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Baubibliothek ETH, Zürich

Baubibliothek ETH
Stefano-​Franscini-Platz 5
HIL E 2
8093 Züric044 633 29 05
Baubibliothek (Standort, Öffnungszeiten)

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Zum Text von Heinz Egger

Architektur-Entdeckungstour

Michael Guggenheimer

Hönggerberg heisst der Campus der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) ausserhalb des Stadtzentrums Zürichs. Moderne grosse Bauten auf einer grünen Anhöhe, bei gutem Wetter sitzen Studierende in den Vorlesungspausen an Tischen vor den Bauten. Das Areal wirkt wie eine eigene geschäftige Stadt mit Läden, Cafés und Restaurants, in der das Leben von morgens früh bis abends spät pulsiert, weil hier nicht nur geforscht und gelehrt wird. So viele Veranstaltungen finden auch abends auf dem Hönggerberg statt, dass man hier ohne weiteres die ganze Woche lang als Teilnehmer kultureller Manifestationen bleiben könnte. Ein architektonischer Wurf, ein Reiseziel für Architekturtouristen mag vielleicht die Anlage in ihrer Gesamtheit sein, die einzelnen Bauten wirken nicht so. Wer sich aber für Architektur interessiert, der kommt – auch als Architekturliebhaber und Nicht-Fachperson – im Haus HIL E 2 am Stefano-Franscini-Platz 5 auf seine Rechnung. Baubibliothek heisst der Ort, in dem alle Aspekte des Bauens und der Architektur in Büchern und Zeitschriften Studierenden, Lehrenden und interessierten Besuchern offenstehen.

Büchergestelle rings um die zebtrale Wendeltreppe

Auch ältere Besucher, solche, die eindeutig nicht zum Stab der Hochschule gehören, werden freundlich begrüsst. Nein, man müsse den Rucksack nicht in einem der Schliessfächer vor der Bibliothek ablegen. Bitte sehr, schauen Sie sich um. Zwei Etagen umfasst die Bibliothek, eine breite geschwungene Treppe führt zum Obergeschoss. Unten bei der Auskunftstheke die Zeitschriften. Über 250 Titel sind ausgelegt, weitere über 300 sind auch noch zu haben. Das Spektrum reicht von Titeln wie Intelligent bauen und Das ideale Heim über Intelligentes Wohnen, Gartenbaukunst zu Holztechnologie, The Architectural Review, Architecture and Urbanism bis hin zu Arch+, Deutsche Bauzeitschrift, Wood Design and Building. Als an Architektur interessierter Besucher kann man lange bei den Zeitschriften, bei den schönen Bildern moderner Wohn- und Industriebauten verweilen.

Recherchestationen, Zeitschriftengestelle

Man blättert die Zeitschriften durch, entdeckt in ihnen Bildern von wunderbaren Bibliotheken wie die Stadtbibliothek von Stuttgart und Bibliotheken in Dänemark und Holland, schaut sich um und ist etwas enttäuscht über die etwas nüchterne Nutzbautenarchitektur, in der sich die Baubibliothek befindet. 100 000 Publikationen zähle die Bibliothek, heisst es an der Auskunftstheke. Und nochmals so viele befänden sich im Magazin. Im unteren Bibliotheksteil befindet sich eine Materialbibliothek mit Holz- und Steinmustern. Angehende Architektinnen und Architekten, die bei ihren Entwurfsarbeiten intensiv am Bildschirm sitzen, können hier Materialien kennenlernen, die beim Bauen verwendet werden. Die Ordnungsgeografie der Bibliothek eröffnet sich dem Besucher schnell: Architektur, Raumplanung, Kulturtechnik, Geodäsie und Kartographie, Bauingenieurwesen, Naturwissenschaften, sind die Gestelle angeschrieben. Und weil Architektur nicht im luftleeren Raum betrieben wird, finden sich da auch Gestelle mit Literatur zur Kunst und zu Geistes- und Sozialwissenschaften, zu Umweltrecht und ganze Sammlungen von Planungs- und Baugesetzen.

Endlose Gestellreihen, Arbeitsplätze mit Glastrenner

Für den nicht-fachmännischen Liebhaber von Architektur, der sich nicht mit Baurecht oder Statik befasst, stehen DVD’s zur Verfügung, mit denen man sich etwa mit Rem Koolhaas, Robert Maillart, Le Corbusier und Andrea Palladio vertraut machen kann. Und schreitet man die Bücherregale ab, entdeckt man Text- und Bildbände zu Architekten, deren Bauten man schon gesehen hat. Die Reise durch die Architekten-Monografien beginnt aber näher als man erwartet hat: Der eigene Schreibtisch und der Stehpult zuhause sind Designprodukte aus der Werkstatt von Egon Eiermann. Und da entdeckt man auf einmal in einem der Bücher, dass er in der Nazi-Zeit vor allem Industriearchitektur schuf und dass er nach dem Krieg trotz seiner Beteiligung an der Berliner Hitler-Propagandaausstellung «Gebt mir vier Jahre» (1937) neu durchstarten konnte. Und man fragt sich wie man mit dieser Nähe eines bedeutenden deutschen Architekten der Moderne in Zukunft umgehen soll. Da fallen einem Bücher über die Architekten Hans Poelzig und Max Berg auf, deren Namen man erstmals in Zusammenhang mit wichtigen Bauten der frühen Moderne in Wroclaw begegnet ist. Und da stehen Bände über den österreichisch-amerikanischen Architekten Richard Neutra, den man von Architekturwanderungen in Brione sopra Minusio und Ascona im Tessin in Erinnerung hat. Man nimmt diese Bände zur Hand, setzt sich an einen der Arbeitstische oder in einem der Sessel der Bibliothek und versinkt in Bildern schöner Bauten und liest sich durch die Baubiografien von Architekten wie Jacobus Oud, Richard Meier, Moshe Safdie. Dass Architekturbüros aus der Schweiz in der Schweiz und im Ausland bedeutende Bauten entworfen haben, wird in all den Publikationen zu Robert Maillarrt, Le Corbusier, Herzog & de Meuron, Mario Botta, Luigi Snozzi, Peter Zumthor, Annette Gigon, Max Dudler, Max Bill und Hannes Meyer deutlich. Weiterlesen will man. Ein Grund, um demnächst wieder einen Besuch in der Baubibliothek zu machen. Wie schade, dass dieser Ort voller Architektenleben an Samstagen nicht zugänglich ist.

Universeller Ansatz

Heinz Egger

HIL E 2 – genau so nüchtern wie diese Bezeichnung ist das Gebäude auf dem Campus der ETH auf dem Hönggerberg. Aussen eckig mit dunkler Fassade, innen grosszügig mit Treppenhaus in einem Lichtschacht. Sobald man aus den Treppen hinaustritt, wird die Atmosphäre anders: schwerer, dunkler, industrieller. Diesen letzten Eindruck vermitteln nicht zuletzt die endlosen Reihen von blauen Metallkästen, in denen die Studierenden ihre Sachen einschliessen können.

Baumaterialbibliothek

Über der Tür steht gross „Baubibliothek”. Warum nicht Architekturbibliothek, wenn sie sich schon mitten in der Architekturabteilung befindet? Die Bibliothek bietet eben mehr als nur Architektur. Neben den etwa 100’000 in Regalen aufgestellten Büchern zu allen Themen der Architektur und mit ihr verwandten Bereichen, gibt es eine grosse Materialsammlung. Sie befindet sich gleich vom Eingang her geradeaus an der Informationstheke vorbei in einem weissen Raum, der über zwei Etagen hoch ist. Da ist es sehr hell. Die Wände sind mit schallschluckenden Tafeln belegt. Die Muster der Löcher darin erinnern aus der Ferne an bedruckte Buchseiten. Auf schwarzen Gestellen werden unzählige Muster von Baumaterialien präsentiert: Holz, Metall, Beton, Ton, Glas, Kunststoff, Stein. Es sind nicht nur rohe Materialien, sondern auch Gegenstände, wie Bausteine, beispielsweise Vormauer-Tonziegel oder Leichtlehmsteine, Fliesen aus Beton und Ton, eingefärbt oder mit Mustern, Metallprofile und, und, und bis hin zur Solarzelle.

Ganz besonders spannend ist die Sammlung von Holzverbindungen, traditionellen und modernen. Darunter hat es auch japanische, beispielsweise die „Shingiri daimochi tsugi”. Es ist, wie das aufgeklebte Schild preisgibt, eine Halsverbindung, die Säulen mit Querbalken verbindet.

Wer mehr Information zu einem Material sucht, der legt es auf einen Scanner. Ein Barcode ruft dann die entsprechenden Angaben auf den Bildschirm. Wenn ein Stück zum Transport zu schwer ist, liegt daneben eine Rolle mit Klebeetiketten, mit denen die Information ebenfalls aufgerufen werden können. Es sind mehr als 1000 Materialien vorhanden.

In den Anfängen der damals noch „Bauschule” genannten Abteilung, die Gottfried Semper in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts leitete, seien die damals üblichen Materialien gesammelt worden und so sei eine erste Baumaterialbibliothek entstanden, sagt Olivier Gygi, der operative Teamleiter der Baubibliothek. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts habe diese Sammlung aber an Bedeutung verloren. Erst durch die Virtualisierung, der Herstellung von Plänen und Konstruktionen am Computer sei das Bedürfnis nach einer Sammlung von Materialien wieder wichtig geworden. Seit etwa 2010 sei eine neue Baumaterialbibliothek entstanden. Die rege Nutzung zeige, wie wichtig es sei, die verwendeten Materialien nicht nur von Datenblättern zu kennen, sondern auch haptisch zu erfahren. Eine weitere solche Bibliothek steht in der Kunstbibliothek im Sitterwerk bei St. Gallen. Mit dieser Bibliothek bestehe eine Zusammenarbeit, sagt Olivier Gygi.

Wendeltreppe von oben

Den grösseren Teil der Bibliothek belegen aber Büchergestelle. Sie sind auf zwei Etagen verteilt, die über eine breite Wendeltreppe verbunden sind. Neben den ausgestellten Büchern seien noch weitere etwa 100’000 Bände in einer Magazinbibliothek eingelagert, erklärt Olivier Gygi. Alle Bestände, die vor 1900 herausgekommen sind, werden in der zentralen Bibliothek im ETH-Hauptgebäude aufbewahrt.

Die Baubibliothek bietet als weitere Infrastruktur 150 Arbeitsplätze für Studierende, acht Recherchestationen, Drucker, Buch- und Flachbettscanner sowie Kopierer.

Im unteren Stockwerk stehen neben der Baumaterialbibliothek die Gestelle mit den Zeitschriften – 580 an der Zahl. Schon hier zeigt sich, wie breit das Spektrum der Bibliothek ist. Es geht nicht nur um Architektur im engeren Sinne, sondern um eigentlich unser ganzes Leben. Denn Architektur gibt uns Haus und Garten, ein Quartier, eine Stadt.

Wie viele Lebensbereiche das Bauen tangiert, wird klar, wenn man den Gestellen der Bücher entlang geht. Auf den Stirnseiten ist angegeben, was in den Gestellen steckt. Geistes- und Sozialwissenschaften steht auf einem. Die Themen darin reichen von der Philosophie über Psychologie zum Staat, der Politik, der Wirtschaft, zum Recht zur (Kultur-)Geschichte und zur Zukunftsforschung. Sogar Belletristik ist dabei. Dabei wird nicht bloss auf die Schweiz eingegangen, sondern auch auf das Ausland.

Auch im oberen Stock stehen die Gestelle aus verzinktem Blech eng gedrängt und sie sind alle voll. Kaum eine Studentin oder ein Student wird einfach so durch diese engen Gassen streifen und staunen, was das alles angeboten wird. Die Fokussierung im Studium führt wohl eher dazu, im Katalog zu recherchieren, dann gezielt in die richtige Reihe einzutreten und die angegebene Katalognummer aus dem Gestell zu ziehen.

Ein Spaziergang durch das Labyrinth des Angebots ohne Absicht lässt einen staunen: Literatur über Stabkirchen, den Sakralbau in Indien, den Stupa, die Baukunst der Zisterzienser. Oder Bauernhausformen, Milchställe, Schweineställe, Holzhäuser in Europa, ein Buch auf Englisch und Japanisch. Oder die Reihe „Kunstdenkmäler der Schweiz”, Szenographie, Ladenmarketing, Innenraumgestaltung, Licht und Möbel. Zu letzterem gehören auch zahlreiche Werke über die Kunst, beispielsweise der „Dictionnary of Art.”

Fündig wird auch, wer nach Monografien zu Architekten oder Architekturbüros sucht oder über den Gartenbau. Selbst wer eine Reise plant, wird hier eine grossen Auswahl an Architekturführern, die einen rund um den Globus begleiten, entdecken.

Alles, was unser Leben und Zusammenleben, berührt ist in dieser Bibliothek versammelt.