Motto, Zürich

Motto war der Name

Michael Guggenheimer

Durch die Scheibe gesehen - das Logo von Motto

Alle die Orte, die es einmal gab. Alle die Buchhandlungen, die es in Zürich nicht mehr gibt. Es ist ein Jammer diese lange Liste, es ist ein Trauerzug der toten Bücher: Waldmann an der Bahnhofstrasse. Krauthammer zuerst an den Oberen Zäunen geschlossen und später in der Marktgasse ein zweites Mal, Rascher am Limmatquai, Dr. Oprecht an der Rämistrasse. Elsässer am Limmatquai. Rohr im Oberdorf, Payot an der Bahnhofstrasse, Freihofer an der Universitätsstrasse, Howeg am Waffenplatz, Bachmann an der Kirchgasse, Däniker im In Gassen, Pinkus an der Froschaugasse, Ruth Dangel an der Mühlegasse, die Krimibuchhandlung bei der Nordbrücke, Humana beim Bahnhof Stadelhofen, die Buchhandlung Platte von Hansrudolf Zbinden an der Zürichbergstrasse, die Buchhandlung Enge, die grosse Buchabteilung im Kaufhaus Jelmoli, Madliger-Schwarz hinter dem Paradeplatz und die Christliche Vereins Buchhandlung CVB am Limmatquai. Erloschene Namen. Als letzte Buchhandlungen in der langen Reihe der früheren Buchorte Barth an der Bahnhofstrasse und Romanica an der Schifflände.

Unbeachtet und in keinem Zeitungsartikel betrauert ist Motto aus der Stadtlandschaft verschwunden. Zwei Jahre lang gab es Motto, zuletzt an der Kochstrasse im Kreis Aussersihl. Motto war Filiale einer Buchhandlung in Berlin. Ein Jahr lang war Motto an der Langstrasse domiziliert, dann kam der Umzug an die Kochstrasse. Motto war ein Geheimtipp. Zuerst an drei Nachmittagen pro Woche geöffnet, am Schluss bloss noch am Samstagnachmittag. Untergebracht in einem ehemaligen Ladenlokal, in dem einst vielleicht Lebensmittel verkauft wurden. Mit zwei Grafikern teilte Motto die Ladenfläche. Waren die beiden nicht an der Arbeit, wurde ihr Arbeitstisch an einer Seilwinde in die Höhe gehoben und wartete auf die beiden hoch über den Köpfen der Kunden unter der Decke. So wenige Kunden kamen hier vorbei, dass sich Grafiker und Kunden gegenseitig nicht störten. An Dienstagabenden wurden im selben Raum regelmässig Vorträge und Diskussionen zu Designfragen durchgeführt. Und es passte. Denn Motto war eine Buchhandlung mit Büchern aus den Bereichen Design, Grafik, Fotografie und Kunst. Alexis Zavialoff, geboren 1974, „half French and half Russian photographer and filmmaker“ war der Eigentümer von Motto. Motto Berlin gibt es noch an der Skalitzer Strasse. Es gibt Motto auch in Brüssel und in Toronto. Motto Zürich hatte einen zu kleinen Kundenkreis. Die Genfer Kunststudentin Geraldine Beck-Gallay, die kein Deutsch sprach und deshalb in französisch und amerikanischem Englisch bei Motto als Verkäuferin fungierte, hatte zu wenig zu tun, der Umsatz war zu klein. Motto wurde am Samstag, 16. Juni 2012 nachmittags gegen 14.45 Uhr geschlossen. Die Bücher wurden mit einem Mobility Lieferwagen abtransportiert. Ein Teil des Bücherbestandes kam in die Buchhandlung der Basler Kunsthalle. Im Netz steht: THE ZURICH STORE IS UNFORTUNATELY CLOSED, YOU CAN FIND OUR BOOKS IN KUNSTHALLE BASEL FROM NOW ON. Die beiden letzten Kunden haben das wunderbare Fragenbuch von Fischli –Weiss und das Buch „A smart guide to utopia“ gekauft. Im Untertitel heisst es noch „111 inspiring ideas for a better city“. Wenn eine Buchhandlung nach der anderen vom Stadtbild verschwindet, dann ist das eher „on the way to a poorer city“. Schade!

Motto Berlin
Skalitzerstr. 68
D-10997 Berlin
T: +49 (0)30 48816407
www.mottodistribution.com

 

 

„Was ist Ihr Motto?“

Heinz Egger

Bernadette steckt den Schlüssel ins Schloss. Sie dreht ihn und stösst die Türe auf. Als sie innen wieder schliessen will, treten zwei Männer auf das Geschäft zu. Der eine fragt, ob offen sei. Bernadette scheint nicht zu verstehen. Sie schaut den Mann etwas verdutzt an, gibt dann auf Englisch Antwort. Nein, eigentlich sei nicht offen. Nicht mehr. Das Geschäft werde auf Ende Juni geschlossen. „Actually, the books will be removed on Monday or Tuesday next week.“ Das Corner College (www.corner-college.com) hingegen bleibe, nur Motto ziehe weg.

Sie lässt die beiden aber doch eintreten. Die Bücher sind ja noch da, zwar nicht mehr so gut geordnet, aber eben noch verfügbar. Mit vereinten Kräften stellen sie zwei Tische beiseite, sodass die Bücherecke wieder zugänglich ist. Kunstbücher im weitesten Sinn ist das Angebot. Bücher über Kunst ebenso wie Kunst als Buch, Projekte, Konzepte – vielmals L’art pour l’art. Während die beiden Herren sich in den Regalen umschauen, betritt ein Paar den Laden. Auch sie sind erstaunt, dass der kleine Buchladen nicht mehr existieren soll.

Bücher für Kunst und Design in den Gestellen bei Motto

Bernadette nimmt ihr Smartphone, startet eine Recorder-App und tritt zum jüngeren der beiden Herren. Sie fragt: „What’s your motto?“ Er schaut sie an, verliebt, sich sofort in ihre blauen Augen und sagt: „Carpe diem.“ Sie kichert. „Ah, ein Epikuräer. Und was pflückten Sie heute schon?“ „… zwei wunderschöne Augen“, erwidert er augenzwinkernd. Er habe am Morgen, als er sein Notizbuch für den Besuch im Buchladen vorbereitet habe, dieses Motto auf die Seite gekritzelt. Und es sei doch eine schöne Fügung, dass er als einer der letzten Kunden in ihrem Laden stehe. Und weshalb sie das frage. „Oh, actually, I would like to start a project that plays with mottoes.“ In welchem Zusammenhang das Projekt stehe, fragt er weiter. Sie sei Kunststudentin. „Actually, I would like to compile materials for a collage.“ So wie sie das Wort „Collage“ sagt, kann sie nicht englischer Muttersprache sein. In der Tat, Bernadette stammt aus Genf. Als sie sich entfernt, schaut er ihr nach und glaubt zu sehen, dass sie ihrer Arbeit im Motto nachtrauert.

Der ältere Herr sieht sie kommen und verwickelt sie in ein Gespräch. Was aus dem Motto denn werde. Sie erzählt, dass in Basel eines aufgegangen sei. Das Haupthaus stehe ja in Berlin. Wie lange sie hier gearbeitet habe und was sie ohne Motto zu tun gedenke. Sie habe mehr als ein Jahr ihre Freizeit hier gesessen und „actually, I am full of ideas.“ Gern würde sie ein Projekt starten. Zusammen mit anderen. Sie möchte in einem Lokal, in dem Kleinkunst und Filme geboten werden, einen eigenen, kleinen Laden einrichten. Kunstbücher, so etwa 100. Klein, aber fein solle es sein. „Actually, it’s pretty sure that it will start somewhere in September“. Und was denn ihr Motto sei. Spontan erwidert sie: „Actually, I haven’t any. Don’t try to change things that you cannot change, I think very often.“ Sie lächelt und geht weiter, ohne zu merken, dass ihr der Herr sein Motto nicht verraten hat.

Auch das Paar interviewt sie. Dann beginnt sie, Papiere zusammenzulesen und aufzuräumen. Ganz erstaunt ist sie, dass alle Besucher mit einem Buch den Laden verlassen. Schön, wenigstens am letzten Tag ein kleines Geschäft, denkt sie.

Als alle draussen sind, schliesst sie die Türe ab, setzt sich auf den breiten Fenstersims beim Schaufenster und will nochmals hören, was sie in den Interviews aufgezeichnet hat. Entsetzt starrt sie auf den kleinen Bildschirm, streicht darüber, klopft darauf, wieder und wieder. Nichts wurde aufgezeichnet! Sie wirft das Gerät auf den nahen Tisch. „Shit“, ruft sie laut. Für Momente sitzt sie mit angezogenen Knien da und starrt auf den Tisch, auf dem sich Papiere türmen. Ob sie an ihr eigenes Motto denkt? Jedenfalls lächelt sie unvermittelt, steht auf und holt ihr Smartphone wieder. Sie setzt sich ins Schaufenster und schon bald redet sie wild gestikulierend. Worüber?

 

 

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