Tag Archives: Schweiz

libreriascona, Ascona

libreriascona
Via Borgo 30
6612 Ascona
T: 091 792 31 33
www.libreriascona.ch



Zum Text von Heinz Egger

Paradiesische Zustände

Michael Guggenheimer

Ascona am Lago Maggiore. Eleganter, nicht billiger Ferienort mit südlichem Ambiente. Rund hundert Läden, die meisten richten sich an Feriengäste, Ferienhausbewohner, an Gäste aus dem Norden. Die Sprache ist Italienisch. Aber man spricht auch Deutsch. Und das nicht wenig. Ein Antiquariat an der Piazza San Pietro und eine Buchhandlung an der Via Borgo. Im Schaufenster der Buchhandlung ein Buch über die Geschichte des Antiquariats, das auch aktuelle Bücher verkauft. Buchhändlerin Silvia Regolati, Architektin im Erstberuf, schwärmt von den Romanen von Pulitzer-Preisträgerin Elizabeth Strout. Sie hat sie alle gelesen. „Bücher sind meine Leidenschaft“, erklärt die Besitzerin der Buchhandlung Libreriascona. Und im Gespräch spürt man diese Begeisterung und das Engagement für Literatur.

Silvia Regolati, die in mehreren Tessiner Architekturbüros gearbeitet hat, hat sich vor bald zehn Jahren einen Traum erfüllt : Sie hat die vor über 50 Jahren gegründete Buchhandlung übernommen. Und sie hat sie mit Hilfe ihres Lebens- und Geschäftspartners, dem Architekten Salvatore Lauria, umgebaut und stark aufgefrischt. Wo früher drei kleine Läden mit je einem Schaufenster zu einem Hof an der Hauptstrasse von Ascona waren, erstreckt sich hinter einem Arkadengang die Buchhandlung über die Fläche dieser kleinen ehemaligen Läden. Dreigeteilt ist daher der Laden, der gerade dank dieser Teilung und den durch die Büchergestelle gebildeten Nischen eine Geborgenheit ausstrahlt. Wenn man sich in der Buchhandlung umschaut, erkennt man die ästhetischen Ansprüche von Silvia Regolati,. Die Buchhändlerin trägt eine schicke Jacke einer befreundeten Modeentwerferin aus Locarno, die Farben ihrer Kleider sind geschmackvoll aufeinander abgestimmt. Die Büchergestelle, keine Massenware, sind aus hellem Holz, die Non-Books wie Zeichenstifte, Spiele oder Taschenmesser für Wanderer, sind alle ausgesucht schön, nicht wenige Bücher zeigen sich auf den Regalen mit dem Cover, die Ordnung auf den Gestellen wirkt luftig-leicht, das Logo auf dem Rundbogen-Hauptschaufenster zur Strasse hin symbolisiert ein offenes Buch. „Oder eben den Sonnenaufgang“, erklärt Regolati, die bis vor kurzem mit Teilzeitmitarbeiterin Ursula Bay im Laden gearbeitet hat.

Was ist anders an dieser Buchhandlung als an den anderen Buchhandlungen in der italienischsprachigen Schweiz? Es ist der Focus auf deutschsprachige Bücher. Zwar finden sich hier auch Bücher in Italienisch, Französisch und Englisch. Den deutlichen Hauptteil der Bücher machen aber Publikationen in deutscher Sprache aus. In Ascona, seit Jahrzehnten ein Magnet für Gäste aus der deutschsprachigen Schweiz und Deutschland, trifft man ebenso wie im benachbarten Locarno wohl mehr Deutsch sprechende Menschen als Einheimische. Ascona mit seiner Promenade am Lago Maggiore und mit seinen Läden der gehobenen Preisklasse im alten und stark renovierten Dorfkern wirkt urban.

Der Region verbunden und gleichzeitig weltoffen ist der Mix an Büchern in der Buchhandlung an der Via Borgo, der Strasse, die vom Dorfeingang direkt zum See und zur Flanierpromenade führt. Romane und Erzählungen mit Tessiner Bezug und Romane von Tessiner Autoren in deutscher Übersetzung, Kulturführer für die Südschweiz, Publikationen zur Geschichte der Region, Wanderbücher und Wanderkarten finden sich im Mittelteil der Buchhandlung. Wenig Politisches. Kann es sein, dass man sich hier Lesestoff für die Ferien, für freie Tage, Lesestoff als Genuss und nicht als Arbeit verstanden, holt? Gleich neben dem Arbeitsplatz der Buchhändlerin die Belletristik. Aktuelle Titel, genügend Lesestoff falls man mit wenigen Büchern nur in die Ferien gefahren ist. In einer der Nischen viele Kinder- und Jugendbücher in Italienisch und Deutsch. Was auffällt: Das Bücherangebot kann sich mit demjenigen einer Buchhandlung in gleich grossen und grösseren Ortschaften in der Deutschschweiz messen. Die neusten Romane sind da, Bücher, die in den deutschsprachigen Feuilletons vor kurzem besprochen wurden, liegen bereit. Zweimal im Jahr schauen Vertreter deutschsprachiger Verlage auch in Ascona vorbei und preisen die Bücher ihrer Verlage an. Empfehlungen von Kundinnen und Kunden, Besprechungen in den Zeitungen und eigene Vorlieben führen zum Angebot der Libreria, erläutert Silvia Regolati. Mehrere Postkartenständer unter der Arkade vor dem Laden finden die Aufmerksamkeit von flanierenden Passanten, die den Laden betreten, um die Karten zu bezahlen und sich dann noch umschauen. Dafür dass manche Gäste sich hier inspirieren, aber ihre Bücher erst nach den Ferien und Zuhause kaufen wollen, spricht die Beobachtung der Buchhändlerin, die regelmässig sieht, wie Besucher der Buchhandlung mit dem Smartphone die Covers von Büchern fotografieren.

Obschon die Zahl der deutschsprachigen Touristen im Tessin in den letzten Jahren zugenommen hat, hat die Zahl der Buchhandlungen, die Bücher in Deutsch anbieten, abgenommen. In Locarno existierte bis vor etwa acht Jahren in der Nähe des Bahnhofs die Buchhandlung „Librarti“. Zudem gab es noch die Buchhandlung „Melisa SA“ an der Piazza Grande. Geblieben ist in Locarno neben einer links-alternativen Buchhandlung und einem Kinderbuchladen die „Libreria Locarnese“: ein grosses Buchgeschäft mit Papeterie und einem breiten Angebot an Büchern sowie einer gut sortierten deutschsprachigen Buchabteilung. Dafür dass hier aktuelle Titel aus Deutschland und der Deutschschweiz erhältlich sind, war bis April 2021 Buchhändlerin Julia Debrunner verantwortlich, die in die Libreriascona gewechselt hat. Wie Silvia Regolati ist die ausgebildete Buchhändlerin eine Buchbegeisterte: «Es ist schön als Kunde, wenn man Titel entdecken kann, die nicht in jeder Bahnhofsbuchhandlung vorrätig sind. Es gibt tolle kleine Verlage wie Berenberg, die Friedenauer Presse oder die Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, die besondere Bücher machen», schwärmt Debrunner. Sie hat früher in St.Gallen gearbeitet und lebt seit einigen Jahren in Locarno: «Im Tessin ist die Kundschaft im Vergleich zur Deutschschweiz offener und schnell beim „Du“. Alles ist in der Regel etwas weniger formell und auch weniger verkrampft», beobachtet Debrunner. Die Kunden im Tessin seien unkomplizierter: In der Deutschschweiz werde oft schon ein winziger Kratzer oder ein nicht eingeschweisstes Buch beanstandet. Und sie stellt fest: «Die Bücher aus Italien kommen grösstenteils nicht komplett makellos im Laden an. Es käme jedoch im Tessin niemandem in den Sinn, sich über kleine Makel am Buch zu beschweren. Da wird lässig darüber hinweggesehen. Auch mit eventuell längeren Lieferfristen wird weitaus lockerer umgegangen. Es passiert auch schneller, dass man mit einem Kunden auch mal einen etwas persönlicheren Schwatz hält». Den Grossteil der Kundschaft in einer kleinen Stadt wie Locarno oder in Ascona kenne man nach ein paar Jahren gut. «Das hat etwas fast schon Familiäres». In der „Libreriascona“ kann sie mit Silvia Regolati eine kleine, feine Buchhandlung mitgestalten und in der Nach-Pandemie Zeit werde man auch wieder Buchvorstellungen und Veranstaltungen organisieren. «In Ascona ist die Kundschaft grösstenteils deutschsprachig» sagt sie. «Das sind natürlich paradiesische Zustände für eine Deutschschweizer Buchhändlerin im Tessin».

Anspruch: kundengerecht

Heinz Egger

Die Buslinie 1 wird seit dem Fahrplanwechsel im vergangenen Dezember neu geführt. Sie nutzt die neue Brücke über die Maggia zwischen Locarno und Ascona. Um von Ascona dorthin zu gelangen, führt die Strecke kurz übers offene Feld. Es erfasst mich wie ein „Flash-back”. Da sieht man kurz eine offene, asphaltierte Fläche – der ehemalige Flugplatz von Ascona! Und wieder sind die Erinnerungen und Entdeckungen in der Buchhandlung von Ascona gegenwärtig. Dort liegt nämlich ein Buch auf, das die Geschichte und die illustren Gäste dieses Flugfeldes erzählt.

Seit 2012 ist Silvia Regolati Geschäftsinhaberin der „libreriascona”. Sie war schon immer eine Buchliebhaberin. Auch sie ist Quereinsteigerin als Buchhändlerin. Sie hat an der ETH Architektur studiert, einige Jahre auf dem Beruf gearbeitet, dann aber in den Buchhandel gewechselt. Weil sich die ehemalige Besitzerin der Buchhandlung in Ascona pensionieren liess, ergriff Silvia Regolati die Chance, ihren Traum einer eigenen Buchhandlung zu verwirklichen.

Dass sie ein gutes Auge für Ästhetik hat, sieht man nicht nur ihren ausgesuchten Kleidern an, sondern auch dem Laden. Nach der Übernahme wurde er komplett umgebaut. Eigentlich besteht er aus drei Räumen, die alle ihren eigenen Eingang haben. Nur der mittlere steht allerdings offen. Durchbrüche in den Wänden verbinden die Bereiche.

Die Mauern sind mit Büchergestellen belegt. Auch hier spürt man die Verbindung zur Architektur. Das helle Schichtholz schmiegt sich, ohne die Räume zu beschweren, wie ein massgeschneidertes Kleid an die Wände.

Grosse Schaufenster zur Via Borgo hin und zur Piazzetta Ambrosoli fluten den Laden mit Licht. Sie geben aber auch die Möglichkeit, viele Bücher ins „rechte Licht” zu rücken. Auf dem Fenster zur Via Borgo hin ist das Logo der Buchhandlung zu sehen: Es gleicht dem Querschnitt durch ein offenes Buch, dessen Seiten sich zu einem Strahlen-Halbkreis runden. Unter dem nach oben gewölbten Buchrücken steht ein rotes A – der gemeinsame Buchstabe von Libreria und Ascona. An den Spitzen der Seiten stehen kleine Buchstaben. Sie bilden das Wort „Buchhandlung”. Dieses Logo, das auch einen Sonnenaufgang darstellen könnte, fügt sich wunderbar in das breite Bogenfenster ein.

Dass im Logo deutsch „Buchhandlung” steht, ist wichtig, denn die „libreriascona” ist die südlichste Buchhandlung mit einem sehr grossen Angebot an deutscher Literatur. Auch die Buchhändlerin spricht neben ihrer Muttersprache Italienisch sehr gut Deutsch, daneben auch Französisch und Englisch. Und sie sagt es frei heraus: Am liebsten würde sie eine französischsprachige Buchhandlung führen. Es erstaunt also nicht, dass diese Sprachen auch alle in der Buchhandlung vertreten sind. Natürlich sind es auch die wichtigsten Sprachen der vielen Touristen, die Ascona besuchen.

Auf der Via Borgo spazieren viele Leute. Gar manche halten vor dem grossen Schaufenster an und betrachten die Auslage. Es betreten auch regelmässig Kundinnen und Kunden den Laden. Silvia Regolati verrät uns, dass das vergangene Jahr trotz dem kompletten Shutdown von zwei Monaten geschäftlich erfolgreich gewesen sei. Aber auch sie hat im laufenden Jahr wegen der erneuten pandemiebedingten Schliessung des Ladens Einbussen hinnehmen müssen. Sie hat während der vergangenen Wochen Bücher selbst in die Briefkästen von Kundinnen und Kunden oder auf Bestellung durch die Türe verkauft. Dass der zweitgenannte Service hier angeboten wird, steht gleich gross auf farbigen runden Klebern neben der Eingangstür. Silvia Regolati hofft auf die Unterstützung des Kantons. Es sei ziemlich schwierig im Moment, da alle Fixkosten unverändert weiterliefen.

Bis auf das Wort „Biographien”, rot auf einen Papierstreifen geschrieben, gibt es keine Aufschriften auf den Tablaren. Die vielen Buchcovers zeigen aber schnell, was wo ist. Es ist ein schöner Anblick, oft Italienisch und Deutsch nebeneinander zu sehen, beispielsweise bei den Kochbüchern oder in der grossen Abteilung mit den Kinder- und Jugendbüchern. Bei den Reiseführern zum Tessin gesellen sich auch Französisch und Englisch dazu.

Auch sonst gibt es immer wieder ein spannendes Nebeneinander: Ein Buch über den Mobilfunkstandard 5G, in dem ein Arzt über die Gefahren der neuen Technologie schreibt, steht neben Elif Shafaks „Hört einander zu!”, in dem die Autorin dafür eintritt, für eine bessere Zukunft uns gegenseitig mehr Gehör zu schenken.

Die Abteilung mit den Büchern über Ascona, die Umgebung Ascona und das Tessin ist beachtlich. Das Buch über den Flugplatz wurde schon erwähnt. Ein weiteres beschreibt die Geschichte der Marionettenbühne in Ascona, die von 1937 bis 1960 bespielt wurde. Natürlich beleuchten verschiedene Autorinnen und Autoren das Leben auf dem Monte Verità am Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Ein anderer Band führt zu besonderen Grabstätten im Tessin. Einzelne Kunstführer der Gesellschaft für schweizerische Kunstsgeschichte (GSK), beispielsweise über das Collegio Papio in Ascona oder das Castello di Locarno liegen auf. Dann ziehen zwei Bücher über den ehemaligen Besitzer der Brissago-Inseln den Blick auf sich. Sie handeln von Max Emden, dem Hamburger Kaufmann.

Wer für seine Ferienlektüre etwas Leichtes, sei es ein Liebesroman oder ein Krimi, sucht, der wird sicher fündig.

Das Buchsortiment ergänzen eine Auswahl an Papeterieartikeln und mehrere Drehständer mit Ansichtskarten. Und überraschenderweise gibt es auch Taschenmesser und Rüstmesser von Victorinox. – Das ist in einem Ferienort nicht abwegig. Denn wer sich für ein Buch zum Schnitzen im Wald entscheidet, der braucht ein entsprechendes – auch kindergerechtes – Werkzeug. Und wer sich in der Ferienwohnung mit den Rezepten des neu erstandenen Buches über die italienische Küche beschäftigt, ist sicher froh um ein scharfes Messer.