FERMENTO. Anarchistische Bibliothek, Zürich

Diskussionsort

Michael Guggenheimer

„Das Erteilen von Befehlen ist uns genauso zuwider wie die Gehorsamkeit. Was wir sind und was wir wollen beginnt mit einem Nein.“ So steht es auf der Rückseite des Buches „In offener Feindschaft … mit dem Bestehenden, seinen Verteidigern und seinen falschen Kritikern“, in dem es um den Anarchismus geht. Und weiter heisst es dort: „Das Beste was diese Gesellschaft anzubieten hat (eine Karriere, ein Ansehen, ein plötzlicher, grosser Gewinn, die „Liebe“) interessiert uns ganz einfach nicht.“ Anarchie bedeutet den meisten Chaos, Durcheinander, Gesetzlosigkeit, Herrschaftslosigkeit, Unordnung. Davon dass Anarchie auch künstlerische Kreativität auslösen kann, zeugen Äusserungen in einer Ausstellung im Zürcher Literaturmuseum Strauhof. Und wenn die Ausstellung vorbei ist und man noch mehr über Anarchie erfahren will? Dann ist Fermento da, die Anarchistische Bibliothek an der Josefstrasse. Ein Ladenlokal, in dem bis vor wenigen Monaten das Buchantiquariat „Bücher Schmid“ untergebracht war und wo Zürcher Maler regelmässig ihre Bilder ausstellen konnten. Eine Durchreiche an der rechten Wand deutet auf die noch weiter zurückliegende Geschichte des Ladens: Hier befand sich einst der kleine Nebensaal einer alkoholfreien Gaststätte mit Namen „Wasserrad“. Wasserrad wohl wegen der Lage im damaligen Industriequartier. Und Wasser vielleicht, weil hier weder Bier noch Wein ausgeschenkt wurden.

Im Erdgeschoss von Fermento

Doch zurück zur Anarchie. Zwei Homesites hat Fermento parallel geschaltet. Die eine Homepage zeigt eine nicht mehr gültige Adresse an. Und die angegebenen Öffnungszeiten nur am Mittwoch und Samstag treffen auch nicht zu, denn Fermento an der Josefstrasse, darauf weist die zweite Homepage hin, ist jeweils von Mittwoch bis und mit Samstag offen. Anarchie mit Augenzwinkern? Anarchistische Spielerei? Eine Kaffeemaschine, bequeme Sitzmöglichkeiten, zwei freundliche junge Leute, die hier mit anderen eine kleine Bibliothek betreiben und Zeitschriften und Broschüren verkaufen. Fermento ist nach vier Jahren an einer unwirtlichen Randlage an Zürichs meist befahrener Autostrasse an die Josefstrasse im Kreis 5 umgezogen. „Unser Bücherbestand sowie auch unser Archiv sind unterdessen weiter angewachsen. Wir würden uns wünschen, dass diese Bibliothek ein Werkzeug zur Förderung der Auseinandersetzung und der Aktion der ganzen anarchistischen und antiautoritären Bewegung sein kann.“, heisst es in einem Flugblatt. Und weiter: „Auch an der neuen Adresse will diese Bibliothek nicht Bücher als Waren zur Unterhaltung anbieten, noch sollen die gedruckten Materialien zum blossen Studium dienen oder als Flucht in die Nostalgie. Das Fermento will ein Ort der Diskussion und des Austausches sein, ein Ort, der die Ideen von Freiheit, Solidarität und Rebellion gegen die Unterdrückung zum Gären bringt, ein Ort, der den Tatendrang belebt, die herrschenden Verhältnisse umzuwälzen. Ein Ort, um einer alten Frage neuen Raum zu geben: jener der sozialen Revolution.“

Während im Erdgeschoss Zeitungen und Reprints wie „Unsere Kampfesweise“ aus der Zeit 1881-1885, die Schrift „Anarchie“ von Errico Malatesta aus dem Jahr 1907 oder „Die anarchistische Internationale und der Krieg vom Februar 1915“ und Elisée Reclus „Weshalb wir Anarchisten sind“ aus dem Jahr 1908 verkauft werden, eröffnet sich die Breite anarchistischen Denkens im Kellergeschoss, zu dem eine Metalltreppe führt. Hier weisen Buchtablare Titel auf wie Schweiz, Spanien, Russland, Italien, Frankreich, Griechenland oder Naher Osten. Daneben Tablare mit den Titeln Gefängnis, Militarismus, Rätekommunismus, Technologiekritik. Das Bücherangebot ist eher locker aufgestellt, nirgendwo der Eindruck, dass die Bibliothek demnächst aus den Nähten platzen könnte. Unter der freischwebenden Treppe Arbeitstische. Man kann sich hier in die Geschichte der anarchistischen Bewegung vertiefen, man kann sehen, dass Albert Camus, G. B. Shaw, Henrik Ibsen, James Joyce, B. Traven oder Henry D. Thoreau sich dem Anarchismus verbunden gefühlt haben.

Im Archiv stehen zahlreiche Schachteln mit ausländischen anarchistischen Zeitschriften

„Hier geht’s zum Archiv“ heisst es auf einem Blatt an der Wand zum Nebenraum hin. Ein Kopierautomat, ein Arbeitstisch, ein bequemer Stuhl laden ein. Ordner voller Zeitungsartikel von der Frühzeit des Anarchismus bis heute. Man blättert durch die Kopien und stellt fest, dass die Bewegung im Schweizer Jura, in Belgien, den Niederlanden, in Spanien und Italien spannende Auseinandersetzungen mit Zeitfragen kannte. Mitunter finden offene Diskussionsabende bei Fermento statt: “Ein Abend ohne vorgegebenen thematischen Rahmen“, heisst es, „einfach ein offener Raum, um über das zu reden, was uns gerade beschäftigt: zusammen einen kritischen Blick auf die Geschehnisse in der Welt werfen, über aktuelle Ereignisse von hier und anderswo diskutieren oder einfach Gedanken und Ideen teilen, die man schon lange einmal aufs Tablett bringen wollte.“ Das Wort Fermento ist italienisch und bedeutet Gärstoff. La città e in fermento“ heisst „In der Stadt gärt es“. Auf dem Plakat im Laden steht: „In einer Zeit, da eine kulturelle Abflachung vorzuherrschen scheint, die uns der Fähigkeit beraubt, uns etwas anderes vorzustellen, danach zu verlangen und dafür zu kämpfen, will diese Bibliothek Gärstoff liefern, um dieser Tendenz zu trotzen. Um als Menschen, die mit dieser Welt in Konflikt stehen, unsere Kenntnisse zu vertiefen und unsere Ideen zu schärfen. Um uns die – auch kulturellen – Mittel zurückzuerobern, die man uns entziehen will: Mittel, die uns helfen können, uns zu befreien, und all das zu bekämpfen, was uns daran hindert“. Noch ist das Angebot an Diskussionsrunden schmal. Der offene Laden könnte ein Treffpunkt, ein Ort der Auseinandersetzung sein, der er noch nicht wirklich ist.

Draussen vor dem Ladenlokal wird in einem Drehgestell „Dissonanz“, die anarchistische Zeitung, die jeden zweiten Mittwoch erscheint, zum Verkauf angeboten. In zwei weiteren Drehgestellen warten preisgünstige Reprints anarchistischer Literatur auf Käufer. Noch gibt es im Keller und im Erdgeschoss viel Platz für mehr Bücher. Fermento vermag erste Neugier zu befriedigen. Wer aber mehr über die anarchistische Bewegung erfahren will, dem sei ein Besuch beim „Centre international de recherches sur l’anarchisme“ (CIRA) in Lausanne mit seinen 20 000 Büchern und 4000 Zeitschriften, 100 von ihnen erscheinen noch heute, empfohlen. Die Titel sind online abrufbar. Die Bibliothek, professionell von Freiwilligen geführt und an jedem Werktag abends geöffnet, ist die grösste ihrer Art in Europa.

FERMENTO. Anarchistische Bibliothek
Josefstrasse 102
8005 Zürich
fermento.noblogs.org

 

Fermentationsstarter

Heinz Egger

Es stand letzthin gross in der Zeitung: Kleider werden immer billiger, und es geht immer noch billiger. Dies aber nur auf Kosten jener, die die Kleider nähen. Sogar vor Kinderarbeit schrecken die Hersteller nicht zurück. Die Arbeitnehmenden sind in einer Notsituation. Arbeite oder stirb. Wie viele sich gern gegen diese neue Art der Versklavung wehren möchten, berichten uns Nichtregierungsorganisationen. Und es ist allgemein bekannt, dass zahlreiche Regimes auf dieser Welt brutale Unterdrückung ausüben. Auch hier hören wir von Leuten, die sich wehren und deshalb nur noch mehr Ungemach erleben. Und es kennt es auch von sich: Hin und wieder möchte man alle Strukturen, die einen niederbinden, zerschlagen. Also haben wir alle gelegentlich anarchistische Gedanken. Die Strömung des Anarchismus ist uralt. So war auch die Französische Revolution zu Beginn einfach ein Akt der Befreiung aus den bestehenden Autoritätsverhältnissen.

Passend steht neben der Eingangstür zur Anarchistischen Bibliothek Fermento in Zürich dieser Spruch: Um die Revolution wie ein glühendes Eisen durch unser Jahrhundert ziehen zu lassen, gibt es nur eines zu tun: die Zerstörung der Autorität. Das Zitat stammt von Ernest Coeurderoy, einem französischen Anarchisten zur Zeit der Revolution von 1848.

Ständer mit der Zeitung Dissonanz

Vor dem Eingang bieten drei Ständer die Zeitschschrift Dissonanz in mehreren Ausgaben, Literatur in kleinen Heften und Karten an. Und an diesem Ort treffen sie sich, die Anarchisten. Zwar haben sie einen Verein gegründet, um das Lokal mieten zu können, aber sie sind gegen Strukturen, stehen also bloss im regen Austausch, treffen sich zu Diskussionen, die im Lokal, aber auch im Internet unter fermento.ch angestossen werden. Eine Person, die zu Aussagen zum Thema berufen ist, Texte zur Vorbereitung, mehr braucht es nicht für einen heissen Abend. Im Erdgeschoss des Fermento gibt es Literatur aus dem Eigenverlag „Konterband Editionen“, Kopien von ausländischen anarchistischen Zeitschriften und eine Kaffeemaschine.

Im Untergeschoss befindet sich die Bibliothek. Schon wenn man die eiserne Treppe hinabsteigt, stehen da Bände in verschiedener Sprache. Robert P. Wolff „Eine Verteidigung des Anarchismus“, „Le diable au corps“, eine Sammlung von Artikeln aus der Revue „Diavolo in corpo (1999-2000), Fredy Perlamann „La riproduzione della vita quotidiana“.

Im Bauch der blauen Bibliothek

Während man Tritt für Tritt tiefer steigt, taucht man in einen dunkelblau gestrichenen Raum ein. Die Lampen werfen ein grelles Licht auf die farbigen Buchrücken und Covers. Auf den metallenen Tablaren ist alles feinsäuberlich nach Themen geordnet: Gefängnis, Militarismus, Anarchismus Diverses, Rätekommunismus, Situationisten, Surrealisten. Das Stichwort Literatur findet sich auf mehreren Tablaren. Auffällig ist eine Sammlung von Werken, die B. Traven geschrieben hat: „Die Rebellion der Gehenkten“, „Leichnam“, „Ungeladene Gäste“, „Reich der Caoba“, „Die weisse Rose“. Dann sind da auch Werke des Marquis de Sade, von Franz Kafka, Karl Kraus, George Orwell. Auf einem Tablar stehen die Bücher von Alfredo M. Bonanno in einer blau gebundenen Ausgabe: „Trattato delle Inutilità; Parte prima ‚Jamais‘; Parte seconda ‚Rien'“ in sechs Bänden. Auf einem weiteren findet sich unter Philosophie beispielsweise Nietzsche und Gorges Bataille mit den Werken „Aufhebung der Ökonomie“ und „Faschismus – Souveränität“.

Auch über die Schweiz sind Informationen verfügbar: Robert Grimm „Geschichte der Schweiz in ihren Klassenkämpfen“ und „Geschichte der sozialistischen Ideen“. Marianne Enkell „La fédération jurassienne“, Luigi Lucheni „Ob mit Dolch, Feile oder Revolver“, Werner Portmann „Die wilden Schafe“, Regula Bochsler „Ich folgte meinem Stern“, Karl Lang „Kritiker-Ketzer-Kämpfer“. Anarchistische Schriften aus Deutschland, Spanien, Russland und Osteuropa, Italien, Südamerika, China und dem Nahen Osten liegen auf.

Ein eichener Tisch mit hochklappbaren Teilen steht hinten im Raum teilweise unter der Treppe. Eine Sitzbank mit Kissen lädt zum Lesen oder Diskutieren ein. Dahinter in einer Nische des Kellers stehen Kästen mit kleinformatigen Broschüren. „Anarchismus ältere Texte“ und „Anarchismus neuere Texte“. Blaue Blätter gliedern die eingesteckten Büchlein. Auch hier wieder eine saubere Gliederung: Technologiekritik, Schädlichkeiten, Urbanismus, Patriarchat, Schule, Nuklear-, Gen- und Nukleartechnologie. Aus diesem letzten Bereich schaut eine hochformatige Broschüre heraus: „Manifesto della coalizione contro le nicività“.

Viele der Broschüren sind Nachdrucke von Artikeln aus Zeitschriften, teilweise Übersetzungen. So auch die folgenden Büchlein: Anonym „Für die Umwälzung der Welt“, Lope Varga „Um die Rechnungen zu begleichen – gegen die Justiz, ihre Richter und ihre Gefängnisse“, Alfredo M. Bonanno „Malatesta und das Konzept von revolutionärer Gewalt“ und „Die Rebellion“. Der Name Bonanno taucht häufig auf. Alfredo Maria Bonanno wurde 1937 in Catania geboren. Er ist einer der wichtigsten Theoretiker des Anarchismus‘ in Italien und fand durch die Übersetzung seiner Essays und Bücher breite Bekanntheit.

Alle Bücher können ausgeliehen werden. Da es für die Bibliothek keine Mitgliedschaft gibt, wird ein Depot verlangt.

In der Einleitung zu „Reise ins Auge des Sturms“ von Pierleone Porcu, übersetzt aus dem Italienischen 2014 und erschienen in den Konterband Editionen, steht: Die Demokratie ist die ausgefeilteste Form der Herrschaft und trotzdem hat sich die Natur der sozialen Verhältnisse nicht geändert, denn sie basiert auf Zwang und Autorität.

Damit haben die Anarchisten wohl ein Stück weit Recht, obwohl die Demokratie den meisten eine höhere Partizipation und einen bedeutend grösseren Raum der Freiheit bietet. Die Aussage bezieht sich aber sicher auch auf die Wirtschaft, in der Demokratie nach wie vor ein Fremdwort ist, denn sie funktioniert immer noch in hierarchischen Strukturen, die zu Ungleichheit führen. Angesichts der eingangs erwähnten menschenverachtenden Systeme braucht es weiterhin Kräfte, die Veränderung anstreben. Ob aber der Aufstand, die Revolution als glühendes Eisen das richtige Mittel ist in Anbetracht der zahlreichen in der Geschichte dokumentierten gescheiterten Revolutionen?

 

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