach 4C. Neben der Franziskanerkirche, die zugegebenermassen von aussen schöner ist als im Innern, liegt das Centre, das auch einfach als „La Médiathèque“ bezeichnet wird. Kurz vor der Öffnung um 13 Uhr warten schon die ersten Besucherinnen und Besucher vor der gläsernen Eingangstür. Ein grosszügiger gemeinsamer Platz verbindet Kirche und Mediathek. Das Gebäude leicht geschwungen, die Farbe ein leichtes Hellbraun, die Fensterstruktur erinnert an Bienenwaben. Ein zweistöckiges leicht wirkendes elegantes Gebäude in der Altstadt, das überrascht. Weshalb wohl ähneln manch neue Bibliotheken Schiffen? Man schaut das Gebäude an und erinnert sich an die wunderbare Stadtbücherei in Münster, die zwar um einiges grösser ist. 2012 wurde das Haus eröffnet. Und es wirkt immer noch so, als sei es erst seit kurzem in Betrieb. Ein Erdgeschoss und zwei weitere Stockwerke mit Büchern, CDs und DVDs. Nicht einmal 18 000 Einwohner und ein so gut bestücktes Haus. Im Untergeschoss zwei Kinos, mit Programmen, die sich sehen lassen. Kein Wunder sind die Kinos im Centre des Cordeliers Mitglied beim Netzwerk „Europa Cinemas“, dem Zusammenschluss der besten Programmkinos Europas. Die beiden Architekten gehören zu den wichtigen ihres Landes. Und sie wissen, was es braucht, wenn man eine Mediathek entwirft. Immerhin haben sie die Mediatheken von Troyes, Clichy-la-Garenne, von Carcasonne und Angoulème entworfen.

Hell ist das Gebäude, die grossen Fenster lassen viel Licht ins Haus. Dafür dass die Mittagssonne nicht mit zu viel grellem Licht stört, sind weite weisse Textilplanen im Innern verantwortlich. Der Zugang zur Mediathek erfolgt zweifach. Zunächst ein allgemeiner Eingang zur Bibliothek und zu den Kinos mit Infotheke und Kartenverkauf. Sitzgelegenheiten für Erwachsene und für Kinder gleich am Eingang. Dann eine Glaswand und der Zugang zur Mediathek. Langes Gebäude, genügend Zeigeflächen im Erdgeschoss für die Neuerscheinungen und für Bücher, in denen es um das Zusammenleben von Bürgern und um Politik geht. Civithèque heisst dieser Bereich, in dem sich auch nicht wenige Bücher zum Umgang mit Behörden befinden. Eine Wand, nicht höher als die Höhe einer erwachsenen Person, dient als Zeitungs- und Zeitschriftenbereich. Vor der Wand Sitzplätze und Tische, an denen Besucher lesen. Viele Zeitschriften, nationale und regionale Tageszeitungen. Keine englischen oder deutsche Zeitungen. Aber das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und die niederländische Zeitschrift „Elseviers Weekblad“ liegen auf.

Weiter hinten nach der Zeitschriftenwand die „Espace jeunesse“, das Reich der Jugendbücher. Schöne Namen tragen die beweglichen Büchermöbel: Comment découvrir le monde. Observer et découvrir, Les grandes questions, Comprendre le monde. Das Mobiliar auf Rädern: Denn hier finden regelmässig Veranstaltungen statt, der grosszügig gestaltete Bereich bietet Platz für viele Zuhörende. In einem offenen Nebenraum mit dem Namen „Le monde des petits“ farbige Sitzkissen, niedrige Stühle, es ist das Reich der Kinderbücher. Hier finden Veranstaltungen für Kinder statt. Die Büchergestelle sind nur so hoch wie Kinderhände reichen können. Der Bereich „Autour de l’enfant“ weist alle jene Bücher auf, die Eltern oder Erziehungspersonen beim Umgang mit Heranwachsenden benötigen könnten. Eine breite, leicht geschwungene Treppe führt in den ersten und zweiten Stockwerk. Wer lieber mit dem Aufzug hinauffahren will, muss im Erdgeschoss den Liftknopf etwas suchen.

Innen, Buchgestelle, alles weiss

„Arts et fiction“ lautet der Name des ersten Stockwerks, „Loisirs et documentaires“ derjenige des zweiten Stocks. Die Belletristik in der ersten, die Sachbücher in der zweiten Etage. Kein Wunder, dass der Bücherbereich „Cinéma“ in einem Haus mit zwei guten Programmkinos sehr gut dotiert ist: Bücher über einzelne Filmemacher und Filmgenres, DVDs mit einheimischen und mit ausländischen Filmen, Musikfilmen und Western. Der Bereich „Musique“ mit Büchern zur Musik aller Perioden und mit CDs. Der Bereich „Arts“ mit Büchern zur bildenden Kunst. Und natürlich, wir sind in Frankreich, fehlt der Sektor „BD & Mangas“ nicht.

Nichts wirkt hier überladen, viel freie Fläche, viel helles Licht, ein schönes modernes Mobiliar, ein grauer, geräuschhemmender Teppichboden. Arbeitstische und Computer stehen zur Verfügung. Im zweiten Stockwerk jene Bücher, die Touristen interessieren könnten: Die „Franche-Comté“ mit ihren regionalen Büchern über den „Vin jaune“ bis hin zu den „Cascades du Hérisson“ sind greifbar. Natur, Ökologie, Sportbücher, Sprachbücher sowie Bücher in leichtem Französisch für Ausländer (Français langue étrangère) sind da. In mehreren Vitrinen des „Fonds ancien“ werden Bücher zur Natur aus dem 17. Jahrhundert gezeigt, alle paar Monate werden die Exponate ausgetauscht. Ein Computerraum, in dem Kurse und Workshops stattfinden, sowie ein Arbeitsraum für Gruppen ergänzen das Angebot. Die „Lédoniens“, so heissen die Bewohner von Lons auf Französisch, scheinen ihre Mediathek zu lieben. Auch an einem heissen Sommertag sind nicht wenige Besucherinnen und Besucher im Haus. Urlaub im französischen Jura? Unbedingt das 4C besuchen!

Centre Culturel Communautaire des Cordeliers
7, rue des Cordeliers
3900 Lons-le-Saunier
T: 0033 3 84 47 85 50
4c-lons.ecla-jura.fr

Unter den Bögen

Michael Guggenheimer

Schaufenster unter den Arkaden

In keinem anderen Land haben Buchhandlungen so schöne Namen wie in Frankreich. Es gibt Namen, denen man in verschiedenen Ortschaften wieder begegnet. Den Namen «Librairie des Arcades» trifft man gleich in zehn französischen Städten an. Die älteste Buchhandlung, die diesen Namen trägt, befindet sich in Lons-le-Saunier, der Hauptstadt des Départements Jura. Nicht einmal 18 000 Einwohner zählt die schöne Stadt und besitzt neben einer wunderbaren Mediathek, um die man die Stadt beneiden könnte, eine Buchhandlung, die sich auch in einer weitaus grösseren Ortschaft befinden könnte. 1847 wurde sie unter den Bögen an der Altstadtgasse „Rue de Commerce“ gegründet und immer noch ist sie eine unabhängige Buchhandlung.

Tradition ist sichtbar. Der Holzboden im ersten Stock knarrt, die Gänge zwischen den Regalen und den Präsentationstischen sind angesichts der vielen Bücher zum Teil so sympathisch eng, dass man mitunter auch etwas warten muss, bis sich andere Kunden umgeschaut haben. Der Laden hätte modernisiert werden können, die Einteilung in die zwei Bereiche Papeterie und Buchhandlung hätte verändert werden können, man hätte aus dem einen grossen Geschäft mit seinen zwei Bereichen auf zwei Niveaus zwei deutlich getrennte Bereiche machen können. Man hat es unterlassen. Und das ist gut so.

Innen, Blick zum Eingang

Denn so kommt der Ort zu einer Grösse, kann man von den Büchern zu den Heften, von den Kalendern zu den Romanen hin und zurück. Seit Jahrzehnten sieht es im Grossen und Ganzen hier gleich aus, auch wenn hier neue Lampen und dort neue Gestelle hinzugekommen sind. Hauptsache sind die präsentierten Bücher und die schönen Papeterieartikel, sie stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Die Enge hat mit der grossen Zahl der angebotenen Bücher zu tun. Der erste Eindruck, wonach die Buchhandlung bloss eine Erweiterung der Papeterie sein könnte, täuscht. Hier ist eine ernstzunehmende Buchhandlung, die sich sehen lassen kann. Die beiden Buchhändlerinnen Marie Mannevy und Alice Breniaux sowie Buchhändler und Ladenbesitzer Philippe Guyot-Jeannin empfehlen auf rosafarbenen Banderolen Lektüren. Und das nicht zu knapp. Man staunt über die Belesenheit der drei, denn es sind nicht nur die gängigen Neuerscheinungen, die da einem ans Herz gelegt werden. Und sie machen es ausführlich und handgeschrieben. Alice Breniaux sorgt sich um die Belletristik, Mare Mannevy ist für den Bereich der Kinder- und Jugendbücher zuständig. Hier sind engagierte Lesende am Werk. Dabei scheuen sie sich nicht vor der Empfehlung von Büchern, die keine leichten Sommerferien-Lektüren sind. Alice Zeniters voluminöser Algerienroman «L’art de perdre» wird von Philippe Guyot-Jeannin als ein Buch empfohlen, das man als geschichtsinteressierter Franzose unbedingt kennen sollte, handelt es sich doch hier um einen Roman, dessen Themen-Bandbreite von Alger der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts bis zu den Vorstädten Frankreichs heute, von der ehemaligen Kolonie bis zum Mutterland heute reicht.

Buchauslage

30 000 Buchtitel auf einer Ladenfläche von 250 Quadratmetern auf zwei Stockwerken weist die Buchhandlung auf. „Les rayons classiques“ nennen die Buchhändler jene Bereiche, die in jede grössere Buchhandlung gehören. Die Hinweise auf den Regalen sind von Hand und gross mit Flizstift geschrieben und heissen: Littérature française, Littérature étrangère, Documents et Témoignages, Classiques, Psycholgie et Spiritualité, Esoterisme. Im Herbst soll die Signaletik in der Buchhandlung noch modernisiert und verbessert werden, sagt der Besitzer. Zur Literatur über den Jura gehören kunstgeschichtliche und historische Bücher sowie Bildbände. Und verweilt man sich etwas bei den Wanderführern und Wanderkarten, dann wird klar: Der französische Jura ist ein unglaublich reiches und weites Wander- und Radfahrgebiet. Die grosse Abteilung mit den Krimis ist alphabetisch nach den Namen der Detektive und Kommissare geordnet.

Innenansicht

Die Tische mit den „Nouveautés“ lassen sich ebenso mit Stolz sehen wie die Kunstbände und die Bücher zu den diversen Hobbys im ersten Stockwerk. Die Auswahl ist in allen Gebieten reich, das Personal sehr aufmerksam: Man wird gefragt, ob man beraten werden möchte und dann in Ruhe gelassen. Wie in jeder französischen Buchhandlung ist die Zahl der Bücher in den Gestellen mit der Aufschrift BD reich. Bücher in Grossbuchstaben sind auch da. Ein eigenes Gestell gilt Büchern zur Fotografie und Fotografiegeschichte, was den Schreibenden erfreut, weil er hier zwei Bücher findet, denen er bis anhin nicht begegnet ist. Womit es wohl zu tun hat, dass die Anzahl deutscher und englischer Bücher eher klein ist? Vielleicht mit der peripheren Lage des französischen Juras? Paris ist weit weg, die Provence auch, der Jura gehört nicht zu den Publikumsmagneten. Und das ist schön so. Dies obschon man auf den Strassen in der Ferienzeit nicht wenige Fahrzeuge mit deutschen und niederländischen Autokennzeichen sieht. Weil zwischen der Buchhandlung und der im Nebenhaus liegenden Papeterie Durchgänge sind, erliegt man schnell der Versuchung und landet sowohl im Erdgeschoss als auch im ersten Stockwerk dort, wo farbige Hefte und Kalender, Stifte, Füller, Geschenkpapiere und Karten verkauft werden.

Worauf man achten soll, wenn man in Lons-le-Saunier die Buchhandlung aufsuchen will? Zwischen 12 und 14 Uhr sind die meisten Läden geschlossen. Auch die Buchhandlung.

Librairie des Arcades
63, Rue du Commerce
39000 Lons-le-Saunier
T: 0033 3 84 24 08 23
www.librairie-arcades-lonslesaunier.fr

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