HfH Bibliothek. Hochschule für Heilpädagogik Zürich

Thema Behinderung

Michael Guggenheimer

Von aussen sieht man dem Gebäude auf den ersten Blick nicht an, dass es eine Hochschule mit über 1100 Studenten beherbergt. Ein bürgerliches Wohnviertel in Zürich, auf der gegenüberliegenden Strassenseite eine Genossenschaftssiedlung, nebenan am Berninaplatz ein Café, das in der Kategorie der zehn am besten erhaltenen altmodischen und sympathischen Tea Rooms der Schweiz aufgenommen werden könnte. Im Tea Room trifft man immer wieder Dozenten der nahen Hochschule im Gespräch mit Studenten an. Manuskripte werden besprochen, in einer kleinen Runde wird eben eine bestandene Prüfung begossen. Unten im modernen Hochschulgebäude eine Ladenpassage. An der Strassenbahnhaltestelle fielen einem bereits vorher die vielen jungen Leute auf, eindeutig Studenten, eindeutig keine Volkswirtschaftler oder Juristen. Fährt man mit dem Aufzug im langgestreckten Gebäude hinauf und blickt von ganz oben im Lichthof auf die unteren Stockwerke hinunter, sieht man die Seminarräume, sieht die Studierenden, realisiert, dass hier keine Versicherung und keine Bank domiziliert ist, obschon das grosse Gebäude ursprünglich nicht als eine Hochschule geplant war. Ganz oben im Haus, wie untypisch ist man versucht zu sagen, die Bibliothek. HfH heisst die Hochschule abgekürzt, es ist die Hochschule für Heilpädagogik.

Dreizehn Deutschschweizer Kantone und das Fürstentum Liechtenstein sind Träger der HfH. Die Kernkompetenzen der Zürcher Hochschule sind Lehre, Weiterbildung und Forschung für das Personal heilpädagogischer Institutionen. Die meisten Studiengänge können Vollzeit oder berufsbegleitend belegt werden. Im Leitbild der Institution steht: „Die HfH unterstützt Rahmenbedingungen für einen gleichberechtigten Zugang zu Lebens-, Bildungs- und Arbeitsangeboten von Menschen mit einer Behinderung oder die von einer Behinderung bedroht sind.“ 1924 in der Nähe des Zürcher Kunsthauses als „Heilpädagogisches Seminar“ (HPS) gegründet, damals mit den Heilpädagagogik Pionieren Heinrich Hanselmann und Paul Mohr, firmiert die Institution seit 2001 als Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik.

Die HfH-Bibliothek ist die grösste öffentliche wissenschaftliche Bibliothek zu den Themenbereichen Heil- und Sonderpädagogik in der Schweiz. Ömer Even, studierter Kunsthistoriker und Filmwissenschaftler, ist Leiter der Bibliothek, ihm zur Seite steht die Historikerin Rahel Fischbach. Beide haben die Zusatzausbildung im Bereich Information Science an der HTW Chur absolviert. Mit im Team ist auch Beate Grundlehner, ehemalige Primarlehrerin und Mitarbeiterin der Frauenbibliothek in St.Gallen. Alle drei sind in gewissem Sinne Quereinsteiger, die sich „on the job“ in die wissenschaftliche und praktische Literatur des Fachbereichs Heilpädagogik eingearbeitet haben. Wie weit das Themenspektrum der lichtdurchfluteten modernen Bibliothek reicht, sieht man beim Durchschreiten der Regalnischen: Heil- und Sonderpädagogik, Körperbehinderung, Sinnesbehinderung, geistige Behinderung, Verhaltensbehinderung, Gebärdensprache, Logopädie heissen Teilbereiche der Bibliothek. Blickt man genauer hin, fallen einem engere Bereiche auf mit den Titeln „Verhaltensauffällige“, „Verhaltensgestörte“, „Autismus“, „Sprachbehinderte“, „Sehbehinderte“, „Gehörlose“, „Taubblinde“, „Geistig Behinderte“, „Lernbehinderte“, „Mehrfachbehinderte“. Man ahnt, wie weit das Feld der Tätigkeiten der im Haus Ausgebildeten reicht. Benützer der Bibliothek sind einerseits die Studenten der HfH sowie die Dozenten. Gleichzeitig steht die Bibliothek allen offen, die sich mit Fragen der Heil- und Sonderpädagogik befassen. Die Offenheit der Bibliothek wird zudem betont, indem alle Medien online im NEBIS-Katalog abrufbar sind. Auffallend dennoch der im Vergleich zu anderen Hochschulen kleine Anteil englischsprachiger Publikationen. Womit das zusammenhängt?

Handapparat: für eine bestimmte Zeit nicht ausleihbare Bücher

1700 Benutzer zählte die Bibliothek im Jahr 2014. Der Medienbestand betrug im selben Jahr etwas mehr als 24.000 Objekte, knapp hundert Fachzeitschriften zählt die Bibliothek. Beim Durchwandern der Bücherregale fallen einem mehrmals Gruppen von Büchern auf, bei denen der Begriff „Handapparat“ steht. Sympathisch die beiden im Netz abrufbaren A4 Blätter mit häufig gestellten Fragen und Antworten. Dort steht: „Was ist ein Handapparat? Manche Dozierende wollen Ihren Studierenden während Tagen oder Wochen bestimmte Medien zur Ansicht zur Verfügung stellen. Diese Medien stehen dann als „Handapparat“ in der Bibliothek oder werden von den Dozierenden mit in die Vorlesung genommen. Nach der Auflösung des Handapparates können die Medien wieder ausgeliehen werden.“

18 Arbeitsplätze an einer etwa 20 Meter langen Tischplatte stehen den Bibliotheksbenutzern zur Verfügung, 9 Computer und ein Buchscanner. Und wer zwischendurch vor lauter Buchstaben sich beim Weiterlesen behindert fühlt, der fährt mit dem Aufzug hinunter und gönnt sich im nahen Tea Room im Winter eine heisse Schokolade und süsses Gebäck. Das tut gut.

HfH Bibliothek
Interkantonale Hochschule für
Heilpädagogik Zürich
Schaffhauserstrasse 239
8050 Zürich
T: +41 44 317 11 11
www.hfh.ch/de/unser-service/bibliothek

 

Zuoberst die Bücher

Heinz Egger

Farbige Gestaltung des schlanken Innenhofs

Berninaplatz. Ein modernes Haus, dessen Fassade aluminiumfarben glänzt. Im Erdgeschoss befinden sich Läden. Und darüber dehnt sich über mehrere Etagen die Hochschule für Heilpädagogik (HfH) aus. Die Räume sind um einen schlanken Innenhof angeordnet. Schmale Terrassen und farbig gestaltete Treppen verbinden die Etagen. Durch das Glasdach fliesst Licht in den Raum. Auf der obersten Etage ist die Hochschulbibliothek eingerichtet.

Beim Eingang links haben der Bibliotheksleiter, Ömer Even, und Bibliothekarin Rahel Fischbach ihre Arbeitspätze. Sie sind beide ursprünglich nicht Bibliothekare. Herr Even studierte Kunstgeschichte, Frau Fischbach ist Historikerin. Seit zweieinhalb Jahren ist Herr Even in der Bibliothek tätig. Auf den Arbeitstischen stapeln sich neue Bücher, die im Nebis-Katalog erfasst werden müssen. Die Bestände wachsen durch Wünsche von Dozierenden und Studierenden. Die Zusammenarbeit mit anderen Bibliotheken, wie zum Beispiel mit der Zentralbibliothek, ist eng, um ein klares Bestandesprofil zu wahren. Elektronische Bücher sind in der Pipeline. Pflege und Zur-Verfügung-Stellen elektronischer Medien ist allerdings aufwändig und teuer.

Der Zettelkasten, der prominent gegenüber der Eingangstüre steht, hat demnach ausgedient. Aber doch nicht ganz. In diesen Dezembertagen dient er als Adventskalender. Für den heutigen Tag liegen farbig verpackte Napolitaines in einer der Schubladen. Die hochkomplexe, aber effiziente Software des Nebis-Bibliothekenverbunds gibt den Studierenden sehr schnellen Zugriff auf schier unendlich viele Titel. Die Bibliothek ist öffentlich und jeder, der einen Ausweis einer Nebis-Bibliothek besitzt, kann hier Bücher ausleihen. Etwa 1700 aktive Nutzer zählt die Bibliothek der Hochschule.

Arbeitstische entlang der Fensterfront

Für die Recherche stehen einige PC-Arbeitsplätze zur Verfügung. Sie stehen entlang der Fensterfront. Durch die Lamellen der Fassade sieht man von diesen Arbeitsplätzen aus auf ein langes, steiles Ziegeldach. Ein achteckiges Türmchen ziert eine Hausecke. Auf dem First sitzen Kamine wie Dachreiter.

Die HfH-Bibliothek hat in den letzten Jahren im Bereich der Hörbehinderung wertvolle Bestände von verschiedenen heilpädagogischen Schulen übernommen. Diese befinden sich im Archiv des Hauses und sind noch nicht im Nebis erfasst. Die Arbeit ist gross, da gleichzeitig auch die Doubletten auszusortieren sind.

Rechts vom Eingang laden Zeitschriften zum Blättern ein. Es sind sehr viele, denn zu vielen heilpädagogischen Fragen gibt es Fachjournale und die Verbände der Menschen mit Behinderungen haben ebenfalls ihre Zeitschriften. Die Titel geben einen ersten Überblick über die Themen der Heilpädagogik und somit auch über die Vielfalt der Bibliothek.

Die im Raum angeordneten Gestelle enthalten eher eine Präsenzbibliothek. Wer ihnen entlanggeht, entdeckt die zahlreichen Themen, die unter Heilpädagogik zusammengefasst werden. Jede denkbare Form von Behinderung oder Einschränkung, die Kinder und Erwachsene haben können, ist hier vertreten: Seh- und Hörbehinderung, Rechen-, Lese- und Schreibschwäche, motorische Störungen. Auch Literatur zur Forschung und zum Management sind greifbar. Die Gerontagogik, die Wissenschaft von der Bildung im Alter und der Weiterbildung älterer Menschen, ist wohl ein neuerer Schwerpunkt der Bibliothek. Es ist anzunehmen, dass dieser Teil künftig an Bedeutung gewinnen wird.

Zuhinterst stehen zwei Gestelle mit Spezialbeständen. Diese sind Schenkungen. Die eine stammt vom Schweizer Gehörlosenbund, der zweite von Sonos, dem Schweizerischer Verband für Gehörlosen- und Gehörgeschädigten-Organisationen. Darin befindet sich einiges, was für Historiker spannend wäre. Beispielsweise die Zeitschriften „sourd aujourd’hui“, die Gehörlosenzeitung ab 1943, Das Zeichen. Dann Dutzende Fernsehsendungen „Sehen statt hören“ auf CD oder DVD ab 1981. Das bunte Blatt, schön in Leinen gebunden, Jahrgänge ab 1968, Audiologische Akustik in rosa Plastikordnern, Hörgeräteakustik ab 1963.

Ein kurzer Gang von vorn nach hinten und wieder zurück durch den wunderbar hellen Bibliotheksraum kann nur einen vagen Einblick in die wahren Bestände geben. Zumal der grösste Teil davon im Keller lagert. Natürlich gibt es die Recherche im Nebis-Katalog, aber der Bestand bleibt auch so nicht fassbar. Der schöne, hölzerne Zettelkasten kann da leider auch keine bessere Vorstellung schaffen.

 

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